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Robbie Williams: „Mittlerweile bin ich gerne in mir selbst zu Hause“

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„Let me entertain you“: Robbie Williams beim Konzert in London im Juni 2022.
„Let me entertain you“: Robbie Williams beim Konzert in London im Juni 2022. © imago

Popstar Robbie Williams legt ein neues Album vor und konfrontiert sich mit seiner größten Sucht – dem Gefühl, erfolgreich zu sein. Ein Gespräch vor seinem Auftritt in Deutschland.

Robbie Williams sitzt beim Zoom-Interview auf einem geräumigen cremefarbenen Sofa und trägt einen weißen Morgenrock mit schwarzen Längsstreifen. Während des Gesprächs präsentiert er hin und wieder seine nackten Beine. Wir sind mit dem eigentlich noch urlaubenden Robbie Williams verabredet, weil er am 9. September sein neues Album „XXV“ veröffentlicht – darauf hat er seine größten Hits mit einem niederländischen Orchester neu eingespielt. Und bereits am 27. August wird er sein einziges Deutschlandkonzert geben, in München vor 100 000 Menschen.

Mr. Williams, Sie haben ja richtig Farbe bekommen!

Oh ja. Heiß ist es hier in Südfrankreich. Fast schon zu heiß.

Genießen Sie den Urlaub trotzdem?

Sehr sogar. Wir treffen hier andauernd Menschen, was für mich ein wenig ungewohnt ist. Meine Frau ist sehr, sehr sozial und kommunikativ, und ich hatte von mir selbst gedacht, dass ich auch so würde, wenn ich mit ihr zusammen bin. Aber mein Körper und meine Psyche sind nicht so gut imstande dazu, immer unter Leuten zu sein. Und so ist das für mich jetzt eine eigenartige Mischung: Einerseits fühle ich mich supersexy im Süden Frankreichs mit meiner tollen Frau. Auf der anderen Seite stellt sich bei mir schnell die absolute Überforderung ein, wenn ich mal wieder genötigt bin, Smalltalk mit Milliardären zu machen (lacht) .

Sie arbeiten womöglich selbst daran, einer zu werden, oder?

Naja, ich komme zurecht. Ich habe ein paar sehr gute Freunde, die unglaublich viel Geld haben und trotzdem total liebreizende Menschen sind. Ob jemand nett ist oder auf deiner Wellenlänge, hat ja nichts mit dem Kontostand der Person zu tun. Jedenfalls habe ich in jüngster Zeit gelernt, dass es nicht gut für mich ist, mich bis ans Ende meines Lebens zu isolieren und von den Menschen fernzuhalten. Vor allem will ich endlich lernen, wie man im nüchternen Zustand unter die Leute geht.

Sie trinken aber doch schon lange nicht mehr, oder?

Ich hatte seit 22 Jahren keinen Drink mehr. Der Anpassungsprozess verläuft sehr langsam (schmunzelt) .

An diesem Samstag werden Sie ein Konzert vor mehr als 100 000 Menschen in München spielen. Sich vor der Welt zu verstecken, ist also eh keine Option, oder?

Oh ja, ich bin extrem dankbar für dieses Konzert. Ach, ich bin Deutschland als solchem superdankbar, Punkt. Ich bin 48 Jahre alt, schon unendlich lange dabei, und ihr habt mich immer noch gern. Die Deutschen sind sehr loyal, einfach ein wundervolles Publikum, unglaublich warmherzig auch. Während also meine Karriere weitergeht, werde ich Deutschland immer und immer dankbarer. Als ich vor fast zwanzig Jahren sagte: „Grow old with me“ („Werdet bitte mit mir alt“), hörte Deutschland genau zu und antwortete: „Gerne, Rob, machen wir“.

So alt sind Sie doch noch gar nicht.

Ich spiele definitiv längst in der Altherrenmannschaft des Pop. Ich bin ein Veteran meines Metiers, daran gibt es keinen Zweifel.

Ihr Freund Elton John zum Beispiel ist fast 30 Jahre älter. Schauen Sie sich Karrieren wie seine oder die von Tom Jones an und denken: „Mit 75 oder 80 will ich den Job auch noch machen?“

Diese Männer sind meine Idole und meine Helden. Ich finde es fantastisch, dass sie noch auf der Bühne stehen und ihr Bestes geben. Rod Stewart wird sein ganzes Leben lang Rod Stewart sein. Elton ist immer Elton. Und ich werde nie aufhören, Robbie Williams zu sein.

Würden Sie gerne aus Ihrer eigenen Haut schlüpfen?

Mittlerweile bin ich gerne in mir selbst zu Hause. In einer sehr unbeständigen Welt, in der Karrieren kaum noch planbar sind, hatte ich ein fast unverschämtes Glück. Für jemanden mit einem dermaßen fragilen Ego wie mich ist dieser Zustand sehr, sehr wohltuend und beruhigend.

Warum?

Weil ich abhängig bin vom Gefühl, erfolgreich zu sein. Und weil ich in besonders hohem Maße um mich selbst kreise. Gewissheit darüber zu haben, kein Niemand zu sein und auch keiner mehr zu werden, hat für mich einen hohen Stellenwert.

Sie singen in „Eternity“, dass die Jugend an die jungen Menschen verschwendet wird („Youth is wasted on the young“). Würden Sie gern noch einmal Anfang 20 sein und am Anfang Ihrer Solokarriere stehen?

Nein, bloß nicht! Ich denke manchmal an diese Phase in meinem Leben zurück, aber nie mit Wehmut oder Sehnsucht. Ich möchte diese Jahre nicht noch einmal erleben müssen.

Sie vermissen gar nichts von dem, was der junge Robbie Williams hatte?

Okay, ich hätte gern meinen funktionierenden Rücken von damals. Wenn die Wirbel alle noch in Reih und Glied lägen und die Stoßdämpfer dazwischen noch ordnungsgemäß ihren Dienst verrichteten, wäre das sehr schön. Doch von den Bandscheiben abgesehen, kannst du die verdammten Zwanziger echt behalten (lacht) .

Wird die Jugend generell überschätzt?

Man kann das Leben als junger Mensch natürlich extrem genießen. Aber für mich persönlich war diese Zeit halt nicht so toll. Ich war viel zu lange ein Gefangener meiner miserablen psychischen Verfassung. Ich muss also ganz sicher nicht zurück in den Knast in meinem eigenen Kopf.

Sie besuchen den alten, gequälten Robbie Williams allerdings in Ihrem neuen Song „Lost“, der von diesen verlorenen Jahren und Ihren Gefühlen damals handelt. Ist es also wieder etwas anderes, die Vergangenheit in der Musik, in der Kunst, aufleben zu lassen?

(Überlegt) Ja, schon. Es hat etwas sehr Befreiendes, diesen verlorenen Ort mental mit der Sicherheit und Geborgenheit eines mittelalten Mannes aufzusuchen und in diesem Zusammenhang weitere Gifte ausschwemmen zu können, die immer noch in meinem Körper stecken aufgrund von früheren Erfahrungen und Ausschweifungen.

Sie haben kürzlich bei einem Auftritt in Saint Tropez sehr offen über Ihre psychischen Erkrankungen und Ihre Süchte gesprochen. Überhaupt hat sich die Gesellschaft in diesen Fragen geöffnet...

Ich habe immer schon über diese Dinge gesprochen, aber es stimmt, seit einiger Zeit hören mir die Menschen genauer zu. Ich habe ewig lange mir das Hirn zermartert, warum ich so bin, wie ich bin, und was an mir nicht stimmt und warum ich so leiden muss, und ich erhielt dafür keine Freundlichkeit, kein Wohlwollen, keine Empathie. Ich wurde verurteilt, mit den üblichen Sprüchen wie „Reiß’ dich mal zusammen“ oder „Worüber willst denn ausgerechnet du dich beklagen?“. Ich denke, heute verstehen die Leute, dass auch reiche, berühmte Menschen unter einer schlechten psychischen Gesundheit leiden können.

Ihr neues Album „XXV“ ist sehr opulent. Wie war es für Sie, die alten Hits mit dem holländischen Metropole Orkest neu aufzunehmen?

Ich finde, es ist eine nette Idee, mir die alten Lieder mit dem Abstand von Jahren oder Jahrzehnten noch einmal vorzunehmen und ihnen durch die Neubearbeitung etwas mehr Gravität zu geben, etwas mehr Gewicht. Für jemanden wie mich, der permanent im Hamsterrad rennt, immer das nächste Ziel vor Augen hat und nach wie vor etwas reißen will in der Karriere, ist es gut, mal zu sehen, dass ich auch früher schon besser war als ich damals dachte.

Zur Person

Robbie Williams , geboren am 13. Februar 1974 im britischen Staffordshire, ist einer der erfolgreichsten Popstars seiner Zeit. Anfang der 1990er Jahre wird er als Mitglied der Boygroup Take That berühmt. Im Juli 1995 wird bekannt, dass er die Band nach Drogen- und Partyexzessen verlassen muss. Er selbst ist angeblich nicht mehr bereit, sich an die vom Management vorgegebenen strikten Verhaltensregeln zu halten. In Deutschland werden Seelsorge-Hotlines eingerichtet, um trauernde Take-That-Fans zu trösten.

Als Solo-Künstler hat Robbie Williams bislang weltweit mehr als 75 Millonen Alben verkauft. Zu seinen bekanntesten Hits gehören „Angel“, „Let me entertain you“ und „Supreme“. Er ist mit der Schauspielerin Ayda Field verheiratet, gemeinsam haben sie vier Kinder.

Das neue Album „XXV“ erscheint am 9. September. Darauf hat Robbie Williams die größten Hits aus seiner 25-jährigen Solokarriere mit einem niederländischen Orchester neu eingespielt. Am 27. August gibt er sein einziges Deutschlandkonzert in München. osk

Das heißt, Sie mögen Ihre eigenen Songs heute lieber als früher?

Ja, ich betrachte sie mit mehr Liebe. Es ist tough, ein Perfektionist zu sein, der alles als negativ und unzureichend empfindet, was er tut. Daher ist es erleichternd, mich heute diesen Songs widmen und sie bewundern zu können anstatt sie zu hassen und zu verachten.

Sie sitzen in der Pose des berühmten „Denkers“ von Auguste Rodin auf dem Album-Cover. Was soll uns das Bild sagen?

Ich würde gerne behaupten, es war meine Idee, aber so war es nicht. Tom Hingston, der sehr viele meiner Albumcover designt hat, kam mit der Idee. Als Popstar hast du halt auf dem Cover deiner Platte zu sein, weil dein Gesicht halt das Zeug verkauft. Ich finde das so ätzend und so langweilig. Ich kenne mein Gesicht ja. Aber diese Idee fand ich interessant und ein bisschen schräg. Ich war da sofort Feuer und Flamme.

Sie sind da splitternackt zu sehen. Was haben Sie für ein Verhältnis zu Ihrem nackten Körper?

Ich habe kein Problem damit, nackt zu sein. Ich habe nur ein Problem damit, wie ich nackt aussehe. Was du auf dem Cover siehst, ist eine computergenerierte Version der Person, die ein bisschen so aussieht wie ich.

In Südfrankreich gibt es jede Menge Nacktbadestrände. Würden Sie sich gerne trauen, sich dort freizumachen?

Nein, bitte! Ich denke, wenn ich einen größeren Penis hätte, würde ich Nudismus vielleicht mal ausprobieren. Aber da dies nicht der Fall ist, lasse ich es.

Das tut mir leid zu hören.

Schon okay. Ich bin 48. Ich habe mich daran gewöhnt (lacht) .

Bald wird es Ihr Leben auch im Kino geben. Ein Biopic mit dem Titel „Better Man“ ist in Arbeit. Was können Sie aktuell dazu sagen?

Es geht sehr gut voran. Ich habe vollstes Vertrauen, dass das Projekt in den richtigen Händen liegt und in die richtige Richtung läuft. Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass der Regisseur Michael Gracey einen Film abliefern wird, der wirklich sehr gut ist.

Sie haben auch eine Rolle. Sie spielen sich selbst, oder?

Ja, ich spiele mich selbst. Aber nur in einigen Szenen, nicht durchgängig.

Wie fühlt sich das an, sein eigener Filmcharakter zu sein?

Voll komisch. Und doch wundervoll. Es ist natürlich abgefahren, im Make-Up-Raum neben dem Mann, der deinen Vater spielt, und der Frau, die deine Oma spielt, zu sitzen. Und die Frau, die deine Mutter spielt, ist auch da. Außerdem liegen herum: Howard Donalds Dreadlocks-Perücke, das Plastikkinn von Jason Orange und Bilder aus deinem gesamten Leben. Es ist wirklich ein unvergleichliches Gefühl.

Wenn Ihre vier Kinder anfangen, Fragen über das Leben ihres Vaters zu stellen, können Sie ihnen einfach sagen: „Guckt euch ‚Better Man‘ an“.

Nein, ich möchte nicht, dass meine Kinder den Film sehen.

Weshalb nicht?

Der Film ist zu ehrlich, zu schonungslos. Da kommen Dinge vor, von denen ich als Vater nicht möchte, dass meine Kinder sie kennen.

Sie werden es nicht verhindern können.

Ich weiß. Ich werde vermutlich oft den Satz „Kinder, es ist nur ein Film“ sagen müssen (lacht) .

Der Song „Party Like A Russian“ von Ihrem letzten Studioalbum „The Heavy Entertainment Show“ fehlt auf „XXV“. Hat das politische Gründe?

Aktuell können wir diesen Song nicht bringen.

Was denken Sie angesichts Putins Angriff auf die Ukraine? 2018 sind Sie noch in Moskau bei der Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft aufgetreten. Wie hat sich Ihr Blick auf Russland in diesem Jahr verändert?

Ich denke, dass wir in einer sehr schnelllebigen Zeit leben. Wer weiß, was als nächstes mit „Angels“ geschieht? Vielleicht findet jemand heraus, dass die Engel in Wirklichkeit Dämonen sind. Und dann kann ich dieses Lied auch nicht mehr singen.

Sie glauben, die Engel von heute sind die Teufel von morgen – und möglicherweise umgekehrt?

Man versucht immer, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Auf der heutigen politischen und auch moralischen Landkarte, die sich ständig verändert, ist es zunehmend schwierig, richtig zu liegen und sich nicht in irgendeiner Weise angreifbar zu machen. Das gelingt auch mir nicht zu hundert Prozent. Als Popmusiker versuche ich immer abzubilden, was das „Jetzt“ ist. Und die Wahrnehmung dieses Jetzt, die ist im Fluss. Und so kommt es vor, dass das, was vor fünf oder zehn Jahren cool war, heute nicht mehr so cool ist.

Eine Frage noch: Sie sind ein eifriger Golfer und haben unlängst sogar eine Golfkleidungkollektion auf den Markt gebracht. Was tut Golf für Sie – mental und körperlich?

Das Wunderbare am Golf ist, dass es mich fokussiert. Ohne so ein Gerüst, so ein Sicherheitsnetz, tendiert mein Kopf dazu, ungesunde Territorien aufzusuchen. Der Golfplatz ist solch ein sicherer Ort für mich. Du bist in Bewegung, du konzentrierst dich, du bekommst Serotonin und du denkst an nur eine Sache – was für ein beschissener Golfer du bist (lacht) .

Jetzt geht die Selbstzerfleischung wieder los.

Ernsthaft. Für die Menge an Zeit, die ich ins Golfen investiere, bin ich sehr wahrscheinlich der schlechteste Golfer der Welt.

Interview: Steffen Rüth

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