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Wenn der Sturm über die Grube fegt, legt die Staubwolke an manchen Tagen die nahe Autobahn lahm. barbara schnell
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Wenn der Sturm über die Grube fegt, legt die Staubwolke an manchen Tagen die nahe Autobahn lahm. barbara schnell

Umsiedlung bei Garzweiler

„Respekt für die, die noch hoffen“

  • vonBarbara Schnell
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Anstelle konkreter Maßnahmen für die Tagebau-Region Garzweiler beschließt das Landeskabinett in Nordrhein-Westfalen einen „Aufschub bis Ende 2026“. Wird die Kohle unter den Dörfern gar nicht mehr benötigt? Vor Ort herrscht Frust.

Wenn es stürmt in Nordrhein-Westfalen, dann kommt es vor, dass sich der Braunkohle- und Abraumstaub des Tagebaus Garzweiler in gewaltigen Wolken aus der Grube erhebt und die dicht an der Abbruchkante verlaufende Autobahn A44n unpassierbar macht. Dieses Stückchen Straße ersetzt südlich von Mönchengladbach einen zentralen Teil der A61, der dem Tagebau im Weg war und 2018 abgerissen wurde.

Das war so lange kein Problem für das Umland, wie es die Landstraße L277 noch gab, die den Autobahnverkehr auffangen konnte. Doch auch diese Landstraße ließ der Braunkohlekonzern RWE vor einem knappen Jahr abreißen – ohne, dass eine Alternative geschaffen worden wäre. Und so quält sich nun an Tagen, an denen die Autobahn wegen der Staubwolken gesperrt werden muss, der Verkehr durch das 1400-Seelen-Örtchen Holzweiler.

Dieses Schauspiel, das sich in regelmäßigen Abständen wiederholt - zuletzt vorige Woche –, wirkt wie ein Sinnbild für die Probleme des Strukturwandels in der Region, den Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) mitunter als Prozess der „Entfesselung“ bezeichnet. Erst vor ein paar Wochen verabschiedete man in Düsseldorf die Braunkohle-Leitentscheidung, die das Kohleausstiegsgesetz des Bundes in konkrete Maßnahmen für die Region gießen sollte. Darin heißt es unter anderem: „… die bereits weit fortgeschrittene Umsiedlung der fünf Dörfer im Norden des Tagebaus Garzweiler erhält Aufschub bis Ende 2026“. Auf dem Papier mag das nach einer Atempause klingen, an deren Ende sogar die Feststellung stehen könnte, dass die Braunkohle unter den Dörfern nicht mehr benötigt wird. Vor Ort jedoch bewirkt es Frustration.

Nicht nur die Anwohnerinnen und Anwohner, auch der erst im Herbst gewählte Erkelenzer Bürgermeister Stephan Muckel (CDU), auf dessen Stadtgebiet sich alle noch vom Tagebau bedrohten Ortschaften befinden, fühlt sich im Stich gelassen: „Eigentlich sollte uns das Land als Kommune unterstützen. Doch statt uns endlich Planungssicherheit zu geben, hat die Leitentscheidung die Unsicherheit nur verlängert“, sagt Muckel, der nicht erst seit dem Klimaschutz-Urteil des Verfassungsgerichts überzeugt ist, „dass die Dörfer nicht mehr bergbaulich in Anspruch genommen werden. Aber der Stadtentwicklungsprozess, den wir hier dringend anschieben müssten, würde einem Bundesgesetz widersprechen. Was hier zu tun ist, kann nicht ein Bürgermeister entscheiden.“

So steht Muckel vor dem doppelt schwierigen Erbe, den bereits umgesiedelten Menschen in seiner Gemeinde vermitteln zu müssen, dass ihre alte Heimat möglicherweise doch erhalten bleiben wird – und mit denen, an deren Grund und Boden sich die Schaufelradbagger ungebremst herangraben, die Zeit bis 2026 zu gestalten.

„Was wir können, tun wir schon“, sagt Muckel: Er sei mit dem Landschaftsverband im Gespräch, der in den Dörfern eine Bestandsaufnahme der erhaltenswerten Gebäude durchführt. „Und wenn die Kirche ihre bereits an RWE verkauften Gebäude nicht zurückhaben und weiter unterhalten will, müssen und werden wir andere Nutzungen dafür finden. Für mich steht jedenfalls fest, dass zum jetzigen Zeitpunkt kein Gebäude niedergelegt werden muss; es ist problemlos möglich, sich dieses oder auch nächstes Jahr noch Zeit zu nehmen.“

Während vor Ort eine neue Demokratiekultur aufkeimt und der neue Erkelenzer Bürgermeister erstmals offen „Respekt für die, die noch hoffen“ äußert, also für jene Anwohnerinnen und Anwohner, die sich zum Beispiel mit der Initiative „Alle Dörfer bleiben“ eine starke Stimme geschaffen haben, lässt das Land die RWE-Maschine(n) laufen. „Der von Herrn Pinkwart (Anm.: NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP)) geäußerte Revisionszeitpunkt 2026 mag wie ein Hoffnungsschimmer klingen“, sagt Stephan Muckel, „aber für uns bedeutet er nur, dass wir aktuell weiter auf Sicht fahren.“

Und so leben sie erst einmal weiter mit den näher rückenden Stahlkolossen am Horizont. Mit wandernden Erdwällen, undurchschaubaren Planungen und dem Verkehr einer ganzen Autobahn, der sich durch antike Dorfstraßen zwängt, weil der Strukturwandel genau da, wo er am nötigsten ist, bis heute vor allem ein Rückbau von Strukturen ist.

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