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Beinahe trotzig wurde die Gruppeninstallation „Der Berliner Salon“ auch in dieser Saison aufgebaut, die Gäste schalten sich nun von daheim zu.
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Beinahe trotzig wurde die Gruppeninstallation „Der Berliner Salon“ auch in dieser Saison aufgebaut, die Gäste schalten sich nun von daheim zu.

Digital

Ringelpiez ohne Anfassen

  • Manuel Almeida Vergara
    vonManuel Almeida Vergara
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Zum ersten Mal findet die Berliner Fashion Week rein digital statt. Zugucken können jetzt alle, zulangen kann niemand mehr. Funktioniert eine Modewoche ohne Tuchfühlung?

Am Montag geht’s gleich ans Eingemachte. Der Fashion Council Germany hat zur Präsentation einer Studie vor die heimischen Bildschirme geladen. „Status Deutscher Mode 2021“ heißt die 60 Seiten starke Publikation, die der Lobby-Verein gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Oxford Economics und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie erarbeitet hat – auch auf Bitten Angela Merkels hin. 2018 war der Council ins Bundeskanzleramt geladen, sie würde sich über eine Analyse zur deutschen Branche freuen, so die Kanzlerin damals.

Sorgsam abgefilmt: Details eines Entwurfes vom Label Rianna+Nina.

Zwei Jahre später liegt die Studie denn hoffentlich auch auf ihrem Schreibtisch. Denn wer darin blättert, kann sich nur wundern. 66 Milliarden Euro hat die Modebranche im Jahr 2019 zum deutschen Bruttoinlandsprodukt beigetragen, knapp 1,3 Millionen Arbeitsplätze sichert sie, hinter Italien landet Deutschland auf Platz 2 der größten Bekleidungsproduzenten Europas. Sie ist eine ernstzunehmende Wirtschaftsgröße, diese Mode – und gilt in Deutschland trotzdem nur als putzige Liebhaberei.

Es mangele an politischer und gesellschaftlicher Bereitschaft, heißt es in der Studie, „Mode als relevantes Wirtschafts- und Kulturgut wahrzunehmen“. Womit wir wieder zurück vor den heimischen Bildschirmen wären. Über diese nämlich flimmert gerade die Berliner Fashion Week. Und über den bloßen Status einer kommerziellen Modemesse hinaus ist es eben auch ihre Aufgabe, den kulturellen Wert des deutschen Designs sichtbar zu machen.

Geglückt ist ihr das nicht immer, seit der ersten Ausgabe im Jahr 2007 hat die Modewoche eine denkbar wechselhafte Geschichte hinter sich. Mehrere Umzüge, mehrere Rückzüge großer Modemarken, konstant schwindende Besucherinnen- und Besucherzahl, die Veranstaltung hat viel durchgemacht. Und dann kam auch noch Corona. Modenschauen vor gut gefüllten Sitzrängen kann’s in diesem Jahr nicht geben, sämtliche Messeformate sind ohnehin abgesagt, selbst zum kleinen Cocktail trifft sich niemand mehr – noch bis Sonntag findet also alles online statt.

Und fast scheint es, als sei „Jetzt erst recht“ zum Motto der Veranstalterinnen und Veranstalter geworden. So detailliert ausgearbeitet wie dieses Mal, so flexibel und feinsinnig auch, zeigte sich das Programm der Fashion Week zuletzt nur selten. Die klassische Model-Parade etwa ist allerorts durchdachteren Alternativen gewichen. Das Label Lou de Bètoly zum Beispiel stellt stattdessen ein Video bereit, in dem sich Balletttänzerin Laura Stokes in elegischer Choreografie aus den Entwürfen schält, der Designer Michael Sontag zeigt einen Modefilm mit Musikerin Lyra Pramuk in der Hauptrolle.

Der belgische Avantgardist Tom Van Der Borght entfremdet unterdessen den traditionellen Laufsteg-Reigen zur exaltierten Kunstperformance, präsentiert von Fashion-Week-Hauptsponsor Mercedes-Benz. Auch „Der Berliner Salon“ ist wieder da, diese klug kuratierte Gruppenausstellung des wirklich Besten, was deutsches Design zu bieten hat. Per Video wendet sich das Format, das 2019 offenbar nur vorübergehend eingestellt wurde, nun an seine Gäste. In einer 20-minütigen Filmcollage erzählen einige Designerinnen und Designer der beinahe 40 ausstellenden Marken von ihren Ideen, Details ihrer Entwürfe wurden sorgsam abgefilmt.

Der Belgier Tom Van Der Borght zeigt lieber eine exaltierte Kunstperformance, denn eine normale Modenschau.

Selbst zusammengerauft hat sich Berlin in der Krise, die international gehypte Agentur Reference Studios sowie das überaus angesagte Onlinemagazin „Highsnobiety“ jedenfalls hatten für die Modewoche ihrer Heimatstadt bisher eher kalte Schultern übrig – und erweitern das offizielle Programm nun doch um eigene Akzente. Und dann sind da noch die vielen Talks und Konferenzen. Von „Designer Dialogues“, über die mehrtägige Online-Konferenz „202030 The Berlin Fashion Summit“ bis hin zu Talk-Formaten unterstützt von Mercedes-Benz reihen sich Streams und Videos aneinander, in denen es fast immer um das Thema Nachhaltigkeit geht.

Spätestens hier können sich Beobachterinnen und Beobachter der Branche des Eindrucks nicht erwehren, dass die digitale Modewoche auch eine Symbolwirkung haben soll. Ein Wink aus Berlin in Richtung Frankfurt nämlich, wo ab kommenden Sommer eine eigene, eine zweite deutsche Fashion Week stattfinden soll. Auch am Main will man sich dem Thema Nachhaltigkeit verschreiben, hieß es unlängst auf einer Pressekonfernz – auf der sich die Messe Frankfurt als Veranstalter schon mal vorsorglich selbst eine Führungsrolle in diesem Bereich attestierte. Durchaus interessant also, dass sich Berlin im selben Bereich stärker profilieren will.

In den kommenden Jahren sollen die Branche und ihre wichtigste Veranstaltung noch nachhaltiger werden. Ein Prozess, den die Stadt Berlin – seit 2006 übrigens mit dem renommierten Titel „Unesco City of Design“ versehen – allein 2021 mit 3,5 Millionen Euro unterstützt. Und dass die Fashion Week als Dreh- und Angelpunkt des Vorhabens in dieser Woche nur digital stattfinden kann, ist der Sache durchaus zuträglich.

Aber auch wenn aktuell niemand in einen Flieger mit Ziel Berliner Fashion Week steigt – die Jobs der Journalistinnen und Journalisten, Einkäuferinnen und Einkäufer machen digitale Modewochen, die es zuletzt auch in Paris und Mailand gegeben hat, nicht gerade leichter. Der direkte Austausch wird vermisst, heißt es immer wieder, und noch schwieriger: Auch das haptische Erleben der neuen Kollektionen fehlt. Visuell zeigt sich die Berlin Fashion Week auch in dieser gänzlich digitalen Saison überaus ansprechend, Videos, Filme, Schauensequenzen sind brillant produziert. Zulangen aber kann niemand mehr, die Tuchfühlung fällt weg.

Ein Grund dafür, dass diese Modewoche nur als Blaupause gelten kann. Hybride Formate braucht es, sobald sie wieder möglich sind, eine gute Balance zwischen analogen Fachveranstaltungen in kleiner, ausgewählter Runde, und dem ganz großen, auch demokratischen Online-Event, das jeder und jedem offensteht. So haben alle was davon.

Modenschauen und andere Veranstaltungen können unter mbfw.berlin live verfolgt werden.

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