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Anna Wintour ist seit 1988 Chefredakteurin der US-Ausgabe der Zeitschrift Vogue (Archivbild).

Stalin der Modebranche

Rettet Anna!

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Vogue-Chefin Wintour gilt als "Stalin der Modebranche", doch ihre Macht bröckelt zusehends. Von Sandra Danicke

Sind ihre Tage bei der Vogue gezählt? Die zahlreichen Abgesänge auf die Chefredakteurin des amerikanischen Mode-Magazins haben jetzt Freunde auf den Plan gerufen: Der New Yorker Designer Christoph Sauvé startete eine Kampagne zur Rettung der umstrittenen Anna Wintour: Er entwarf T-Shirts mit ihrem Konterfei und "Save Anna"-Aufschrift, die inzwischen für 65 Dollar über den Ladentisch gehen. "Wir haben Britney gerettet, wir können auch Anna retten", orakelt Sauvé.

Nicht ohne Grund wird Anna Wintour auch die Eisprinzessin genannt. Entsprechend kühl hat sie vermutlich auf den jüngsten Angriff reagiert: Das Time Magazine attestierte der stets akkurat und elegant gekleideten Lady zum Jahreswechsel einen Mode-Fauxpas, der sich gewaschen hat: In einer silbernen Chanel-Robe, die mit dreidimensionalen Schneckenformen geschmückt war, stolzierte die 59-Jährige im vergangenen Jahr über den roten Teppich der "Met Costume Gala", ein immens wichtiger Fashion-Event, und landete prompt auf Platz Eins der Time-Liste mit den größten Modemissgriffen 2008. Wintours Auftritt sei ein "Waterloo" der Modegeschichte, schreibt das Blatt, das in der Vergangenheit nicht eben durch Mode-Sachverstand auffiel - und unterschlägt dabei die Tatsache, dass Wintour ihr bizarres Outfit zu einer Gala unter dem Motto "Superheroes: Fashion and Fantasy" trug.

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Der Angriff ist der vorläufige Höhepunkt in einer Reihe von Affronts, die die einst so geschätzte und vor allem gefürchtete Mode-Diva seit einiger Zeit einstecken muss. Noch vor wenigen Jahren galt sie als mächtigste Akteurin im US-Modezirkus. Seit mehr als 20 Jahren bestimmt die Vogue-Chefin, wer in der Modeindustrie Karriere macht und wer nicht, welcher Look sich durchsetzt, welcher durchfällt. Ein wichtiges Fashion-Event ohne die Lady mit der betonharten Bob-Frisur, die sich gerne in Pelze kleidet, schien in den letzten Jahren undenkbar.

Die Karriere der Tochter des Evening Standard-Chefredakteurs Charles Wintour begann 1970 beim Magazin Harpers & Queen. 1975 wurde sie Nachwuchs-Moderedakteurin bei Harper's Bazaar in New York. 1983 schließlich kam die Frau, der man später so martialische Spitznamen wie "Nuclear Wintour" oder "Stalin in Stilettos" geben sollte, zur US-Vogue und zeigte ihre wahre Natur: Der damaligen Chefredakteurin Grace Mirabella soll Wintour ins Gesicht gesagt haben, sie wolle ihren Job. Mirabella ließ Wintour daraufhin nach London versetzen. Ein Eigentor, wie sich herausstellte, denn die Nebenbuhlerin leitete die britische Vogue so erfolgreich, dass der Verlag sie '86 zurückholte.

1988 hatte Wintour endlich, was sie wollte: Sie saß in New York auf dem Chefsessel - und führte ein eisernes Regiment: Fast die Hälfte der Belegschaft wurde entlassen. Eines ihrer ersten Titelbilder verursachte einen Skandal: Zu sehen war ein Model im 10 000 Dollar teuren Lacroix-T-Shirt und einer 50 Dollar teuren Jeans. Nie zuvor hatte es eine Jeans auf ein Vogue-Cover geschafft. Models ließ Wintour künftig nicht mehr im Studio, sondern auf der Straße posieren. Die Kombination aus High und Low Fashion provozierte damals einigen Aufruhr in der Modebranche - und setzte einen bis heute anhaltenden Trend. Später begann Wintour, Stars statt Models auf dem Titel zu zeigen, darunter Oprah Winfrey und Hillary Clinton. Sie manipulierte Designer, Models und Fotografen.

Despotischer Stil

Dann begann ihre Machtposition zu bröckeln. Das erste Anzeichen war das teils fiktive, 2006 mit Meryl Streep verfilmte Buch "Der Teufel trägt Prada", das eine ehemalige Untergebene von Wintour veröffentlichte. Der despotische Führungsstil der Hauptperson - die Chefredakteurin eines einflussreichen Modejournals - wies deutliche Parallelen zum Original auf. Wintour schwieg dazu.

Dann häuften sich die Aktionen der Tierschützer, Wintour wurde mit Tofu-Törtchen und Kunstblutbeuteln beschmissen, weil die Vogue zwar Anzeigen der Pelzindustrie, nicht jedoch solche von Tierschützern drucken wollte. Schließlich ließ auch noch Giorgio Armani vor Reportern verlauten, er wisse gar nicht, warum so viele Leute Wintour nicht mögen würden. "Mir ist sie egal." Der Witz: Anna Wintour stand direkt neben dem Modezar.

Vor einiger Zeit machten Gerüchte die Runde, Wintour solle durch Carine Roitfeld, die vier Jahre jüngere Chefredakteurin der französischen Vogue, ersetzt werden. Wintour und Vogue dementierten. Seither melden sich nach und nach all die zu Wort, die noch eine Rechnung mit Wintour offen haben. Auf Dauer wird ihr stählernes Lächeln sie wohl nicht vor diesen Angriffen schützen.

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