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Als junger Mann fühlte er sich „unwürdig, Ikonen zu malen“, sagt Vater Philipp.  Stefan Scholl (4)
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Als junger Mann fühlte er sich „unwürdig, Ikonen zu malen“, sagt Vater Philipp.

Ikonenmalerei

Ritual mit Blattgold

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Ikonenmalerei sieht keine Geniestreiche oder gar Tabubrüche vor. Sie ist vor allem eine Übung in Demut. Zu Besuch bei vier Menschen, die mit Pinsel und Farbe eine Brücke in die Ewigkeit bauen wollen.

Im Regal über dem Maltisch drängen sich Bücher, Stofftiere und CDs von Johann Sebastian Bach. Es baumeln Pappherzchen herab, darüber ragen zwei Heiligenbilder und eine Lautsprecherbox. Ein bisschen wirkt Olga Ginkuls Werkstatt wie ein Zimmer in der Villa Kunterbunt, nachdem Pippi Langstrumpf geheiratet und vier Kinder aufgezogen hat.

Olga Ginkul nimmt die Brille ab, fixiert mit ihren blauen Augen einen Punkt irgendwo in der Vergangenheit, wirkt nachdenklich. Vor etwa drei Jahrzehnten, im Jahr 1988, wurde die tausendjährige Taufe Russlands gefeiert, die Sowjetunion und ihr Staatsatheismus gingen zu Ende. Olga Ginkul erinnert sich an eine der Feiern: „Im Moskauer Haus der Architekten traten Mönche aus dem Optina-Kloster auf, erzählten von ihrem Leben.“ Olga war damals Diplom-Architektin, hatte einen guten Job in einem Büro, das sich schon mit Vorarbeiten für „Moskwa City“ beschäftigte, heute Europas höchstes Wolkenkratzerviertel. „Aber etwas fehlte.“ – Damals baute Moskau noch keine babylonischen Türme, es suchte neue Wahrheiten, die sich manchmal als uralt erwiesen. Und sich auf Ikonen fanden.

Olga Ginkul.

Dieses Gefühl, dass etwas fehlt, das kennt auch Ilja Jazenko. Als Teenager versuchte er, die weltberühmte Dreifaltigkeitsikone Andrei Rubljows nachzumalen. Jetzt malt er Porträts und Landschaften, mit denen man Tschechow- oder Bunin-Erzählungen illustrieren könnte. Aber auch Ikonen.

Und Vater Philipp, oberster Künstler und natürlich auch Ikonenmaler im Optina-Kloster, erzählt, wie er noch vor dem Studium seine erste Bibel bei der Oma eines Freundes auslieh. Und wie er auch in der Moskauer Tretjakow-Galerie Rubljows Dreifaltigkeitsikone anstaunte. Und dann in einem Sowjetjournal einen Text des bis dahin verbotenen Theologen Pawel Florenski entdeckte, eines orthodoxen Priesters und Philosophen, unter Stalin als antisowjetischer Propagandist erschossen. „Florenski schrieb, wenn Rubljows ,Dreifaltigkeit‘ existiert, dann existiert auch Gott.“ Vater Philipp lächelt. „Das ist ja die Wahrheit.“ Diese Worte seien seine göttliche Heimsuchung gewesen.

Aber, bevor wir weiter über Gott und die russische Welt reden: Was wissen wir jenseits der Grenzen des riesigen Landes von Russland? Es gibt bekanntlich Wladimir Putin, viel Wodka und politische Negativschlagzeilen. Es gibt aber auch Kirchen mit Zwiebeltürmen und drinnen Ikonen. Alte, dunkle, von Weihrauch geräucherte Heiligenbilder, Zeugnisse einer tief religiösen Vergangenheit. Den Mienen der Heiligen nach zu urteilen, war sie eher traurig.

Aber der Heiland, den Olga Ginkul gerade malt, ist jung, mit wallendem Haar, blondem Bart und aufmerksamen Augen. „Anfang des 20. Jahrhunderts fingen alle an, die Ikonen zu restaurieren“, sagt Olga. „Das heißt, sie zu öffnen.“ Man habe ganze Krusten aus Rauchpartikeln, abgedunkeltem Lacköl und Übermalungen beseitigt. Und darunter Lichtgestalten entdeckt, auf goldenem Hintergrund. Russlands Ikonen offenbaren etwas vom Innersten seiner so oft zitierten und schwer verständlichen Seele. Etwas Helles.

Auch die acht Kirchen des Optina-Klosters leuchten unter blauen und goldenen Kuppeln, das Kloster bei Koselsk, 200 Kilometer südwestlich von Moskau, ist berühmt. Für seine Einsiedelei. Und die Starzen, die dort leben, weise und oft wundertätige Mönche. Schon Fjodor Dostojewski bat sie um Rat.

Olga Ginkul besuchte Optina, kam wieder, blieb. Das Kloster, unter der Sowjetmacht Kolchose und Gefangenenlager, war erst 1987 neu eröffnet worden, es herrschte Wiederaufbaustimmung. „Ein Ort voller Menschen, voller Leben.“ Die Architektin entwarf Treppen und Möbel, begann, in der Ikonenwerkstatt zu helfen.

Olga Ginkul arbeitete, betete, war glücklich. Sie wollte selbst Nonne werden. Und traf Dmitri, einen jungen Elektriker, er war aus dem 6000 Kilometer entfernten Chabarowsk gekommen, um Mönch zu werden. Aber sie verliebten sich, mit schlechtem Gewissen, das ihre Beichtväter beruhigten. Sie heirateten. Jetzt wohnen die Mittfünfzigerin und ihr Mann in einem kleinen Koselsker Holzhaus, oft ist zumindest eines der vier Kinder da, die jetzt in Moskau studieren oder arbeiten. Olga malt seit 29 Jahren Ikonen. Heute fehlt nichts.

Am anderen Ende von Koselsk leben Ilja Jazenko, seine Frau Natalia Braterskaja und ihre vier Kinder. Auch Ilja und Natalia malen Heiligenbilder, auch ihr Haus ist voller Bilder, Musikinstrumente und Farbkästen, die Wände leuchten vor Ikonen. Zwischen Gewürzsträußen hat Natalia den Spruch eines ihrer Lehrer an eine Wäscheklammer gehängt: „Wer viel redet, hört wenig.“

Natalia Braterskaja.

Ilja und Natalia haben am Surikow-Institut studiert, Moskaus führender Kunsthochschule, Vater Philipp auch. Aber während die ersten Kommilitonen sich bei den neuen Werbeagenturen bewarben, Moskau von Kommunismus auf Kommerz umschaltete, fuhren auch sie Richtung Optina. Um das Kloster hat sich eine Kolonie von knapp 30 Ikonenmaler:innen versammelt, die meisten aus der Hauptstadt. „Moskau lärmt, Moskau hat es eilig“, sagt Natalia, „du kommst ins Atelier, aber arbeiten kannst du nicht, innerlich rennst du noch.“

Auch Vater Philipp lächelt: Er wusste schon als Student, dass er ins Kloster gehen wird.

Mein Begleiter küsst ihm die Hand, als er uns am Eingang des Nikolai-Turms von Optina abholt. Vater Philipp ist ein bärtiger Hüne mit leicht angerissenem Ledergürtel über einem großen Bauch und dunklen Augen. Er plaudert, als wäre nicht er Abt und Chef der Klosterkünstler, sondern führe uns erst zu ihm.

Anfang der Neunziger Jahre fingen auch die Ikonenmaler neu an, Lehrer waren so knapp wie Materialien. Man experimentierte, suchte nach den Ursprüngen, zerrieb wie die Meister des russischen Mittelalters die Steine für die Farben eigenhändig. Vater Philipp zimmerte noch als Student 20 Ikonenbretter, wagte sich aber zunächst an keines heran. „Ich fühlte mich unwürdig, Ikonen zu malen.“

Es braucht wirklich Mut, ausgerüstet mit Pinseln, Blattgold, mit Kobaltblau und Eigelb auf einem Linden- oder Lärchenbrett von 120 Quadratzentimetern die Existenz Gottes Gott zu beweisen. Selbst, wenn das Holz gut abgelagert ist.

„Ein Heiligenbild mit Aquarell auf Papier zu malen, das ist viel einfacher“, sagt Olga. Auch als Handwerk ist Ikonenmalerei mühselig. Allein die Baumwollkreidegrundierung des Brettes, Lewkas genannt, bedarf verschiedener Lösungen aus Leim, Kreide und Wodka, ein Dutzend Arbeitsgänge, zum Teil zehnmal zu wiederholen, tagelange Geduldsarbeit. Aber es geht ja auch um die Ewigkeit. „Das Wichtigste an allen Materialien“, sagt Olga, „ist, dass sie möglichst lang halten.“

Auch das Malen selbst folgt strengen Vorschriften, schon die Reihenfolge der Objekte ist Ritual: Erst wenn der Heiligenschein vergoldet ist, werden Gebäude, Bäume oder auch nur Kleider der Figuren gemalt, danach Hände, Füße und Gesicht. Die Perspektive ist umgekehrt, die Figur in der Mitte rückt nach vorn, die Bedeutung jeder Farbe ist vorgeschrieben. Die Tradition verbietet, dass die Heiligen lachen, ihren Händen sind nur wenige Gesten erlaubt. Dann folgt unbedingt die Beschriftung mit Buchstaben, die Auskunft über die Identität des dargestellten Heiligen, aber auf keinen Fall des Künstlers geben.

Ilja Jazenko, Natalias Mann.

Eine demütige Malerei, ohne Geniestreiche oder gar Tabubrüche, das Gegenteil moderner Kunst. Ikonenmaler suchen die Ursprünge, wollen selbst die Pinselstrichtechniken der Alten möglichst vollkommen wiederholen. Ein Wiederholen, das ihnen viel Kritik einbringt: „Sie sind prachtvolle Handwerker, stellen die historische Umgebung des religiösen Lebens wieder her“, sagt der Moskauer Kunsthistoriker Andrei Jerofejew, ein Liberaler. „Aber sie restaurieren eine Kulisse ohne Verbindung zum heutigen Leben.“ Rubljow habe sich in seiner eigenen darstellenden Sprache, der Sprache seiner Zeit geäußert, die Ikonenmaler sprächen in der Sprache einer fremden Zeit. „So als würden Sie und ich uns jetzt auf Altgriechisch unterhalten.“

Allerdings liegen die Ursprünge, nach den Ilja, Natalia, Ilja oder Vater Philipp suchen, viel weiter zurück als Andrei Rubljow, biblische, evangelische Ursprünge. Und für sie ist das keine Stil-, sondern eine Glaubensfrage. „Ikonen sind das Lebendigste, das es gibt“, sagt Olga.

Wie alle Künste entwickelte auch die Ikonenmalerei eigene Trends und Epochen. Vor der Rückwendung zu altrussischen und griechischen Vorbildern war im 19. Jahrhundert der „akademische Stil“ in Mode, der sehr an katholische Gemälde erinnert. Bei Ilja und Natalia hängt die Version einer berühmten Gottesmutter-Ikone des Optina-Klosters: der Streiterin für das Korn. Eine Madonna mit eher spätromantischem Nimbus schwebt auf einer Wolke über einem verhagelt aussehenden Getreidefeld. Ästhetisch war das Werk umstritten, Pawel Florenski schrieb, diese Maria sehe aus, wie die altgriechische Fruchtbarkeitsgöttin Demeter. Aber jeder Christenmensch in Koselsk weiß, dass die 1880 gemalte Ikone im nächsten Jahr die Ernte in der Region rettete und 1882 ins ausgedorrte Gouvernement Woronesch gebracht wurde. Auch dort fiel bei der ersten Andacht heftiger, Heil bringender Regen.

Es gibt berühmte, wundertätige Ikonen, zu denen Kranke pilgern wie nach Fatima, es gibt Ikonen, die Salböl ausscheiden. Aber auch wenn das russisch-orthodoxe Publikum für Übernatürlichkeiten ähnlich empfänglich ist wie südamerikanische Katholiken: Wer eine Ikone malt, hat nicht den Anspruch, dass sie Tote zum Leben erwecken wird. „Ich will Ikonen malen, die den Menschen helfen zu beten“, sagt Olga.

Ikonen sollen den Betrachter beruhigen, ihre Farben sind froh, aber nicht grell, statt Dramatik und Gefühlswallungen wollen sie Harmonie schaffen, Frieden und Andacht. „Am wichtigsten, am schwierigsten sind die Augen, der Blick des Heiligen“ sagt Olga. Die Blicke der Heiligen sind sanft, sie bohren nicht, verlocken oder befehlen nicht, scheinen meist zugleich auf den Betenden und auf sich selbst gerichtet zu sein. Unscheinbare oder gar missglückte Ikonen veränderten sich, würden in der Kirche schöner, erklären die Ikonenmaler. Auch dank der Gebete der Gläubigen. Und auch Ikonen, die große Kunstwerke darstellten, seien nicht Zweck oder Mittel.

„Es gibt hunderte gemalte Formen der heiligen Maria“, sagt Ilja, „aber nur eine Gottesmutter“. Und man bete nicht die Holztafeln mit ihren Bildern an, sondern die Heilige, die sie darstellen. Vater Philipp sagt, erst der Maler, dann der Beter trete durch die Gestalt auf der Ikone in Kontakt zur Urgestalt, zur Person des dargestellten Heilands oder des Heiligen. Und alle sagen fast wortgleich: „Die Ikone ist ein Fenster zur anderen, geistigen Welt.“

Bei aller Demut: Der Ikonenmaler will etwas Unerhörtes leisten, ein Fenster vom irdischen zum himmlischen Leben schlagen, mit dem Pinsel die Mauer dazwischen, den Tod, zerbrechen. Ein Glaubensakt und eine Anstrengung im Grenzbereich, sehr nahe bei Gott. „Auch deshalb malen sich Ikonen so schwer“, erklärt Olga, „die innere Anspannung ist groß.“ Vater Philipp fastet wie viele Ikonenmaler, bevor er die Gesichter der Heiligen malt. Natalia sagt: „Bevor du die Arbeit an einer Ikone fortsetzt, musst du dich erst hinsetzen, beten, dich beruhigen, sammeln“, Und ihr Mann Ilja erklärt: „Ikonenmalerei ist Gottesdienst.“

Olga erzählt, sie habe ab und zu Angst vor zu viel Verzückung und Hochmut über die eigene Gottesnähe. Die Ikonenmaler gehen bewusst oder unbewusst auf Distanz zum eigenen Schaffen, Natalia hat den Haushalt und ihre vier Kinder und malt Porträts wie ihr Mann Ilja. Ilja und Olga unterrichten an der Koselsker Kunstschule. Vater Philipp aber schreibt theoretische Texte über die Unterschiede zur verweltlichten Kirchenmalerei des Westens.

Moskauer würden die Ikonenmaler von Koselsk Downshifter nennen. Ihre Häuser sind mit Wellblech gedeckt, ihre alten Kombis nähme in der Hauptstadt wohl kein Gebrauchtwagenhändler mehr an.

Olga Ginkul setzt neuen Kaffee auf, das Pulver schüttet sie in keine Espresso-Maschine, sondern direkt in die Tassen auf dem Tisch. „Gebetsikonen, 30 mal 40 Zentimeter, kosten 25 000 bis 40 000 Rubel“, erzählt sie. Umgerechnet also im Schnitt 350 Euro, inklusive Blattgold, dafür arbeiten deutsche Weißbinder keine sechs Stunden…

Gebete machen bekanntlich nicht reich, Kunst auch nicht. Aber die betenden Künstlerinnen und Künstler scheinen auch so glücklich zu sein. Und Olgas Worte klingen gelassen und hingebungsvoll zugleich, wenn sie sagt: „Ich werde Ikonen malen, solange meine Augen sehen.“

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