+
Während eines Gangs über sein Plantage fragt sich Luis Bolaños: Wo sind eigentlich die Tiere?

Landwirtschaft

Die Revolution im Orangenwald

  • schließen

So konventionell wie nötig, so ökologisch wie möglich: Ein Orangenbauer nahe Sevilla lässt seine Plantagen so weit verwildern, dass die Natur eine Chance zur Rückeroberung hat. Das ist wahrscheinlich die Zukunft der Landwirtschaft.

Die Orangenplantage sieht aus, wie man sich eine Orangenplantage vorstellt: schnurgerade Reihen buschiger, dunkelbelaubter Bäume und dazwischen lehmige, traktorbreite Wege. Kilometerweite Monokultur, gebändigte Landschaft unter weißblauem andalusischem Himmel. Das hat seinen Reiz. Nur am Rand der Plantage zieht sich ein schmaler Streifen Wildnis entlang, ein paar Maulbeerbäume, unter denen Gräser sprießen, nichts Auffälliges. Luis Bolaños schaut darauf und sagt: „Vor fünf Jahren wäre das für mich ganz undenkbar gewesen. Das war ja ungepflegt. Manchmal überkommen mich noch Verirrungen und ich denke: Wie dreckig das ist!“ Aber meistens ist er stolz. Das kleine Stück Natur sei Rückzugsgebiet für die Perleidechse, zum Beispiel, die könne fast einen Meter lang werden und sei hier eigentlich schon fast verschwunden, weil sie ja nichts zu fressen hatte, keine Insekten mehr. Jetzt habe sie wieder ihren Rückzugsraum und auch wieder Insekten zu fressen. „Das ist eine Revolution!“, sagt er begeistert.

Bolaños‘ Enthusiasmus ist ansteckend. Dass er hier eine Revolution in Gang gesetzt habe, sagt er immer wieder, und vielleicht hat er Recht. Es ist eine beinahe unsichtbare Revolution, wie ja auch die bisherige, umgekehrte Entwicklung eine fast unsichtbare ist: das Verschwinden der Natur, das Aussterben der Arten. Bolaños ist Orangenbauer. Er betreibt zwei große Plantagen im Guadalquivir-Tal nördlich von Sevilla, und irgendwann fragte er sich: Warum leben hier eigentlich keine Tiere? Warum machen Tausende Orangenbäume noch keinen Wald? „Wenn das hier ein Wald wäre, kämen die Tiere. Aber in den Plantagen wollen sie nicht leben. Wo sich die Landwirtschaft breitmacht, vertreibt sie das Leben.“ Das muss doch nicht so sein, dachte er sich. Er wollte, dass seine Plantagen zu „den Wäldern der Zukunft“ werden. Wenn das gelänge, „dann wird das die Revolution des 21. Jahrhunderts“.

Bolaños verkauft einen großen Teil seiner Orangen nach Deutschland. Das ist nicht ungewöhnlich – Deutschland ist der größte Exportmarkt für spanische Orangen. Die Deutschen essen gerne Orangen, gerade jetzt im Winter. In Deutschland wachsen aber keine Orangen, weil die keinen Frost vertragen, also müssen sie importiert werden. Zu rund 80 Prozent kommen sie aus Spanien, dem Europameister des Orangenanbaus (der Weltmeister ist, mit großem Abstand, Brasilien). Auf 144.000 Hektar Land werden in Spanien Orangen angebaut, traditionell vor allem in der Region Valencia (zurzeit 70.000 Hektar), in jüngerer Zeit aber auch zunehmend in Andalusien (zurzeit 60.000 Hektar) und dort hauptsächlich in der Gegend um Sevilla, wo auch Bolaños seine Orangen zieht. Ein gutes Geschäft? „Im Großen und Ganzen ja“, sagt er, „vor allem ein stabiles Geschäft.“

Einer seiner treuen Kunden, seit mehr als 20 Jahren, ist Edeka. „Das war immer ein, sagen wir, intellektuell fortschrittlicher Supermarkt“, sagt Bolaños. Offen für neue Ideen. Also stellte er den Edeka-Vertretern vor fünf Jahren sein Zitrusprojekt vor. Er wollte seine Plantagen so umgestalten, dass die heimische Tierwelt darin ein Zuhause hätte. „Ich zeigte ihnen das Projekt, und sie sagten mir: Das nehmen wir!“, erzählt Bolaños strahlend. Die Idee passte. Edeka lässt sich schon länger vom WWF dabei helfen, das Sortiment in seinen Regalen Stück für Stück umweltverträglicher zu machen. Wenn bei der Herstellung ausgewählter Lebensmittel bestimmte Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden, darf das Unternehmen auf diesen Lebensmitteln mit dem WWF-Panda Werbung machen. So wie auf den 1,5-Kilogramm-Netzen mit Orangen aus dem Sevillaner Zitrusprojekt, die seit zwei Jahren bei Edeka zu haben sind. Marina Beermann, beim WWF Deutschland für die Partnerschaft mit Edeka zuständig, redet – anders als Bolaños – nicht gleich von einer Revolution. Sie sagt bescheidener: „Das Projekt liefert den Beleg dafür, dass man auch im konventionellen Landbau Fortschritte erzielen kann.“

Luis Bolaños ist immer noch konventioneller Landwirt, was wahrscheinlich sein größter Vorzug ist. Nach 20 Jahren Berufserfahrung als Orangenbauer hat er nicht nochmal ganz von vorne anfangen müssen. Er hat auf seinen Ländereien nicht alles auf den Kopf gestellt, wie er es hätte tun müssen, wenn ihm eingefallen wäre, seinen Betrieb auf Ökolandbau umzustellen. Er hat sich auf eine Handvoll Neuerungen konzentriert, um seinem Traum vom Orangenwald näher zu kommen. Er baut seine Orangen so konventionell wie nötig und so ökologisch wie möglich an.

Die Neuerungen machen sein Produkt am Ende 7 Cent pro Kilo teurer, rechnet Herbert Pummer vor, der für Edeka in Spanien Obst und Gemüse einkauft. 7 Cent sind nicht viel. Die Kunden zahlen das. Auf den neun, insgesamt 715 Hektar großen Plantagen, die sich dem Zitrusprojekt angeschlossen haben, wachsen in einer Saison rund 30.000 Tonnen Orangen heran. Der Markt dafür ist da. 40 Prozent der Orangen, die die Lebensmittelkette in der Hauptsaison zwischen Oktober und Mai in seinen Läden verkauft, seien Sevillaner WWF-Orangen, sagt Pummer. 40 Prozent: Das wäre, wenn das Beispiel Schule machte, ein gewaltiger Marktanteil für eine deutlich naturnähere Produktionsweise als die traditionelle.

Miguel Ángel Hidalgo war erstmal skeptisch. Hidalgo ist einer von Bolaños‘ Betriebsleitern und sollte das Zitrusprojekt auf dessen Plantagen umsetzen. „Mich hat das anfangs nicht überzeugt“, erzählt er während einer Führung durch die Plantage El Cerro. Bis er die Sache mit den Blattläusen erlebte. Drei Jahre ist das her. Hidalgo sagt, immer noch staunend: „Das war mein Vorher und Nachher.“

Die Orangenbäume waren damals so von Blattläusen befallen, dass sich ihre Blätter zusammenrollten, und Hidalgo wollte dringend eine Behandlung mit Insektiziden beginnen. Es war ein Freitag. Ein Biologe, der das Zitrusprojekt begleitet, überredete ihn, noch bis zum Montag zu warten. Wenn die Blätter dann immer noch eingerollt seien, könne er spritzen. Am Montag war die Plage überstanden. „Das war beeindruckend: die gesamte Blattlaus von Hilfsinsekten entweder parasitiert oder verschlungen. In drei Tagen war nichts von ihr übrig geblieben.“ Die Hilfsinsekten, von denen Hidalgo spricht, sind Nützlinge, natürliche Feinde der Blattläuse wie Marienkäfer oder Schlupfwespen. Die werden im Ökolandbau schon lange eingesetzt. Seit seinem Blattlauserlebnis ist Hidalgo überzeugt. Biologische Schädlingsbekämpfung funktioniert auch auf einer konventionellen Orangenfarm. Der Einsatz von Insektiziden auf den Plantagen sei fast auf Null zurückgegangen.

Die Landwirtschaft vertreibt das Leben vom Land, hatte Luis Bolaños festgestellt, und um das Leben zurückkehren zu lassen, musste er aufs Gift verzichten. Das bedeutete einen radikalen Kulturwandel hier im Süden, wo man von den anderen Bauern in der Dorfkneipe schräg angeschaut werde, wo man als „schmutzig“ gelte, sagt Bolaños, wenn man nicht alles Grün und alle Kräuter auf der Plantage wegspritze. Er tut das nicht mehr, was einem Stadtmenschen gar nicht auffällt, wenn er nicht drauf aufmerksam gemacht wird. Blühende Grünstreifen gehören doch zum Land, denkt der Besucher. Jesús Quintano, einer der Biologen, die für das Zitrusprojekt arbeiten, zeigt Bilder von früher: braune, totgespritzte Natur an Wegesrändern und Böschungen, als sei die Natur der Feind. Und bei vielen Nachbarn sehe es immer noch so aus. Andere fangen schon an, dem Beispiel Bolaños‘ zu folgen. Die schrägen Blicke sind weniger geworden.

Mit den Gräsern kommen die Insekten, und mit den Insekten die Vögel, schließlich auch Raubvögel. Für die stehen eigens hohe Sitzstangen zwischen den Orangenbäumen bereit, von denen aus sie Jagd auf Feldmäuse oder Kaninchen machen. „Wir haben sogar ein Fischadlerpaar auf unserer Plantage“, erzählt Bolaños, „ich habe vor Rührung geweint, als ich es erfuhr.“

Etwa fünf Prozent seiner Plantagen überlässt er ganz der Natur, der Rest darf kontrolliert verwildern. Einzig unter den Orangenbäumen werden noch Herbizide gespritzt – allerdings nur gut ein Zehntel der früheren Menge. Was das Zitrusprojekt ansonsten wesentlich vom ökologischen Landbau unterscheidet, ist der Einsatz von chemischem Dünger, sagt Miguel Ángel Hidalgo. Der Stickstoffdünger sei schwer zu ersetzen, der gebe der Orange „ihre Entwicklung, ihr Kaliber“. Also nicht bio. Aber doch Landwirtschaft, die sich die Natur nicht mehr zum Feind macht. Ein bisschen aufwändiger als der traditionelle Orangenbau, vor allem wegen der arbeitsintensiveren biologischen Schädlingsbekämpfung.

Der Aufwand lohnt sich. Aus der Plantage ist ein lebendiger Orangenwald geworden. Bei einem Spaziergang durch die Plantage El Cerro greift der Biologe Jesús Quintano eine Gottesanbeterin von einem Zweig, ein beeindruckendes Insekt. An anderer Stelle entdeckt er die Losung eines Fuchses. Kleine Glücksmomente.

Zur Nachhaltigkeit des Projektes gehört der sorgsame Einsatz von Wasser. In Spanien gehen drei Viertel des Wasserkonsums auf das Konto der Landwirtschaft; der Obst- und Gemüsebau wären ohne die künstliche Bewässerung gar nicht denkbar. Jedes Jahr nimmt die bewässerte Gesamtfläche im Land ein wenig zu, was nur möglich ist, weil zugleich die Bewässerungssysteme effizienter werden. Doch auf Dauer, und zumal angesichts des Klimawandels, wird Spanien seinen Wasserkonsum drosseln müssen.

Die Plantagen von Luis Bolaños sind auf gutem Wege. Die Orangenbäume erhalten ihr Wasser seit je per sparsamer Tröpfchenbewässerung. Doch das System kann noch verbessert werden. Seit zweieinhalb Jahren messen fest installierte Sonden die Feuchtigkeit der Böden, um den Wasserbedarf mit größerer Präzision bestimmen zu können. Noch greifen Menschen ein, um je nach den eingehenden Daten den Wasserhahn weit oder weniger weit aufzudrehen. Das System könnte schon selbsttätig handeln und auch den Zeitpunkt der Wasserabgabe genau bestimmen, worin weiteres Sparpotenzial liegt. Doch so weit ist es noch nicht. „Wir trauen dem noch nicht zu 100 Prozent“, sagt Betriebsleiter Hidalgo. „Das braucht noch ein bisschen Erfahrung.“ Bolaños‘ Orangenplantagen sind große ökologische Experimentierfelder. Für Experimente, die Hoffnung machen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion