Religion

Wenn Gott unter die Haut geht

Religiöse Tattoo-Motive liegen im Trend - aus unterschiedlichen Gründen.

Aus dem Atelier von Dan Tschanz im schweizerischen Wettingen dringt ein Surren. Ein Mann auf einer Liege lässt sich gerade ein Tattoo in die Brust gravieren: ein geflügeltes Kreuz. Tschanz ist spezialisiert auf Motive aus der Welt der Religion. 

Tattoos von Jesus, Maria, Engeln und Kreuzen sind derzeit gefragt, die Kundschaft wächst. „Darunter sind Banker, Pfarrer oder Lehrer“, so der Schweizer. „Tätowieren lassen sich längst nicht mehr nur Rocker oder Leute am Rande der Gesellschaft, wie es früher war.“ Weshalb aber ist es attraktiv, sich großflächige, oft mehrfarbige Bilder auf den Körper stechen zu lassen?

Der Leipziger Philosoph Christoph Türcke erklärt es so: Angesichts einer emotional aufgeladenen Gesellschaft gebe es immer mehr Menschen, die nach der Maxime leben: Du musst dich selbst zum Bild machen. Der grassierende Selfie- und Influencer-Wahn habe diese Entwicklung noch verstärkt, so Türcke. 

Michael Goldberg schreibt in seiner Masterarbeit „Glaube, der unter die Haut geht“: Das Tattoo solle Menschen an einschneidende Ereignisse in ihrer Lebensgeschichte erinnern, etwa den Tod eines Angehörigen, die Geburt eines Kindes oder die eigene Heirat. Und nicht zuletzt bekennen sich viele mit religiösen Motiven zu ihrem Glauben – allerdings nicht unbedingt zur Institution Kirche. Im Atelier von Tschanz findet sich Fachliteratur zum Thema. „Der Begriff ‚Tattoo‘ kommt von ‚Tatau‘, dem tahitianischen Wort für ‚Wunden schlagen‘“, weiß er. Unter den ersten Christen galten Tätowierungen als Erkennungszeichen. Sie trugen die Initialen Christi in Form des „X“ oder „I.N.“, oder einen Fisch auf der Stirn. Umgekehrt wurden zweifelnde Christen durch Tattoos gebrandmarkt. Wissenschaftler nehmen an, dass Papst Hadrian I. bei der Synode von Calcuth 787 in Northumberland Christen das Tätowieren untersagte. Andererseits lassen sich Pilger seit Jahrhunderten nach Erreichen ihres Ziels tätowieren. 

An Orten wie Bethlehem hat dieser Brauch Tradition. Wem die Religion unter die Haut geht, der sucht das Tattoo-Studio von Walid Ajasch auf. Der katholische Palästinenser hat sich auf christliche Bildthemen spezialisiert. Koptische Christen lassen sich bei ihm ein Kreuz auf die Hand oder den Unterarm tätowieren. 

Dass christliche Tattoos beileibe nicht immer für Religiöses stehen, zeigen Bilder sowjetischer Häftlinge, die Tattoos mit Jesus oder Maria tragen. „Das Madonnen-Motiv kann für die Loyalität zu einem Clan stehen“, erläutert Arkady Bronnikov, Russlands führender Experte für Tattoo-Deutung. Und wer Kreuz-Tattoos auf den Knien trägt, will zeigen, dass er sich vor niemandem beugt. (Vera Rüttimann, kna)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion