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Vom Gärtner zum Tee-Macher: Jonathon Jones war sicher, dass Tee auch in England wachsen würde.

Cornwall

Tee aus dem Rosamunde-Pilcher-Land

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Das Landgut Tregothnan in Cornwall war Großbritanniens erste Teeplantage. Hier zeigte sich, dass die ursprünglich aus China stammende Pflanze auch in Europa gedeiht. Ein Ortsbesuch.

Der Himalaya in Cornwall braucht kein Hochgebirge, um wie ein Ort des Glücks zu erscheinen. Es genügen Teebüsche, die sich den Hügel hinaufziehen und selbst in Englands Grau in sattem Grün strahlen. Umrahmt werden sie von dunklen Nadelbäumen, Farn und prachtvoll blühenden Rhododendren, am Talgrund sind zwei Teiche angelegt, in deren Wasser sich Hortensien und exotische Pflanzen spiegeln. Daneben versprüht ein Pavillon mit Pagodendach japanischen Charme. Die Schönheit des sogenannten „Himalaya-Tals“, die Ruhe, die beinahe spirituelle Atmosphäre – all das könnte nur noch mit „a lovely cup of tea“, einer schönen Tasse Tee, vollendet werden. Und die schenken sich die Mitarbeiter in Tregothnan ohnehin von morgens bis abends ein.

Hier auf dem Landgut, das sich in der Nähe von Truro in der Grafschaft Cornwall hinter schmalen Straßen und hohen Böschungen versteckt, will Jonathon Jones die berühmte englische Tradition auch in der Heimat buchstäblich verwurzeln. Früher Landschaftsgärtner auf dem Anwesen, ist er seit einigen Jahren als Geschäftsführer unaufhörlich damit beschäftigt, „den britischsten Tee in der Geschichte“ zu vermarkten. Immerhin, in Tregothnan gab es die erste Teeplantage auf der Insel.

Tee steht in Sachen Englishness auf einer Stufe mit der Queen und den roten Telefonzellen. Die Teezeit, die „tea time“, ist für die Briten mehr als ein lieb gewonnenes Ritual, das Tee trinken gehört zur Lebensart und Kultur, ist Teil der Identität. Am Morgen genauso wie am Nachmittag und auch dazwischen darf der Wasserkessel gerne aufgesetzt werden. 100 Millionen Tassen werden laut britischem Teeverband jeden Tag im Königreich konsumiert. Für 84 Prozent der Bevölkerung gehört es gar zur täglichen Gewohnheit. Kein Wunder. Jedes Kind wächst im Königreich mit der Gewissheit auf, jedes Problem lasse sich mit einem „Cuppa“ lösen. Und das Thema Zugabe von Milch hat sich ohnehin zur Glaubensfrage entwickelt. Mit oder ohne? Erst Milch, dann der Aufguss – oder andersherum?

Ein Blatt, ein Blick: Bella Percy-Hughes macht ihre Runde über die Plantage in Tregothnan.

Doch obwohl der Tee eine lange Tradition im Königreich hat und Touristen gerne in den Luxushotels von London zum Afternoon Tea einkehren, seine Wurzeln stammen aus China. Holländische Händler brachten den Tee vor mehr als 350 Jahren aus dem Reich der Mitte nach England. Seitdem wird das Produkt aus dem fernöstlichen Land sowie aus Indien und Sri Lanka importiert, zunächst blieb es der feinen Gesellschaft vorbehalten, weil die Kolonialware teuer war. „Wir haben das chinesische Nationalgetränk eingeführt und es zu unserem Nationalgetränk gemacht“, sagt Jones mit gewissem Stolz. „Die Briten haben Tee verwestlicht.“ Zwar gab es Versuche während des Zweiten Weltkriegs, Tee auf heimischer Scholle anzubauen – um nach den Worten von Winston Churchill „die Moral aufrechtzuerhalten“ – doch aus Bequemlichkeit und Kostengründen wurden sie schnell wieder verworfen.

Erst 1999 kam der damalige Chef-Landschaftsgärtner Jonathon Jones auf die Idee, die Sträucher auf britischem Boden wachsen zu lassen. Immerhin bietet die Natur im Südwesten des Königreichs die erforderlichen Gegebenheiten: Der Boden ist sehr sauer, das Land hügelig, die Luft feucht. Dazu sind die Winter aufgrund des Golfstroms mild und der mediterrane Einfluss lässt sich leicht an der Flora ablesen. „Wenn Magnolien wachsen, dann sollten wir auch in der Lage sein, Tee anzubauen“, befand Jones damals. Außerdem gedeiht eine der beiden Urpflanzen des Tees, die Camelia Sinensis, bereits seit mehr als 200 Jahren auf Tregothnan. Jones begann mit dem Anbau original chinesischer Teesträucher – und er sollte Recht behalten. 2003 fiel erstmals Tee ab, süße 28 Gramm. Seit 2005 wird er verkauft und die Erträge nehmen stetig zu. Im vergangenen Jahr ernteten sie elf Tonnen, für 2019 erwartet Jones rund 15 Tonnen. Angesichts solcher Mengen würden die Gärtner in Darjeeling natürlich schallend lachen, doch es handelt sich um englischen Tee in England – ein Verkaufsschlager in exquisiten Londoner Kaufhäusern wie Fortnum & Mason oder Liberty.

Dabei gehe es ohnehin nicht nur um das Getränk, so Jones. „Viel dreht sich um die Erfahrung, wie wir Tee trinken.“ Dafür bieten sie in Tregothnan Kurse an, in denen Master Blender Julie Symons erklärt, dass die perfekte Temperatur für Tee bei 90 bis 95 Grad Celsius liegt und dass die Qualität des genutzten Wassers wichtig ist. Besucher können sowohl Teeproben von Darjeeling und Manuka genießen als auch durch den botanischen Garten streifen, einen der schönsten im Königreich.

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Chef-Gärtner Neil Bennett erzählt dann wie ein Entertainer von Pflanzen mit Namen wie Cupresus Guadalupensis oder führt zu einem Baum, der keinen Schönheitswettbewerb gewinnen würde und trotzdem zum Schutz vor Tieren in einem Drahtkäfig wie eingesperrt wirkt. Bei der Wollemia nobilis handelt es sich um den 90 Millionen Jahre alten „Dinosaurier-Baum“, der als ausgestorben galt und erst 1994 wiederentdeckt wurde. Das prähistorische Exemplar krönt das Anwesen, immerhin war der Eigentümer der erste in Europa, der sich den Baum hinters Haus pflanzen ließ. „Bei diesen Gärten geht es ums Angeben“, sagt Bennett trocken und stiefelt weiter über den perfekt gemähten Rasen. Dann verweist der 44-Jährige auf das herrschaftliche Schloss, in dem die Eigentümer leben.

Das Landgut ist seit mehr als 700 Jahren im Familienbesitz des Honourable Evelyn Arthur Hugh Boscawen, Erbe des Titels Viscount Falmouth und ein Nachkomme von Earl Grey – jenem Premierminister, der seinen Tee mit dem Öl der Bergamotte-Orange parfümierte. Boscawen darf sich als größter privater Landbesitzer in Cornwall bezeichnen, was schon etwas heißen will in einer Region, wo auch Prinz Charles als Eigentümer äußerst umtriebig ist. Der Tee aus Tregothnan dürfte denn auch dem gartenliebenden Thronfolger schmecken.

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