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Eine Gruppe Tauben läuft aus dem Taubenschlag und sucht Futter. Besuch beim jungen Taubenzüchter aus Kamen.

Brieftauben

„Rennpferd des kleinen Mannes“

Brieftaubenzüchter? Ja, die gibt’s noch. Tausende kommen nun zu einer internationalen Messe nach Dortmund.

Es gab sie schon in der Antike, in den Weltkriegen waren sie an der Front. Brieftauben haben in Deutschland zu Boomzeiten mehr als hunderttausend Züchter begeistert. Die Schar der Anhänger ist zwar kleiner geworden, doch wer die Brieftaubenzüchter für eine bedrohte Spezies hält, könnte überrascht werden. Denn am 4. und 5. Januar werden rund 200 Aussteller aus Europa und Asien zur internationalen Brieftaubenmesse in Dortmund einfliegen. Der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter erwartet 12 000 Besucher

Ein engagierter Züchter ist Marcel Krause aus Kamen. „Man baut zu jedem Tier eine Verbindung auf“, erzählt der 27-Jährige. Er kann sie alle auseinanderhalten – für Laien schwer vorstellbar bei 120 Vögeln, die sich in seinem Taubenschlag im Ruhrgebiet um die Futterstellen scharen. Man erkennt sie an Muster und Farbschattierung im Gefieder und an der Kopf- und Körpergröße, schildert Krause. „Außerdem wird die Hornhaut auf den Schnäbeln mit dem Alter voluminöser.“ Das älteste Tier ist 16 Jahre alt.

Doch wie kommt ein junger Lehrer auf Brieftauben? „Ich habe das über die Familie mit ins Blut bekommen.“ Opa Krause war Bergmann und hatte sich Vögel angeschafft. In den 1960ern waren unter damals bundesweit gut hunderttausend Züchtern viele Bergleute. „Fast alle hatten Tauben. Sie kamen damit zur Ruhe. Wenn man unter Tage gearbeitet hat, war es auch ein bisschen ein Freiheitsgefühl, wenn die Tauben in die Weiten des Himmels geflogen sind“, sagt Elena Finke vom Verband Deutscher Taubenzüchter.

Vom „Rennpferd des kleinen Mannes“ war einst die Rede. Auch heute komme etwa ein Drittel der noch gut 30 000 Züchter aus dem Ruhrpott. Das Hobby sei zeitaufwendig, betont Finke. Viele Züchter seien heute im hohen Alter.

Marcel Krause war schon als Jugendlicher dabei und hat einige Preise abgeräumt. 2020 will er wieder etwa 60 Tauben in Wettkämpfe schicken. Alle tragen einen Ring. So sind sie identifizierbar, die Flugzeit wird elektronisch erfasst. Der 27-Jährige testet die Tiere auf Trainingsflügen. „Sie prägen sich Fixpunkte ein und finden wieder zurück.“ Die stärksten wählt er für die Wettbewerbe aus, mit Distanzen von bis zu 600 Kilometern. In Lkw werden die Tauben zum Startpunkt gebracht, auf ein Signal öffnen sich die Boxen. „Manche schaffen 130 Kilometer pro Stunde. Bei längeren Strecken können sie schneller am Ziel sein als ein Auto.“

In einigen ländlichen Regionen Deutschlands lebe das Hobby wieder stärker auf, sagt Krause. International habe das Hobby einen hohen Stellenwert. In Osteuropa – Polen, Rumänien oder Bulgarien – sei die Taubenzucht sehr beliebt. Und in einigen ostasiatischen Ländern gibt es einen regelrechten Hype um die Tauben. In China sind sie für Reiche auch als Geldanlage attraktiv. Für die stärksten Vögel werden siebenstellige Summen gezahlt. Mit ihnen lassen sich bei Turnieren saftige Preise erzielen.

Der Tierschutzbund kritisiert eine Ausbeutung der Vögel. Es gebe hohe Verlustraten bei Trainings- und Wettflügen. Manche Tauben sterben, werden verletzt oder entkräftet aufgefunden – nach Verfliegen, Es sei von Hunderttausenden betroffenen Vögeln alljährlich auszugehen, sagt Artenschutzreferentin Henriette Mackensen.

Krause beobachtet: „Die Tauben wollen raus, die haben eine unendliche Lust zu fliegen.“ Wirke eine bei Übungsflügen ausgelaugt, bleibe sie daheim, werde aufgepäppelt. „Das Wohl der Taube steht im Vordergrund, der Wettkampf an zweiter Stelle.“ (dpa)

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