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Alon Schwut: Techniker Amos Zaada baut bei einem elektrischen Rollstuhl eine Sabbat-Funktion ein.

Judentum

Rollstuhl und Aufzug im Sabbat-Modus

Religiöse Juden müssen dank moderner Technologie am wöchentlichen Ruhetag auf nichts verzichten.

Moria Seira aus Tel Aviv ist eine zupackende Frau, verheiratet, Mutter von acht Kindern und tiefreligiöse Jüdin. Die Familie lebt nach den Geboten Gottes und hält den Sabbat ein, von Freitag- bis Samstagabend. „Gott schuf die Welt in sechs Tagen, und am Sabbat ruhte er“, sagt die 50-Jährige, roter Kopfputz, lange Ohrringe und Rock. „Und wir machen dasselbe: Wir arbeiten sechs Tage und ruhen am Sabbat.“ Dabei ist etwa Auto fahren, Telefonieren, das Licht einschalten und Kochen verboten. Doch die Seiras verzichten trotzdem nicht auf moderne Technik – im Gegenteil, technische Lösungen helfen der Familie, die Sabbat-Regeln einzuhalten.

Drei Mahlzeiten sind am Sabbat vorgeschrieben. Das Essen am Freitagabend bei Familie Seira ist warm und üppig. Trotz des Koch-Verbots gibt es Salate und Suppe, Kartoffeln, Fleisch und Fisch, zum süßen Nachtisch noch einen heißen Tee. Die Lampen brennen, die Klimaanlage heizt – obwohl es etwa nicht erlaubt ist, einen Lichtschalter zu betätigen. Wie passt das zusammen? „Wir können Elektrizität benutzen, weil sie für die anderen sowieso generiert wird“, erklärt Seira. „Aber wir haben Regeln, wie wir sie benutzen können.“

So werden die Heizplatten für das warme Essen, das Licht und die Klimaanlage bei Seiras durch Zeitschaltuhren gesteuert, die vor dem Sabbat programmiert werden. Das vorbereitete Essen wird dann zur gewünschten Zeit erwärmt. Das heiße Teewasser kommt von einem Wassertank mit Sabbat-Funktion. Dabei wird das Wasser konstant aufgeheizt, so dass es warm bleibt. Kochen darf es allerdings nicht, denn das ist verboten. „Wenn jemand aus Versehen das Wasser auf ‚Kochen‘ stellt oder ausmacht, dann haben wir kein warmes Wasser“, sagt Moria Seira.

Das Zomet-Institut in der israelischen Siedlung Alon Schwut im Westjordanland gehört zu den Einrichtungen, die sich mit technischen Lösungen für den Sabbat beschäftigen. Dabei geht es immer um die Fragen: Was erlauben die jüdischen Religionsgesetze – und was ist danach technisch möglich?

Der Bibel nach gibt es 39 Tätigkeiten, die am Sabbat nicht verrichtet werden dürfen, wie Schreiben, Feuer entzünden und löschen sowie Backen. „Von außen sieht das einschränkend aus“, sagt Rabbi Binjamin Zimmerman von Zomet. „Aber wir sehen es als Geschenk von Gott, um alles zur Seite zu legen und uns auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren“ – auf die Familie, die Verbindung mit Gott. Es gehe generell um das Verbot, etwas direkt zu schaffen. Im Falle von Elektrizität bedeute dies, mit dem Umlegen eines Schalters einen Stromkreis zu schließen.

Für kranke Menschen oder Menschen mit Behinderungen erlauben jüdische Religionsgelehrte allerdings, „indirekt“ Dinge zu erschaffen. Die Ingenieure und Rabbiner des Zomet-Instituts haben daher technische Lösungen etwa für Asthmageräte, Treppenlifte und elektrische Rollstühle gefunden, wie Zimmerman sagt.

So wird ein Rollstuhl vor dem Sabbat in den Sabbat-Modus geschaltet. Ein Chip kontrolliert dann automatisch alle paar Sekunden, ob der Knopf auf „an“ gestellt ist oder nicht. Bei „an“ startet der Motor selbst. Anschließend läuft der Motor mit geringer elektrischer Spannung. Will sich der Benutzer bewegen, erhöht er lediglich diese Spannung mit einem Regler. Auf diese Weise schaltet er den Rollstuhl nur indirekt an.

Dieses Prinzip ist laut Zimmerman am Sabbat erlaubt. Bei dem ganzen Vorgang schließt oder trennt der Benutzer keine Schaltkreise direkt. Nach den gleichen Mechanismen bietet die Einrichtung Metalldetektoren für die Sicherung etwa von Synagogen an, aber eben auch kalte und warme Wasserspender für den Haushalt. Denn beim Sabbat geht es etwa auch um den Genuss von gutem Essen.

Rabbi Jeffrey Woolf von der Bar-Ilan-Universität lobt die Arbeit des Institutes. „Innerhalb der Parameter des jüdischen Gesetzes machen sie das Leben von vielen Menschen, die medizinische Hilfe brauchen, besser – aber auch von allen anderen Menschen.“

Auch der Rat der Oberrabbiner Israels befürwortet die Tätigkeit des Institutes. Ratsmitglied Rabbi Elieser Simcha Weiss sagt: „Wir benutzen Technologie, um unser Einhalten des Judentums zu verbessern, wir sehen sie nicht als Affront gegen die Einhaltung.“

Allerdings betont er auch, dass es immer um ein Abwägen ginge – nicht alles, was erlaubt sei, müsse auch gemacht werden. Manche strengreligiösen Juden lehnten die Lösungen von Zomet und ähnlichen Einrichtungen ab. „Ich persönlich würde keinen Sabbat-Aufzug benutzen.“ Diese Aufzüge halten automatisch in jedem Stockwerk ohne Zutun der Benutzer. „Manche Dinge widersprechen dem Geist des Sabbats, selbst wenn sie möglich sind.“

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