Auf dem Gletscher ist das Absteigen vom Schneescooter verboten. Guide Vemund Soll, der seit drei Jahren auf Spitzbergen lebt, muss trotzdem nach Eisbären Ausschau halten.
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Auf dem Gletscher ist das Absteigen vom Schneescooter verboten. Guide Vemund Soll, der seit drei Jahren auf Spitzbergen lebt, muss trotzdem nach Eisbären Ausschau halten.

Spitzbergen

Im Reich der Eisbären

  • Miriam Keilbach
    vonMiriam Keilbach
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Wer hier Alkohol kaufen will, muss nachweisen, dass er seine Monatsration noch nicht verbraucht hat: Spitzbergen gehört zwar zu Europa, hat aber ganz eigene Gesetze. Nun setzt die arktische Wüsteninsel verstärkt auf deutsche Touristen.

Gebären und sterben, das ist auf Svalbard nicht erlaubt. Zumindest nicht vorgesehen. Es gibt in der Hauptstadt Longyearbyen zwar ein Krankenhaus, das ist aber nur für Notfälle – und eine Geburt ist kein Notfall. Also werden schwangere Frauen drei Wochen vor dem errechneten Termin ausgeflogen. Nur zehn Mal hat das bisher nicht geklappt, weil das Kind zu früh kam. Und mit dem Sterben ist das auch so eine Sache: Es sind zwar schon rund hundert Menschen hier gestorben, Alte gibt es wegen des fehlenden Sozialsystems aber nicht, und beerdigen kann man hier auch keinen: Auf Spitzbergen herrscht Permafrost, die Leichen würden konserviert. Nur 33 Mann hat man einst einmal vergraben, „die sind gut erhalten“, scherzt Touristenführer Wiggo Antonsen.

Eine arktische Wüsteninselgruppe in der Barentsee ist Svalbard, mit 62.000 Quadratkilometern größer als Kroatien, besiedelt von rund 2 500 Menschen, die allesamt auf der Hauptinsel Spitzbergen wohnen, in fünf Dörfern mit drei bis 2100 Einwohnern, durch nicht asphaltierte Straßen verbunden. Dazu gesellen sich 3000 Eisbären, 10.000 Spitzbergen-Rentiere, ein paar Tausend Walrosse, Robben und Polarfüchse. Norwegisches Territorium ist die Inselgruppe, und doch ist hier vieles anders als in Europa: Grubenarbeiter und Akademiker leben hier auf engstem Raum zusammen, und eben jene Akademiker ärgerten sich bisweilen über den Bierkonsum der hauptsächlich ukrainischen und russischen Arbeiter. Deshalb führten sie eine Alkoholkarte ein, auf der zwar Bier und Schnaps, nicht aber der von der Elite bevorzugte Wein reglementiert wird. Kaufen darf man hier nur, wenn man entweder die Alkoholkarte oder die Boardingkarte vorweist. Im einzigen Supermarkt in Longyearbyen hängt die Anweisung, wer wie viel kaufen darf.

Weil man auf Spitzbergen ohne Visum einreisen kann, haben sich Menschen aus über 40 Nationen angesiedelt. Die Arbeitslosenquote liegt bei null Prozent, denn hier darf nur leben, wer sich selbst versorgen kann. Spitzbergen hat kein Steuer- und Abgabensystem, damit aber auch kein Sozialsystem. Wer hier arbeitslos wird, erhält keinen staatlichen Zuschuss.

Spitzbergen zieht viele junge Menschen an, das Durchschnittsalter liegt bei 36 Jahren: Sie kommen für ein halbes Jahr, vielleicht ein Jahr, um Geld zu verdienen. „Doch die meisten“, sagt Wiggo Antonsen, „kommen von Spitzbergen nicht mehr los.“ Das Magazin der norwegischen Billigfluglinie Norwegian, die seit etwas über einem Jahr Longyearbyen regelmäßig anfliegt, schreibt, dass Menschen, die auf Spitzbergen ankommen, im Durchschnitt planen, ein halbes Jahr zu bleiben. Sie blieben tatsächlich aber sechseinhalb Jahre. Besonders schön ist das Dorf nicht, Longyearbyen hat vor allem Mehrfamilienhäuser, überall liegen Rohre frei: der Permafrost. Die Häuser stehen auf Pfählen, die im Permafrost eingefroren sind. Aber für ein Dorf mit kaum mehr als 2000 Einwohnern hat es einiges zu bieten: drei Kindergärten, eine Schule, eine Uni, Museen, ein Kulturhaus, eine Sport- und Schwimmhalle, ein Kino, ein Spa. „Welches Dorf hat das sonst“, sagt Antonsen. Außerdem hat Svalbard das schnellste Internet Norwegens, der Anbieter Telenor spricht davon, dass die Insel dem Festland in dieser Hinsicht zehn Jahre voraus sei.

Im Zweiten Weltkrieg von Deutschen niedergebrannt

Wiggo Antonsen lebt seit sechs Jahren in Longyearbyen, zumindest im Sommer, wenn es hell ist, „im Winter fahre ich mit meiner Frau nach Südamerika“, sagt der Osloer, „da werde ich hier eh nicht gebraucht.“ Antonsen ist Taxifahrer und Touristenführer, zweimal täglich kutschiert er Touristen auf dem gerade einmal 48 Kilometer langen Straßennetz durch die Gegend. Er erzählt von der Entdeckung der Inseln im 12. Jahrhundert und vom amerikanischen Stadtgründer John Longyear, der 1906 nach Spitzbergen kam, um Kohle zu fördern. Dazu kommen zirka 50 Forscher in Ny-Ålesund und zwölf polnische Forscher auf Hornsund. Von Longyearbyen, das im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen niedergebrannt und 1946 in zwei etwa ein Kilometer auseinander liegenden Gebieten – Neustadt und Zentrum – wieder aufgebaut wurde, führt die Tour bis zur Grube 7, der einzig noch aktiven Mine in Longyearbyen. Der Bergbau findet jetzt hauptsächlich in Sveagruven und im russischen Barentsburg statt, wo 350 russische und ukrainische Bergarbeiter leben. Am anderen Ende führt die asphaltierte Straße bis zum Global Seed Vault, wo zum Erhalt der Pflanzenvielfalt 2,25 Milliarden Samen eingefroren sind.

Antonsen hält mit seinem Taxi an den legendären Eisbären-Warnschilder. „Ab hier“, sagt er, „darf man nicht mehr ohne Gewehr raus.“ Er hat eines dabei, im Notfall muss er schießen. Wer alleine auf Tour geht, kann sich im Laden im Dorf ein Gewehr leihen, nur das polizeiliche Führungszeugnis muss man dafür vorlegen, die Ladenmitarbeiter erklären die Waffe. Antonsen, Typ netter Weihnachtsmann, kennt die Schauermärchen. Er berichtet von den letzten Eisbären-Besuchen im Dorf 2012 und davon, als eine junge Touristin beim Langlaufen von einem 80 Kilogramm schweren Eisbärjungen getötet wurde, das sie für ein Spitzbergen-Ren hielt.

Angriffe von Eisbären auf Menschen sind aber selten, zum einen, weil Eisbären auf der anderen Seite der Insel leben, zum anderen, weil Menschen auf Spitzbergen untersagt ist, Eisbären bewusst aufzusuchen. Für den Fall, dass sich doch ein Bär ins Dorf verirrt, stehen alle Türen offen, um gleich ins nächste Haus flüchten zu können. „Die Tiere hier mögen Menschen“, sagt Antonsen, während er mit seinem Taxi in der Nähe eines Spitzbergen-Rens fährt, „sie haben keine schlechte Erfahrung mit Menschen. Gejagt wird hier nicht.“ Manchmal schwimmen am Hafen Robben oder Walrosse, die im Süden der Insel leben, vorbei. Antonsen sieht auch den Klimawandel weniger kritisch: Eisbären würden genug geboren, sagt er, nur fressen die Männchen oft die Jungen. „Die Natur regelt das schon“, sagt er, „vielleicht passen sich die Bären an und können bald auch in wärmeren Gebieten überleben.“ Anders sehen das die Forscher: Auf Svalbard schmilzt das Eis doppelt so schnell wie anderswo, die Wassertemperatur stieg in den vergangenen 25 Jahren um zwei Grad. Die Zeitung „Aftenposten“ schrieb jüngst von der „eiskalten Katastrophe.“

Gefährlich ist Svalbard für Touristen nicht: Bei jeder Tour sind ausgebildete Guides dabei. „Wenn ich jemals einen Eisbären erschießen muss“, sagt Scooter-Guide Vemund Soll, müsse er den Job sofort aufgeben: „Dann habe ich etwas falsch gemacht und meine Gruppe und mich in Gefahr gebracht.“ Seit 2011 ist Soll fest auf der Insel, erst arbeitete er als Hundeschlittenführer, jetzt als Schneescooter-Fahrer, „weil es mehr Spaß macht.“ Er führt Touristen an die Ostküste, wo Eisbären ungestört leben. 100 Kilometer Weg, Training mit dem Schneemobil gibt es nicht, ehe es losgeht. Wer auf Spitzbergen reist, so glaubt man vor Ort, habe ein gewisses Händchen für Action-Dinge. Vemund Soll steckt seine Gäste in einen Michelin-Männchen-Anzug, der auch bei Temperaturen von minus 30 Grad eine zehnstündige Natur-Tour erlaubt. Dazu gibt es Handschuhe, Mütze, Helm und Stiefel. Matthias und Susanne Kött aus Bingen reisen immer wieder in außergewöhnliche Gebiete, erzählen sie beim Umziehen. „Irgendwie mögen wir Winterurlaub“, sagt sie und berichtet von Nordlichtern, Geysiren und einer Schifffahrt nach Grönland.

Das Gewehr ist immer geladen

Dann geht es langsam los auf den Mobilen, nach ein paar Minuten zeigt der Tacho 80 Stundenkilometer pro Stunde an, so schnell dürfen Autos auf norwegischen Landstraßen fahren. Ein Gletscher führt zum Reich der Eisbären, nach der auch die Tour benannt ist. Während Touristen Fotos machen, hält Soll Ausschau nach Eisbären. Das Gewehr ist geladen. „Wenn wir einen Eisbären sehen“, sagt er, „parkt die Mobile mit dem Rücken zum Bären, damit wir im Notfall schnell wegfahren können. Wehe, es macht einer ein Foto, ehe ich das Zeichen gebe.“ Dutzende Fußspuren beweisen, wer hier herrscht. Doch die Tiere sind nicht zu sehen. Ab drei Tagen (einem teuren Spaß bei 330 Euro pro Tour), sagt Soll, könne man fast eine Eisbären-Garantie geben. Dafür zeigt sich eine Ringrobbe. Die Robben graben Löcher ins Eis, sobald das Wasser friert. Das Loch halten sie den Winter über offen, um Luft zu holen. Manchmal warten Eisbären davor auf leichte Beute.

130.000 Touristen landen jedes Jahr auf der Insel, mehr als 80 Prozent kommen aus Norwegen. Lebten Menschen auf Spitzbergen im 17. Jahrhundert noch vom Walfang, ist es heute der Tourismus. Er fokussiert sich auf Longyearbyen, von dort aus gibt es Ausflüge: mit dem Schneemobil zu Eisbären, mit Schiffen oder Schneemobilen zu den Minen in Pyramiden, wo noch drei Menschen leben, und Barentsburg oder zu den Walrossen in den Süden. Ein Tapas-Sightseeing-Bus serviert Häppchen wie Rentierherz und getrockneten Dorsch passend zur Geschichte der Stadt. Das Svalbard Tourismusbüro setzt nun verstärkt auf Deutschland. Hier gebe es viele Aktivurlauber, die Lust auf eine außergewöhnliche Natur mit Action haben.

Saison ist immer, sagt Marketingmanagerin Kjersti Ellen Norås. Im Winter – von 26. Oktober bis 16. Februar wird es nicht hell – fahren die Hundeschlitten und Schneescooter genauso raus wie zur Hauptsaison zwischen Mitte März und Anfang Mai. Im Sommer – zwischen 19. April und 21. August wird es nicht dunkel – können Touristen Hundeschlitten auf Rädern fahren oder mit dem Kajak die Küste entlang paddeln. Mehr als 20 Millimeter Niederschlag hat Longyearbyen zu keinem Monat, daher taut der wenige Schnee, sobald die Sonne rauskommt und auf der Insel zwei, drei Plusgrade erreicht werden. Dann zeigt sich die weniger schöne Seite der Insel, die komplett aus Sand und Gestein besteht und kaum ein Pflänzchen zulässt.

Lea Steinhovden und Magnus Løge mögen die dunklen Monate, sie sagen, wenn man draußen arbeite, sei die Dunkelzeit nicht so schlimm. Die beiden führen eine Hundeschlittentour. Auch hier gilt: Touristen müssen selbst anpacken. Steinhovden erklärt, wie man dem Hund das Geschirr anlegt, danach bekommt jedes Schlittenduo eine Namensliste und sucht sich seine sechs Hunde. Gefahren wird selbst, „die Hunde sind geschult, die laufen den anderen hinterher“, sagt Steinhovden, ehe sie als erste losfährt. Eine kurze Anleitung gab es, „Learning by doing“ ist das Motto. Kleinere Unfälle sind einkalkuliert.

Pause ist bei einer Eisgrotte. In ein winziges Loch im Schneeboden steigen nach und nach alle Besucher, 25 Meter unter die Erde. Der Eingang ist so eng, dass alle krabbeln müssen. Danach seilen sie sich in die Tiefe, einer nach dem anderen. Unten angekommen ist mehr Platz. Und durch Eis, Schnee und das Licht von oben heller als erwartet. Løge erklärt das 2 000 Jahre alte Eis und wie sich die Grotte von Jahr zu Jahr verändert. „Der riesige Raum, in dem wir uns gerade sammeln, der existierte im vergangenen Jahr noch nicht.“ Die Eisgrotte, der Gletscher, gefrorene Wasserfälle, die Landschaft, sie erinnert an Disneys Filmhit „Die Eiskönigin“. Die Filmproduktion erklärte, dass man sich von Norwegen habe inspirieren lassen. Den Tourismusverband freut‘s: Seither fragen verstärkt Europäer und Amerikaner an.

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