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Gutes Team: Heather Tilbury (2. v. r.), Mary Quant (r.) und Kolleginnen.

Minirock

"Da war richtig Schwung im Gang"

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Oft wird Mary Quant als Erfinderin des Minirocks gefeiert. Das stimmt nicht ganz, sagt ihre ehemalige PR-Beraterin Heather Tilbury. Geprägt hat Quant die Mode trotzdem.

Mrs. Tilbury, über die Erfindung des Minirocks gibt es ganz unterschiedliche Ansichten. Viele schreiben sie Mary Quant zu, andere behaupten, André Courrèges oder John Bates hätten die ersten Miniröcke entworfen.
Mary selbst hat nie behauptet, den Minirock erfunden zu haben. Es waren eher die Kunden, die zu ihr gekommen sind, und ihre Röcke immer ein Stückchen kürzer haben wollten. Der Name „Minirock“ stammt allerdings von Mary, sie hat den kurzen Rock nach ihrem Lieblingsauto benannt, dem Mini eben. Der Minirock steht eher für eine generelle Bewegung, viele Mädchen haben schon zu Hause ihre Röcke gekürzt, bevor irgendein Designer das aufgegriffen hat.

Trotzdem hat Mary Quant ja immerhin auf die Kundenwünsche reagiert und den Minirock so noch mal populärer gemacht.
Das ist richtig. Auch wenn der Minirock zu Beginn der 60er nicht zu kurz werden durfte: Frauen haben ihn damals niemals ohne Strumpfhosen getragen. Die wurden aber noch anders produziert als heute, oberhalb der Schenkel gab es einen sichtbaren Übergang von den feinen Beinen zu einem dichter gewebten Hosenteil. Den durfte man natürlich nicht sehen, also gab es eine Art Mindestlänge. Außerdem gab es Strumpfhosen ausschließlich in Schwarz, Weiß und Hautfarben. Mary wollte aber Strumpfhosen, die zu ihren Stoffen passten. Also hat sie Lizenzrechte an eine Strumpfhosenfirma verkauft, die bunte Versionen gemacht hat – und auch welche ohne diese Übergangslinie. Und damit war Mary durchaus die Erste. So konnten die Röcke noch kürzer werden.

Hat das Ihnen persönlich gefallen?
Ganz wundervoll! Der Minirock hat Spaß gemacht, er war sehr flirty. Ich habe ihn aber nie so kurz getragen wie viele andere Mädchen.

War Ihnen denn damals schon bewusst, dass der Minirock einst als Gradmesser der Emanzipation gelten würde?
Ich war noch sehr jung. Den enormen Einfluss des Minirocks auf Emanzipation und Feminismus konnte ich noch nicht richtig begreifen. Aber ich habe die Freiheit des Minirockes sehr genossen. Kein Stück Stoff, das um die Beine flattert und zwischen den Knien klemmt – das war ein völlig neues Bewegungsgefühl. Keine schmalen Röcke mehr, die einen daran gehindert hätten, dem Bus hinterherzurennen.

Ein neuer Freiheitsbegriff wurde ganz entscheidend für das Jahrzehnt, gerade im „Swinging London“ …
Das war eine wahnsinnig spannende Zeit, alles um uns herum ist explodiert und hat sich verändert. Man hat an jeder Ecke der Stadt die Aufregung gespürt, sie war richtig greifbar. Jeden Tag hat eine spannende Ausstellung eröffnet oder es gab ein tolles Konzert. Die Mode war großartig, die Leute hatten plötzlich das Selbstbewusstsein, sich ganz eigen zu kleiden. Sogar ihre Art zu gehen, ihre Bewegung hat sich verändert – da war richtig Schwung im Gang. Eine neue Form des Theaters, neue Medien, eine ganz eigenartige Architektur, tolle Musik. Das alles hat auch Mary stark beeinflusst – gerade die Op-Art, zum Beispiel Arbeiten von Bridget Riles, mit der Mary zusammen studiert hat. Auch Mary selbst hat viel freier gearbeitet als viele Designer vor ihr. Auf ihren Modenschauen zum Beispiel sind die Models eben nicht wie üblich einen Laufsteg heruntergelaufen, sondern haben wild zu Popmusik oder Jazz getanzt. Das hat auch bewirkt, dass die Menschen endlich auch den Unterhaltungswert der Mode erkannt haben.

Ging es bei Mary Quant denn auch hinter den Kulissen so lustig zu?
Die Arbeit mit Mary war extrem befriedigend und aufregend. Sie hatte wahnsinnig viele Ideen und war auch sehr willensstark. Aber sie hat auch viel von den Menschen gefordert, gerade von den Leuten, die ihre Materialien herstellten. „Das geht so nicht“, gab es bei Mary nicht. Sie hat keine kreativen Einschränkungen akzeptiert, zum Beispiel wenn es um Stoffinnovationen ging. Dass Stoffe immer flach sein müssen und erst durch das Aneinandernähen eine Form entsteht, konnte Mary nicht akzeptieren. Also hat sie als erste Trikotstoffe produzieren lassen, die als Schlauch gewebt wurden. Ich erinnere mich an viele gemeinsame Reisen auch nach Frankfurt auf die Messe Interstoff. Viele Produzenten überall auf der Welt haben irgendwann angefangen, neue Garne und Gewebe nur für Mary zu entwickeln.

War Mary Quant gerade wegen dieser Kompromisslosigkeit so erfolgreich?
So kann man das nicht sagen: Es gab zwei Männer, mit denen sie sehr wohl Kompromisse eingehen musste. Ihr Ehemann Alexander Plunket Greene arbeitete auch bei der Firma und war ebenso entscheidend für ihren Erfolg. Er war sehr charismatisch und brillant, was Promotion angeht. Er hat sich zum Beispiel die Namen für Stoffe und Produkte ausgedacht. Die noch heute gängige Bezeichnung „Boobie Trap“ für den BH geht auf sein Konto – die „Busen-Falle“. Und dann war da noch Archie McNair, er war Anwalt und Geschäftsmann und hat aufs Geld geschaut. 

Obwohl Mary Quant die Mode sehr nachhaltig prägte, ist sie heute lange nicht mehr so berühmt wie etwa Coco Chanel oder Christian Dior. Woran liegt das?
Mary ist heute 88 Jahre alt, Ihr Ehemann ist 1990 gestorben. Er war eine große Unterstützung für Mary. Alleine hat sie das nicht mehr geschafft und ihre Markenrechte an ein japanisches Unternehmen verkauft. Seit 2000 stellen die nur noch Kosmetik unter dem Namen Mary Quant her. Mary selbst hat die Japaner noch lange beratend unterstützt, aber sie ist seit den 1990ern nicht mehr wirklich in die Geschäfte involviert. Außerdem wurde sie eben älter, genau wie ihre Kunden: Mary und ihre Kunden sind irgendwann erwachsen geworden, da war für die knallbunten Entwürfe und Miniröcke kein Platz mehr.

Nun wird es ab April 2019 aber eine große Retrospektive im Victoria and Albert Museum in London geben.
Ja, ich hatte die Leute vom Museum kontaktiert, weil ich das Gefühl hatte, dass seit der Jahrtausendwende kaum etwas zu Mary gemacht wurde und sie ein bisschen in Vergessenheit gerät. Erst gab es die Idee, nur einen Bildband zu veröffentlichen. Nach meinen Recherchen hatten wir aber so viel Material, dass nun ein Bildband und eine Ausstellung entstehen, die fast ein Jahr zu sehen sein wird. Ich hatte eben noch Kontakt zu vielen ehemaligen Mitarbeitern von Mary, und habe auch mein eigenes Archiv durchkämmt.

Haben Sie zu Hause auch noch ein paar Kleider von Mary Quant?
Ich wünschte es wären mehr! Ich habe das meiste weggegeben. Zwei, drei Sachen habe ich noch – und die hüte ich wie Schätze.

Interview: Manuel Almeida Vergara

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