Pyrenäen

Rettende Kälte

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Bergwanderin soll sechsstündigen Herzstillstand überlebt haben

Ich habe eine junge Frau mit Herzstillstand und ohne Lebenszeichen vor mir,“ beschreibt Eduard Agudo den dramatischen Moment an jenem Sonntagabend. „Sie ist blass und blau, mit einer Kerntemperatur von 20,2 Grad. Das einzig Gute ist, dass sie sehr kalt ist. Alles andere sieht sehr schlecht aus.“

Die katalanische Zeitung „La Vanguardia“ erzählt am Donnerstag die Geschichte einer wundersamen Auferstehung, zugleich die Geschichte einer bemerkenswerten Rettung. Sie spielt in den katalanischen Pyrenäen und zum Schluss im Krankenhaus Vall d’Hebron in Barcelona, in dem Eduard Agudo arbeitet, ein auf Unterkühlungen spezialisierter Intensivmediziner.

Die Protagonistin dieser Geschichte ist die 34-jährige Audrey Mash, eine Britin, die gemeinsam mit ihrem Mann Rohan Schoeman seit ein paar Jahren in Barcelona lebt. Am ersten Novemberwochenende fuhren sie zum Wandern in die Pyrenäen. Sie sind sportlich und erfahren, die App von AccuWeather kündigte akzeptables Wetter an, keinen Schneefall. Am Samstag unternahmen sie eine Wanderung mit zwei Freundinnen. Am Sonntag brachen sie allein frühmorgens von einer Berghütte in 2000 Meter Höhe auf. Gegen 9 Uhr begann es zu schneien. Wenig später „sah man nichts mehr, alles war weiß“, erzählt Schoeman.

Nach ein paar Stunden, die sie im Schutz eines Felsens hockend verbringen, hört es auf zu schneien, aber ein eisiger Wind weht. Auf allen vieren machen sie sich wieder auf den Weg. Mash ist für dieses Wetter nicht angemessen gekleidet. Sie fängt an, wirr zu reden. Schließlich verliert sie das Bewusstsein. „Sie verdrehte die Augen und stieß einen Atem aus wie einen letzten Seufzer“, sagt Schoeman. Mash erinnert sich an nichts. Es war, schätzt Schoeman, kurz nach 15 Uhr.

„Ein Ausnahmefall“

Noch bevor Schoeman selbst um Hilfe ruft, haben die beiden Freundinnen, mit denen das Paar am Vortag gewandert war, die Bergnotrettung angerufen und die beiden vermisst gemeldet. Ein Hubschrauber steigt auf und sucht im falschen Gebiet. Nachdem Schoeman ihnen ein Foto von seinem Standort schickt, finden die Retter das Paar. „Wir springen aus dem Hubschrauber, laufen zu der Frau im Schnee und denken, das ist eine Leiche“, berichtet der Retter Pere Ferral. Aber sie wissen: Menschen mit Unterkühlung haben eine Chance. Sie fliegen Mash in den Pyrenäenort Campdevànol, dort nimmt sie ein medizinisch ausgestatteter Hubschrauber auf und fliegt sie zum Städtchen Vic, wo der nächste Hubschrauber mit Nachtflugerlaubnis wartet. Denn inzwischen hat die Dämmerung eingesetzt.

Währenddessen kehrt Eduard Agudo an seinen Arbeitsplatz im Krankenhaus Vall d’Hebron zurück. Er hat eine 24-Stunden-Schicht hinter sich, aber er weiß, dass er der richtige Spezialist ist, um vielleicht Mashs Leben zu retten. Um 18 Uhr wird sie eingeliefert, seit fast drei Stunden schlägt ihr Herz nicht mehr. Agudo schließt sie an ein ECMO-Gerät an, eine Art Herz-Lungen-Maschine: Es pumpt das Blut durch Mashs Körper und reichert es zugleich mit Sauerstoff an. Langsam steigt ihre Körpertemperatur. Als sie 30 Grad erreicht, wagen die Ärzte die Reanimation. Um 21.46 Uhr beginnt Mashs Herz wieder zu schlagen.

Nach zweieinhalb Tagen erwachte die Britin aus der Bewusstlosigkeit. Ihr Gehirn hatte keinen Schaden genommen. „Es ist wirklich ein Ausnahmefall“, erklärt der Arzt Agudo. „Das Gehirn war sehr schnell abgekühlt und sein Sauerstoffbedarf gesunken, noch bevor das Herz zu schlagen aufhörte. Wenn erst der Herzstillstand eintritt und dann die Abkühlung, wie bei Lawinenopfern, sieht es sehr schlecht aus. Aber wenn die Unterkühlung den Herzstillstand auslöst wie im Falle Audreys, müssen wir alles versuchen, das Opfer zu retten.“ Mash wurde gerettet. Sie kann ihre Geschichte erzählen. Auch wenn sie sich an nichts erinnert.

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