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Für viele Angehörige verstorbener Opfer war der Genozid-Prozess Guatemalas eine Katharsis.
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Für viele Angehörige verstorbener Opfer war der Genozid-Prozess Guatemalas eine Katharsis.

Bedrohte Justiz

Richterinnen in Guatemala: Gerechtigkeit trotz Morddrohungen

Yassmin Barrios und Erika Aifán sind Richterinnen in Guatemala und urteilen in besonders gefährlichen Fällen gegen einflussreiche Personen. Arbeiten können sie nur unter Polizeischutz. Eine Geschichte von Mut und der Sehnsucht nach Gerechtigkeit

Eine Frau aus dem Mayavolk der Ixil kam in den Zeugenstand, um ihre Aussage zu machen. Sie erzählte von einer Nacht, in der Soldaten der Armee ihr Dorf überfallen hatten. Sie war in den Wald geflohen, mit ihrem Sohn auf den Armen, den sie einen Monat zuvor zur Welt gebracht hatte. Das Baby hörte nicht auf zu weinen. Sie legte ein Tuch über sein Gesicht, damit das Wimmern nicht mehr zu hören war. Es hätte sie verraten können.

Richterin Yassmin Barrios erinnert sich an die Zeugin, die im Jahr 2013 in Guatemala-Stadt während des sogenannten Genozid-Prozesses ausgesagt hat. Damals war Barrios die Vorsitzende dieses wohl wichtigsten Gerichtsverfahrens, das die guatemaltekische Gesellschaft bis dahin erlebt hatte. „Während die Frau aussagte, rollten Tränen über ihre Wangen“, erzählt die Richterin. „Auf der Flucht rannte sie lange durch den Wald. Schluchzend erzählte sie, wie sie erst stehenblieb, als sie sich sicher fühlte, dass ihr kein Soldat gefolgt war.“ Die Frau nahm das Tuch vom Gesicht des Kindes. Ihr Sohn war erstickt.

Nach dem Genozid-Prozess in Guatemala weltberühmt: Richterin Yassmin Barrios

Drei Monate lang leitete Yassmin Barrios die Verhandlungen des Genozid-Prozesses. Mehr als hundert Zeuginnen und Zeugen aus dem Mayavolk der Ixil kamen zu Wort. In den achtziger Jahren hatte die guatemaltekische Armee ihre Dörfer zerstört, um der Guerilla jegliche Unterstützung durch die Zivilbevölkerung zu entziehen. Das Verfahren war wichtig für die Aufarbeitung des Völkermords und des andauernden Rassismus gegenüber der indigenen Mayabevölkerung. Es ging um die Frage, ob sich der ehemalige Diktator Efraín Rios Montt des Völkermords schuldig gemacht hatte. Der angeklagte General war im Jahr 1982 durch einen Putsch an die Macht gekommen. Damit begann die grausamste Phase des guatemaltekischen Bürgerkriegs.

Nicht unterzukriegen: Richterin Yassmin Barrios vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Eine andere Zeugin sagte aus, wie sie von 20 Soldaten vergewaltigt worden war, während ihre Tochter zusehen musste. „Danach wurde auch das zwölfjährige Mädchen vergewaltigt“, sagt die Richterin Barrios: „Auch diese Zeugin weinte unaufhörlich. Für die Frauen war der Prozess eine Katharsis. Aus juristischer Sicht war besonders wichtig, dass deutlich wurde, wie scheinbar willkürlich die Soldaten über die Dörfer herfielen. Trotzdem war es ein systematisches Vorgehen, so dass man von Massakern sprechen muss. Zusammen mit den Schöffen kam ich zu dem Schluss, dass es sich um einen Völkermord gehandelt hat.“

Die Galionsfiguren der Justiz in Guatemala: Yassmin Barrios und Erika Aifán

Der Prozess hat die Richterin Yassmin Barrios international bekannt gemacht. Für sie besteht kein Zweifel: Die Zeugenaussagen, die Berichte der Expertinnen und Experten, die Beweise und die Analyse vieler Dokumente ließen ihr keine andere Möglichkeit. Sie sprach den General Efraín Rios Montt des Völkermords und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig. Es war weltweit das erste Mal, dass ein ehemaliger Staatschef von einem nationalen Gericht des Völkermords schuldig gesprochen wurde. Das Urteil gilt als internationaler Präzedenzfall.

Seither ist Yassmin Barrios eine Galionsfigur der unabhängigen Rechtsprechung. Doch in der guatemaltekischen Gesellschaft gibt es viele einflussreiche Personen, die sie bedrohen und attackieren. Die Richterin erlebte, wie sich Armeeangehörige, wohlhabende Großgrundbesitzer, paramilitärische Milizen und Mächtige aus der Politik zusammenschlossen, um gegen das Urteil zu protestieren. „Wir hatten ein Urteil gesprochen, doch das damalige Verfassungsgericht hob es sofort wieder auf. Wir fügten uns der Entscheidung des übergeordneten Gerichts. Ich sage immer: Man muss respektieren, auch wenn man anderer Meinung ist.“

Gerechtigkeit in Guatemala: Richterinnen Yassmin Barrios und Erika Aífan lassen sich nicht unterkriegen

General Ríos Montt kam nie ins Gefängnis. Als er am 1. April 2018 starb, stand er unter Hausarrest. Erst nach seinem Tod wurde das ursprüngliche Urteil bestätigt. Doch da hatte die Richterin Yassmin Barrios längst ihre eigene Freiheit verloren. „Ich werde ständig von Personenschützern bewacht. Nur deshalb bin ich noch am Leben. Ich habe viele sehr schwierige Situationen erlebt. Einmal kam ich mit dem Auto nach Hause und sah, wie ein Mann vom Dach eines Nachbarhauses auf mich schoss. Ich konnte gerade noch die Tür der Garage öffnen und mich retten.“

Yassmin Barrios wurde angegriffen und stigmatisiert. Andere Richterinnen werden mit Anklagen überzogen und kriminalisiert. Die Richterin Erika Aifán etwa muss sich gegen viele Dutzend Anzeigen wehren. Sie ist seit fünf Jahren Vorsitzende eines Gerichts, das sich ‚Tribunal de Mayor Riesgo‘ nennt, Strafgericht mit hohem Risiko. „Ich verhandele Fälle exponierter Angeklagter. Oft sind es Politiker, Unternehmer oder Drogenbarone. Diese Leute haben die Macht, Beteiligte an den Verfahren zu bedrohen, zu bestechen oder anzugreifen. Deshalb verhandeln wir unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen.“

Nach Morddrohungen: Richterinnen Yassmin Barrios und Erika Aifán stehen stets unter Polizeischutz

Erika Aifán ist eine schlanke Frau. Ihre Stimme ist sanft. Einige Leute glauben wohl, sie sei leicht einzuschüchtern. Aber die Richterin tritt energisch auf. „In Guatemala ist es schwierig, Richterin zu sein. Das Amt wird nicht respektiert, nicht wertgeschätzt. Tag für Tag werden wir beleidigt, diskreditiert, gedemütigt, bedroht.“

Nachdem sie das erste Mal Morddrohungen erhalten hatte, wurden ihr Sicherheitskräfte zugeteilt. Seither wird sie ständig von der Polizei bewacht, rund um die Uhr, denn Erika Aifán verurteilt Personen, die in den Drogenhandel verwickelt sind. Sie richtet über einflussreiche Geschäftsleute, korrupte Politiker:innen, Geldwäscherei und Justizbeamt:innen, die das Recht manipulieren. Sie war auch Richterin im Prozess gegen Odebrecht: Die brasilianische Baufirma hat in acht lateinamerikanischen Ländern Hunderte Politikerinnen und Politiker bestochen, um lukrative Staatsaufträge zugeschanzt zu bekommen. Die Rede ist von 800 Millionen Dollar Schmiergeld.

Richterin Erika Aifán urteilte auch im Prozess gegen das korrupte Bauunternehmen Odebrecht.

„Es geht um wirtschaftliche und politische Macht, um die Kontrolle der Institutionen“, erklärt Richterin Aifán. „Wir befassen uns oft mit Geldwäsche, Millionenbeträge. Diese Leute haben nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, die sie auch gegen uns Richterinnen einsetzen. Ich muss mich mit siebzig Strafanzeigen herumschlagen. Und dann gibt es noch Anzeigen beim Amt des Ombudsmanns für Menschenrechte, beim Nationalen Büro gegen Folter und bei der Kammer der Rechtsanwälte und Notare. Selbst dem Obersten Gerichtshof liegen einige Anzeigen gegen mich vor.“

Schmiergelder in Höhe von 800 Millionen: Erika Aifán richtet über korrupte Geschäftsleute und Politiker

Auch gegen Richterin Yassmin Barrios laufen viele Anzeigen. Sie ist überzeugt, dass die Ausübung des Richterinnenamts ihr und ihren weiblichen Kolleginnen besonders schwer gemacht wird: „In einem ausgesprochen machistischen Land wie Guatemala ist es wie ein Angriff auf das Weltbild vieler Männer, wenn eine Frau als Präsidentin einer Strafkammer vorsitzt und Verhandlungen führt. Einige Strafverteidiger können gar nicht anders, als mich persönlich anzugreifen, weil ich eine Frau bin. Sie kritisieren meine Frisur, meine Kleidung, mein Verhalten. “

Yassmin Barrios sitzt auf einem alten, etwas ausgefransten Sessel in ihrem kleinen Wohnzimmer. Ihr bescheidenes Haus steht an einer befahrenen Straße in einer unscheinbaren Gegend im Westen von Guatemala-Stadt. In der Garage direkt neben dem Wohnzimmer trinken drei Personenschützer Kaffee. „Im Laufe meines Lebens bin ich oft bedroht worden“, sagt sie. Ende 2015 gab es einen Angriff auf das Gerichtsgebäude. „Als die ersten Schüsse fielen, befand ich mich im Parkhaus im Keller. Wir waren sechzehn Personen, die alle auf den Aufzug warteten. Es gab keinen Ausweg, und die Schüsse kamen immer näher. Wir versteckten uns in einer Toilette. Ich begann, meinen Rosenkranz zu beten. Nach etwa fünfzehn Minuten gelang es uns, in den Aufzug zu steigen. Als ich im Verhandlungssaal ankam, war ich kreidebleich.“

Gerichtsverhandlungen nach Mordversuch: Richterinnen in Guatemala machen trotz Gefahren weiter

Zehn Minuten später begann sie, eine Verhandlung zu leiten. Bald dachte sie nicht mehr an den Überfall im Parkhaus, bis sie vor kurzem für einen Fall zuständig war, bei dem eine Audio-CD abgespielt wurde. Die Aussage eines Mitglieds einer kriminellen Bande war zu hören. Der Staatsanwalt fragte: „Warum waren Sie an jenem Tag vor Ort?“ Der Angeklagte antwortete: „Wir sollten einen Richter überfallen.“ Frage: „Welchen Richter?“ Antwort: „Die Richterin Yassmin Barrios.“ So erfuhr Yassmin Barrios, dass der Angriff damals ihr gegolten hatte: „Es traf mich wie ein Blitz. Alle im Saal – die Staatsanwälte, die Verteidiger – alle waren so still wie im Grab.“

Angesichts der Gefahr versuchen einige unabhängige Richterinnen und Richter, sich gegenseitig zu unterstützen. Sie haben eine Vereinigung gegründet, mit der sie die Unabhängigkeit ihrer Arbeit schützen wollen. Auch Erika Aifán ist dabei: „Die Vereinigung ist eine große Hilfe. Wir pflegen Freundschaften, die mir viel bedeuten.“

Unabhängige Justiz in Guatemala gefährdet: Gegenseitige Unterstützung zählt

Die Gruppe kümmert sich auch um die mentale Gesundheit bedrohter Kolleginnen. Erika Aifán erinnert sich an eine besonders schwierige Zeit. „Es ging um eine richterliche Verfügung gegen mich. Ich hatte nicht die Zeit, auf all die juristischen Angriffe zu reagieren. Deshalb konnte ich mich nicht angemessen verteidigen. Da kamen mir meine Kameradinnen zu Hilfe. Sie verteilten die Arbeit untereinander, untersuchten die Vorwürfe und setzten Schriftstücke auf. Es war Sonntagnacht, zwei Uhr. Trotzdem riefen sie mich ständig an und sagten: ‚Schau her, wir haben dies und das diskutiert und dir einen Vorschlag gemailt.‘ Da sagte ich: ‚Hört mal, es ist Sonntag. Morgen müssen wir arbeiten. Aber ihr seid noch immer nicht schlafen gegangen.‘ Sie lachten und antworteten: ‚Du bist doch auch nicht im Bett.‘ ‚Das stimmt, aber es geht hier um mein Problem.‘ Da haben sie gesagt: ‚Nein, es geht um unser Problem.‘ Das werde ich nie vergessen.“ (Andreas Boueke)

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