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Enrico Fontolan hat auch seinen Arbeitsplatz fotografiert: den Palazzo Zuccari an der Spanischen Treppe. enrico fontolan
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Enrico Fontolan hat auch seinen Arbeitsplatz fotografiert: den Palazzo Zuccari an der Spanischen Treppe. enrico fontolan

Corona-Pandemie

Rom in Zeiten des Lockdown: „Diese Stille war erstaunlich – und beängstigend“

  • Andreas Hartmann
    VonAndreas Hartmann
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Der Fotograf Enrico Fontolan zog während des strengen Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 mit seiner Kamera durch Rom. Ein Gespräch über die Ewige Stadt.

Herr Fontolan, das deutsche kunstgeschichtliche Forschungsinstitut Bibliotheca Hertziana in Rom zeigt im Internet gerade eine faszinierende Fotoausstellung mit ganz ungewohnten Bildern. Ungewohnt, weil es so wirkt, als hätten Sie die Menschen wegretuschiert?

Enrico Fontolan: Nein, nein, nein! Ich benutze doch nicht Photoshop! Also nein! Die sonst überfüllten Straßen waren während des strengen Lockdowns im vergangenen Frühjahr wirklich so leer. Da durfte man lediglich einkaufen, aber nicht zu weit weg von der eigenen Haustüre. Es gab nur Ausnahmen für wenige, darunter Pressevertreter und Fotografen. Ab Mitte April hatte ich eine Genehmigung.

Rom ohne Touristen, das scheint kaum vorstellbar.

Ich bin gebürtiger Römer, aber so hatte ich meine Heimatstadt tatsächlich noch nie gesehen, höchstens in meinen Träumen oder Alpträumen. Die Ästhetik, die Stille, das war schon erstaunlich und gleichzeitig auch beängstigend. Die Stadt war bisher immer voller Touristen, ganze Karawanen überall.

Rom: Keine Touristenmassen in Zeiten von Corona

Fehlen Ihnen die Besucherinnen und Besucher?

Nein, die Touristenmassen vermisse ich ehrlich gesagt nicht. Die Leute haben vielleicht ein oder zwei Tage Zeit für die ganze Stadt und wollen dann alles sehen. Sie eilen durchs Zentrum, vom Vatikan bis zu den Antiken, und dann verschwinden sie schnell wieder.

Enrico Fontolan.

Die Leute suchen vermutlich Roms Schönheit ...

Diese Art von Tourismus respektiert die Schönheit nicht. Die Leute konsumieren Rom, aber sie schätzen es nicht. Ich bin Fotograf, für mich war das eine große Chance, die Stadt einmal auf eine Art zu fotografieren, wie es unmöglich schien. Wenn Sie aber mit Wirten oder Kellnern sprechen, dann bekommen Sie sicher eine ganz andere Antwort.

Ihre Heimatstadt wird jeden Tag viele Millionen Male fotografiert, inzwischen meistens mit dem Handy. Wie viele Fotos machen Sie als Profi-Fotograf denn so am Tag?

Tausend Bilder machen und dann auswählen? So arbeite ich nicht. Lieber wenige und dafür gute. Ich bin mit der Analogfotografie groß geworden, mit einer begrenzten Anzahl von Aufnahmen auf einer Filmrolle und Kosten für Entwicklung und Abzug. Ich versuche, den richtigen Augenblick einzufangen, den richtigen Rahmen. Das Licht muss passen. Die meisten Fotos mache ich mit einer speziellen großformatigen Digitalkamera. Man braucht Zeit. Ich benutze meist Stative - was hier übrigens gar nicht offiziell erlaubt ist.

Das müssen Sie mir erklären!

Viele Leute wissen gar nicht, dass es in Italien ein seltsames Gesetz von 1931 gibt, das genau das verbietet. Wenn einen die Polizei mit Stativ erwischt, könnte man Probleme bekommen (lacht). Selbst als Berufsfotograf! Während des Lockdowns hatte ich allerdings sogar mehr Freiheiten als zu normalen Zeiten. Ich konnte überall mein Stativ aufstellen und mir die Zeit nehmen. Es wurde zwar nicht offiziell erlaubt, aber ich habe es einfach gemacht. Ich bin aber immer wieder von der Polizei angehalten worden und musste nachweisen, dass ich arbeite und kein Tourist bin.

Fotograf und Institut

Das Projekt: Fünf Fotografen sind im Frühjahr 2020 im Auftrag des deutschen kunsthistorischen Instituts Bibliotheca Hertziana in Rom und Neapel unterwegs gewesen. Enrico Fontolan, Marcello Leotta sowie Luciano, Marco und Matteo Pedicini haben in dieser Zeit zwei der beliebtesten Touristenziele der Welt ganz ohne Menschen fotografiert. Im Jahr 2018 zählte der italienische Touristikverband allein für Rom 36,6 Millionen Besucher, 2020 brachen die Besucherzahlen nach Schätzungen um teilweise mehr als 90 Prozent ein.

Die Ausstellung: Unter dem nüchternen Titel „Rom und Neapel im Frühjahr 2020 – Dokumentationsfotografie im Lockdown“ ist eine große Auswahl dieser eigenartig schönen, aber auch gespenstisch leeren Bilder zu sehen unter https://galerie.biblhertz.it/lockdown.

Das Institut: Die Bibliotheca Hertziana zählt zu den international führenden kunstwissenschaftlichen Forschungsstätten und ist heute Teil der Geisteswissenschaftlichen Sektion der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften. Die Einrichtung im historischen Palazzo Zuccari am Kopfende der Spanischen Treppe leistet Grundlagenforschung zur italienischen und globalen Kunst- und Architekturgeschichte.

Die Stifterin: Das Institut geht zurück auf eine Stiftung der gebürtigen Kölnerin Henriette Hertz, die bei ihrem Tod 1913 den prachtvollen Palast samt Bibliothek und einer großen Stiftungssumme der damaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Erforschung der italienischen Kunstgeschichte hinterließ. Heute umfasst sie neben dem benachbarten, 1963 angekauften Palazzo Stroganoff und dem Villino Stroganoff auch einen 2013 eröffneten Neubau des spanischen Architekten Juan Navarro Baldeweg.

Die Fotothek: Zu der Forschungseinrichtung gehört auch eine umfangreiche Fotothek mit mehr als 870 000 Bildern. Viele stammen noch aus dem 19. Jahrhundert. Etwa die Hälfte der Sammlung ist inzwischen digitalisiert und auch online zugänglich.

Der Initiator: Die Idee zur aktuellen Schau, die weit mehr ist als eine Dokumentation, hatte der Leiter der Fotothek, Johannes Röll. Das sei auch eine Möglichkeit gewesen, die freiberuflichen Kollegen in der Zeit des Lockdowns zu beschäftigen, sagt er im Gespräch. Ihn habe beeindruckt, dass jeder dabei seine eigene Bildsprache zeige. „Alle hatten freie Hand bei dem Auftrag. Es ging um die Atmosphäre“, sagt er. Die sei in Neapel sogar noch seltsamer als in Rom gewesen. „Die neapolitanischen Fotografen haben ihre Stadt neu erkannt, haben gestaunt darüber, wie ihre Heimat mit Werbung und Autos zugestellt ist. Diese Vermüllung der Stadt springt einen erst an, wenn die Menschen weg sind“, sagt Röll.

Der Fotograf und Journalist Enrico Fontolan , 45, ist echter Römer, im historischen Zentrum der Stadt geboren. Seit 2014 arbeitet er an der Bibliotheca Hertziana, dem deutschen kunsthistorischen Forschungsinstitut in Rom. Für dieses hat er zahlreiche Bauwerke dokumentiert. aph/Foto: Matteo Montanari

Auf Ihren Bildern ist ein wunderbares Licht. Wann haben Sie denn fotografiert?

Meist war ich früh morgens unterwegs, aber es gibt auch Bilder mit Mittags- oder Abendlicht. Abends ist das Licht wärmer, mit einem Rotton, einfach magisch. Das ist maximale Schönheit. Das Licht in Rom ist im Frühling oft so. Und das vergangene Frühjahr war dazu noch besonders schön, das schönste, an das ich mich erinnern kann, mit einem blauen Himmel, ohne Smog und Nebel. Aber klar, es gab auch keinen Verkehr.

Haben Sie Rom neu sehen gelernt in dieser Zeit, so ganz alleine auf den Straßen?

Mir fielen plötzlich überall die vielen, vielen Autos auf. Die Römer respektieren die historische Szenerie auch nicht besonders, sie nutzen die Stadt als Parkplatz. Da sind keine Fußgänger, es ist kein Verkehr, aber alles ist zugeparkt. Das hatte ich nie so wahrgenommen während des normalen Alltags.

Auf dem von Michelangelo entworfenen Kapitolsplatz steht die fast 1900 Jahre alte Reiterstatue des Kaisers Marc Aurel.

Fotografien in Rom während des Lockdowns

Die tausendmal gesehenen Fassaden und Plätze der Ewigen Stadt sind auf Ihren Bildern sehr entrückt und monumental. Eines der berühmtesten und meistfotografierten Monumente, der Trevibrunnen, fehlt aber. Hat er Ihnen dann doch nicht gefallen, so ganz ohne Menschenmassen?

Oh doch! Den Trevibrunnen habe ich immer, immer wieder zu fotografieren versucht. Aber das ist mir nie gelungen. Dort standen immer einige Polizisten herum, das war schon verrückt. Die wollten nicht aufs Bild, selbst im Lockdown nicht. Deshalb fehlt der Brunnen. Das ging einfach nicht. Es gab einige Plätze, wo es einfach nicht möglich war zu fotografieren.

Diese stillen Straßen und Plätze auf Ihren Fotos - ist das denn überhaupt das klassische Rom?

Ich glaube, diese prunkvollen Gebäude müssen mit leeren Straßen gesehen werden. Das ist die Idee. Menschen passen da gar nicht so gut. Deshalb war es schon eine Chance, diese Augenblicke einzufangen. Und ich hoffe ja sehr, dass es auch eine einmalige Gelegenheit im Leben bleiben wird!

Inzwischen sind die Straßen ja wieder belebter. Woran arbeiten Sie denn nun?

Ich fotografiere gerade für die Bibliotheca Hertziana die mittelalterlichen römischen Wohntürme, das ist ein ganz tolles Projekt. Viele sind nicht mehr übrig. Das sind oft wunderschöne private Häuser mit Türmen und Gärten. Rom ist wie ein Eisberg, man sieht eine Spitze, aber das allermeiste sieht man nicht. Wenn man mal die Chance hat, in solche Höfe oder Paläste zu schauen, sollte man sich das nicht entgehen lassen. Dann bekommt man eine Vorstellung, was es da alles gibt, Brunnen, Bäume, Statuen. Aber das ist meistens nicht zugänglich. Ja, man sieht eben nur die Spitze. Rom, Florenz oder Venedig zeigen ihre ganze Schönheit nur dem, der sie erforscht.

Interview: Andreas Hartmann

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