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Wo geschrebert wird, lässt er sich nieder - Berlin ist seit langem die erklärte Spatzenhauptstadt.

Bedrohte Art

Rettet den Spatz

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Der Spatz steht mancherorts schon auf der Liste bedrohter Arten. Einer der Gründe: Europas Großstädte sind zu steril. Die wohltuend unordentliche Ausnahme ist Berlin. Von Stephan Börnecke

Where have all our Sparrows gone? Einst war der Spatz unser steter Begleiter. Wo der Mensch nach der letzten Eiszeit siedelte und Getreide säte, war der Spatz mit von der Partie, und als wir die Städte gründeten, als London, Paris und Berlin entstanden, folgte der flexible, von einem breiten Nahrungsspektrum lebende Haussperling prompt.

Doch nun hat der Spatz die Nase voll. Blanke Neubauten, moderne Fassadendämmung ohne Nischen und Höhlen rauben ihm den Nistplatz, und sterile Vorgärten samt Giftduschen töten die zur Brutzeit dringend benötigte eiweißreiche Insektennahrung. Mit Rhododendron und Kirschlorbeer kann der Spatz nichts anfangen.

In London, wo die Lage besonders dramatisch ist, weil innerhalb von nur zehn Jahren mehr als 70 Prozent der House oder Cockney Sparrows das Weite suchten, haben sich acht Naturschutzorganisationen inzwischen zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: Das "London House Sparrow Parks Project" hat drei Mischungen mit Wildblumen- und Grassaaten zusammengestellt, um sie in 20 Parks auszusäen. Die Pflanzen sollen Insekten locken und damit dem Spatz Nahrung bieten.

Janosch als Unterstützer

Hilfe tut Not, denn in Großbritannien halbierte sich die Spatzenpopulation seit den 70er Jahren auf sechs Millionen. Dort steht der vermeintliche Allerweltsvogel inzwischen sogar auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.

In Deutschland, wo sie in 30 Jahren um ein Fünftel auf zehn bis 20 Millionen abnahm, hat der Spatz "erst" die Vorwarnstufe erklommen. Mies sieht es in Hamburg aus: Dort sackte die Spatzenfamilie innerhalb von 25 Jahren um 85 Prozent zusammen. Deshalb hat die Deutsche Wildtier Stiftung die Kampagne "Rettet den Spatz - Gebt ihm ein Zuhause!" gegründet. Janosch, der Kinderbuchautor, unterstützt sie, zeichnete den frechen Spatz und träumt: "Ich hätte gerne einen Spatz, der freiwillig zahm ist und der in meiner Bude herumfliegt und sich dann auf meinen Bleistift setzt."

Nur in der deutschen Hauptstadt lebt Passer domesticus weiter auf großem Fuß: "Hier ist es angenehm unordentlich", weiß Nabu-Vogelexperte Markus Nipkow, der damit allerdings nicht die sprichwörtliche Liederlichkeit der Sperlinge meint. Doch weil es zwischen Pankow und Wilmersdorf keine "blank geleckten Gehsteige" und Schrebergärten gibt und die immer noch endlosen Brachflächen den Arten viel Raum geben, steht es dort gar so schlimm nicht um den Vogel. "Berlin", sagt Nipkow, "ist seit langem die Spatzenhauptstadt".

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