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„Es wird schwerer werden, durch Europa zu touren“, befürchtet Reynolds (vorne).

Rou Reynolds

„Es hat keinen Sinn, nationalistisch zu denken“

Ihren Stil beschreiben Enter Shikari mit dem Begriff „Trancecore“. Inhaltlich ist die britische Band allerdings ganz im Hier und Jetzt verortet. Ein Gespräch mit Frontmann Rou Reynolds über Musik und Brexit.

Herr Reynolds, Sie haben gerade Ihre Tour durch Russland beendet. Was für eine Erfahrung war das?
Seit wir dort zum ersten Mal gespielt haben, war es immer fantastisch. Viele Bands, vor allem amerikanische, meiden Auftritte in Russland. Ich glaube aber, dass die Leute dort Musik aus dem Ausland hören wollen, besonders Nischengenres wie unseres. Das russische Publikum ist sehr leidenschaftlich. Auf der Tour waren wir auch weit im Osten des Landes. Am weitesten östlich waren wir in Irkutsk an der Grenze zur Mongolei. Das war eine unglaubliche Erfahrung.

Ihr aktuelles Album „The Spark“ ist vor eineinhalb Jahren erschienen. Es geht eher in Richtung Pop, Rock oder Indie. Ihre Alben davor waren metal-lastiger. Warum haben Sie dann ein weniger hartes Album gemacht?
Die Musik unserer letzten Alben war sehr vielseitig, da waren schon melodische, poppigere Lieder dabei. Aber wir wurden oft als laute Post-Hardcore-Band in eine Schublade gesteckt. Ja, das war ein Aspekt von uns. Aber wir wollten zeigen, dass wir noch ganz andere Seiten haben. Also haben wir uns stärker auf das Schreiben der Songs und auf die Melodie der Lieder konzentriert. Wir wollten ein Album machen, dass unsere Fans hoffentlich schocken würde.

Man könnte auch sagen, dass Enter Shikari mit dem Album mehr im Mainstream angekommen ist. Hat das der Band geschadet?
Für mich hat sich nicht viel verändert. Wir waren immer eine Band, die Musik machen will, die dynamisch und leidenschaftlich ist. Und ich glaube, dass wir das immer noch tun. Jedes bisherige Album hat anders geklungen und jedes neue Album wird wieder anders klingen. Ich mag es nicht, immer und immer wieder die gleiche Musik zu machen.

Also hat sich Enter Shikari über die Jahre konstant verändert?
Ja. In gewisser Weise ist es irgendwie sinnlos, zu versuchen, uns in ein Genre zu stecken. Sobald jemand denkt, dass er das geschafft hat, ändern wir uns kurz darauf wieder drastisch. Wir entwickeln uns immer weiter.

Haben Sie schon über ein neues Album nachgedacht? Darüber, wie das klingen könnte?
Ja, wir haben gerade angefangen, an einem neuen Album zu arbeiten. Aber wir wissen noch nicht wirklich, in welche Richtung wir damit gehen wollen. Unser letztes Album hat hauptsächlich das eine Jahr oder die eineinhalb Jahre thematisiert, in denen ich eine schwere Phase durchgemacht habe. Das war zur gleichen Zeit, als das Thema Brexit aufkam und Donald Trump US-Präsident wurde. Mit „The Spark“ haben wir ein Album gemacht, das musikalisch positiv und mutig, von den Texten her aber eher düster war. Ich kann also noch nicht so viel sagen, wir machen unsere Alben eher aus dem Bauch heraus.

Um den Brexit geht es etwa in dem Song „Take My Country Back“, in dem Sie den geplanten EU-Austritt kritisieren. Wie ist heute Ihre Meinung dazu, gute eineinhalb Jahre später?
Es hat sich nicht wirklich viel an meiner Meinung geändert, seit ich den Song vor etwa drei Jahren geschrieben habe. Er soll kritisieren, dass der Nationalismus und die Idee, sich abzuschotten, zurückkehren. Die Probleme, die wir heute haben, sind aber global. Es hat also keinen Sinn mehr, nationalistisch zu denken.

Was sind Konsequenzen des Brexit für Künstler wie Sie?
Der kulturelle Austausch, den wir in Europa und zwischen seinen Ländern haben, wird unter dem Brexit leiden. Und es wird schwerer werden, durch Europa zu touren. Der Extremfall wäre, dass wir ein Visum für jedes Land benötigen. Die Zeit und das Geld, das dafür benötigt wird, wird es kleineren Bands fast unmöglich machen, auf Tour zu gehen.

Noch gibt es diese Schwierigkeiten nicht, aktuell sind Sie wieder in Deutschland unterwegs, nicht zum ersten Mal. Was halten Sie vom Publikum hier?
Es gehört definitiv zu den Besten. Deutschland und Russland sind wahrscheinlich die Länder, in denen wir am liebsten auftreten. Das Publikum ist enthusiastisch und leidenschaftlich. Wir freuen uns immer darauf, nach Deutschland zurückzukehren. Dieses Mal spielen wir in Städten, in den wir schon lange nicht mehr aufgetreten sind. Das wird spaßig.

Interview: Paul Siethoff

Zur Person

Rou Reynolds ist Sänger der britischen Band Enter Shikari. Die Gruppe bezeichnet ihren Stil als „Trancecore“, eine Mischung aus Post-Hardcore und elektronischer Musik. 1999 gegründet, sorgte die vierköpfige Band acht Jahre später mit dem Debütalbum „Take to the Skies“ für Aufsehen. Enter Shikari veröffentlichte es unter ihrem eigenen Label Ambush Reality. „Take to the Skies“ war damit eines der ersten Alben, das ohne einen Vertrag mit einer großen Plattenfirma in den Charts Erfolg hatte. Im September 2017 erschien das fünfte Album der Band, „The Spark“. prps

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