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Seltener Anblick: Triumphgeste im März 1974. Zumeist reagierte der britische Torhüter Ray Clemence unspektakulär und strich sich nach einer Parade das Trikot glatt.
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Seltener Anblick: Triumphgeste im März 1974. Zumeist reagierte der britische Torhüter Ray Clemence unspektakulär und strich sich nach einer Parade das Trikot glatt.

Nachruf

Regent des Augenblicks

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Und einer der Könige unter den Keepern: Erinnerungen an den kürzlich verstorbenen Ray Clemence.

Das Foto, nachts im Netz aufgestöbert, zeigte, wie er den Ball ins Feld beförderte. Mit dem Unterarm holte er aus, um einen dieser harten britischen Bälle dem Mitspieler entgegenzuschleudern, eine von diesen weißen Kugeln. Schleudern ist vielleicht ein rohes Wort, aber Wucht war im Spiel – auf dem Foto unübersehbar, darauf Ray Clemence. So festgefroren die Aktion auf dem Bild, so muss es doch eine einzige fließende Bewegung gewesen, wie dann der Videoschnipsel bestätigte. Es war, im Nachhinein unerklärlich, in der Nacht auf den 15. November. Die Bilder zeigten Ray Clemence im Tor des FC Liverpool, grünes Trikot, rote Hose, rote Stutzen.

Es waren Bilder aus den Siebzigerjahren, heißt: fast 50 Jahre her. Ray Clemence beim Abwurf, very special, sagte in einem Film ein ehemaliger Teammanager über ihn. Aber was genau war speziell, so eigenartig wie eigenwillig? Dieser Torwart bezog Energie aus den Schultern und Eleganz aus dem Oberkörper. Vielleicht war das dann auch die Verbindung zu Ray Clemence an diesem Abend, während ich vor meinem Laptop saß mit blockierter Schulter.

Dehnübungen vor dem Bildschirm mit dem Kopf, rauf, runter. Kopf auf Kinn, der Blick über den Brillenrand auf den Ball. Kopf im Nacken, der Blick mit erhobener Nase auf den rechten Unterarm von Clemence, während sein linker zum Himmel zeigte, so dass rechter und linker Arm für einen Augenblick eine schräge Gerade bildeten, von unten nach oben. Ein Athlet, Körpersprache wie modelliert, wie bei einer antiken Skulptur. Clemence warf noch nicht ab mit der geballten Power des ganzen Körpers, der Torsionsbewegung aus der Hüfte, wie es wenige Jahre später ein Toni Schumacher einführte. Schumacher erreichte mit seinem Abwurf einen Mitspieler an der Mittellinie, Clemence überwand vielleicht zwei Drittel der eigenen Spielhälfte, fünfunddreißig, vierzig Meter. Das Leder sprang dann nicht auf, unnötig hoch, schwerer kontrollierbar, sondern der Ball glitt in einem flachen Winkel in die Füße des Mitspielers.

Clemence war unter den mitspielenden Torhütern einer der ersten. Hinter einer Viererkette aus vier Hünen, die ziemlich ungehobelt zulangen konnten, war er eine außergewöhnlich geschmeidige Erscheinung. Mit 1,83 alles andere als ein Recke, musste er auf seine enorme Sprungkraft setzen. Tat er. Clemence, der Gesprächsstoff, etwa am Telefon: Hast du noch vor Augen, wie er den Elfer von Heynckes, im ersten Endspiel um den Uefa-Cup, gegen Mönchengladbach, unten aus der rechten Ecke fischte?

Hingerissen auch der englische Kommentator, vor Ort, 1973: a supreme save, nein, mehr noch: eine der größten Strafstoßparaden der Saison, so der Reporter, der allerdings glatt vergaß, dass Wolfgang Kleff in der ersten Halbzeit fast genauso gegen Kevin Keagan gerettet hatte. Wie auch immer, Clemence reagierte auf seine eigene Tat cool, ohne eine Geste des Triumphs. Keine geballte Faust. Er strich sich seine Torwarthandschuhe am Trikot ab.

Wie immer bei Heldengeschichten geht es, sobald sie erzählt werden, darum, unter den größten den allergrößten zu küren. Wer also war der größte Torhüter? Goalie, wie sie in den englischen Videos sagen, nicht Keeper. Gordon Banks, Peter Shilton oder Ray Clemence? In den Clemence gewidmeten Clips in den Tagen nach seinem Tod am 15. November sind noch einmal Statements von Mitspielern und Managern zu hören. Augenzeugen – doch was sahen sie? Die Befragten, früher Profis, zeigen sich weiterhin lässig, auch wenn es in diesem oder jenem Interview heißt, Ray sei der Beste der Welt gewesen, nicht nur ziemlich besonders, sondern wahrhaftig speziell, nämlich irrwitzig schnell.

Bill Shankly, als Trainer zwischen 1959 und 1974 selbst eine Liverpooler Legende, nannte Clemence quick – typisch britisches Understatement, ein treffliches Wort dazu. So hellwach wie schnell war Clemence auch am Boden, mit dem Fuß am Ball, seinem linken, dem Spielbein, ebenso wie mit dem rechten Standbein. Denn quick, blitzschnell vermochte es Clemence, das eine wie das andere Bein lang zu machen. So lenkte er den Ball dann um den Pfosten.

In einem alten Film, ebenfalls zu sehen als Video, erklärt er zwei Knaben die Kunst des Winkelverkürzens, nicht nur einmal, noch einmal, wiederholt, umsichtig und geduldig, so dass man lächeln muss. Denn wozu Clemence den Nachwuchs spielerisch ermunterte, machte ja im wahren Spiel den Gegner wiederholt mürbe. Nein, mit Ungeduld ist einem guten Torhüter gewiss nicht beizukommen, nur mit Übersicht, die allerdings in einem Sekundenbruchteil abgerufen sein will. Wie jeder große Torwart tat Clemence das aber ebenfalls. Quick, stets auf dem Sprung.

Es gibt in den Videozusammenstellungen Szenen, die seine selbst unter Ausnahmekönnern außergewöhnliche Reaktionsfähigkeit festhalten. Reaktionsschnelligkeit, immer wieder ein Rätsel, ist aber noch mehr. Zählt doch zum Verhexten des Torwartspiels, dass man als scheiternder Gegner nicht schlecht aussehen muss, im Gegenteil, sogar eine blendende Figur machen kann, eine Pirouette, einen Fallrückzieher, den Ball obendrein optimal treffen kann, wuchtig, raffiniert – um am Torwart dennoch zu verzweifeln. Was auch Ray Clemence auf engstem Raum erreichte, war, dass seine ungeheure Reaktionsfähigkeit nicht nur den Gegner beherrschte, sondern den Augenblick regierte – und damit, über ihn hinaus, die Erinnerung.

Bedauerlich, wie wenig man von ihm in Deutschland sehen konnte. Es gab in den 1970er Jahren nur wenige Gelegenheiten, um Ray Clemence zuschauen zu können, allenfalls vier-, fünfmal live in den Übertragungen der Europapokalspiele, in denen sich Liverpool mit Mönchengladbach und Bayern München auseinandersetzte. Allerdings ist mir Clemence dennoch begegnet, indirekt, aber nachdrücklich in einem Sportshop in London, 1973, im Jahr seines ersten großen Triumphs, des Uefa-Cups. Aus London brachte ich sein Trikot mit, als Mitbringsel für meinen Bruder, dieses grüne Trikot, in den Erzählungen heute immer noch ein Souvenir, am Hals eingelassen ein kleiner V-Ausschnitt, gerahmt von zwei Krägelchen, die über den Schlüsselbeinen vorwitzig abstanden. Eleganter Dress, schmal geschnitten, weit entfernt von den bollerigen Trikots unserer frühen Torwarttage. Ein Jersey halt.

Überhaupt die Kleiderfrage. Für uns, die wir mit 14, 16 oder 17 dreimal in der Woche im Tor standen, dienstags und donnerstags beim Training, sonntags bei einem Spiel, gab es allerdings auch Kompromisse. An erster Stelle die bei den Hüften mit Schaumstoff ausgepolsterten Hosen, die Puma auf den Markt brachte. Auch waren sie ein paar Mark billiger als das Konkurrenzprodukt von Adidas, und so kleideten wir Jugendtorhüter im Ruhrgebiet unsere Karrierehoffnungen in die plumpen Hosen von Puma, zumal auf Spielfeldern aus Asche oder Schlacke.

Wagnis und Bekenntnis zugleich: Ray Clemence in roter Hose, 1973.

Den Puma-Keil anstelle der drei schmalen Adidas-Streifen trug auch der Mönchengladbacher Kleff, und so hager er auch im Gesicht sein mochte, ja, dem Komiker Otto so sehr aus dem Gesicht geschnitten war, dass er ihn in einem Otto-Film glatt doubelte, so wirkte der knochige Kleff um die Hüfte herum wegen der ausstaffierten Puma-Hosen ein wenig pummelig in den beiden Uefa-Cup-Endspielen der Mönchengladbacher gegen Liverpool, 1973.

Wie anders auf der anderen Seite des Spielfeldes Ray Clemence, in seiner kurzen Hose. Sicher, eine solche trugen auch ein Luffe Wolter oder Norbert Nigbur, ein Sepp Meier, Dino Zoff oder Ronnie Hellström, doch keiner, der bereits in den Siebzigern so weit gegangen wäre, eine andere als eine schwarze zu tragen. Mit einer roten Hose stellte sich Clemence für seine Reds ins Tor, nicht nur im heimischen Stadion, in Liverpools Anfield Road. War das jetzt Eleganz, lässig oder bereits liederlich? Er lachte, so die alten Bilder, gerne. Einmal gar, noch während des Elfmeterschießens, umarmte er sein Gegenüber aus dem anderen Tor lachend. Angesagt war eigentlich kein Freundschaftsspiel, es war das FA-Cup-Finale gegen Leeds.

Angesagt ebenfalls seine Torwarthandschuhe (Sondico), ziemlich schick, die an den Händen keine aufgepumpten Goofy-Hände bildeten, was Clemence entgegengekommen sein muss beim Zupacken. Passt deswegen das Wort unfassbar ganz gut, mit dem die eine oder andere außerordentliche Parade beschrieben wird? So zu reden geschieht nicht nur im Überschwang, sondern als Anerkennung einer Tat, vor der die Beschreibung kapituliert, etwas Unerklärliches. So in den Szenen gegen Francis Lee gleich zweimal, als der drahtige Stürmer im hellblauen Trikot von Manchester City zweimal an Clemence scheiterte. Einmal aus vielleicht fünfzehn Metern mit einem perfekten Streich in den rechten Winkel, den Clemence über die Latte lenkte, eine Großtat.

Die Heldentat aber bereits in der ersten Halbzeit, als Lee aus vielleicht drei, vier Metern einen Ball technisch perfekt traf, ihn als Dropkick in den Winkel jagte, so dass Clemence aufgefordert war, rasch zu reagieren, was er tat. Es geschah dadurch, dass er die Arme hochriss. Videoszenen-Wechsel, Cliffhanger.

Vierzehn Jahre stand Clemence im Tor an der Anfield Road, aus Clemence wurde in 470 Spielen Clem. Weil ihm die Verantwortlichen 1981 einen Bruce Grobbelaar vorzogen, wechselte Clemence, 33 Jahre alt, zu den Spurs, um am Tag seiner Rückkehr mit Tottenham von den ehemaligen Fans gefeiert zu werden wie von den eigenen. „England’s Number 1“ skandierte die Tribüne hinter ihm, die weltberühmte Kop, wo der Song „You’ll never walk alone“ kein leeres Versprechen ist.

Ungezählte Male machte sich Clemence lang, Fotos zeigen ihn bei einer besonders ansehnlichen Tat des Torhüterdaseins, der Robinsonade, einem Flug, bei dem man sich ein wenig Zeit nehmen kann, wie bei einer kleinen Showeinlage, anders als bei dem Sekundenbruchteil – zurück also zu seinem 1:1 gegen Francis Lee, als Clem den Ball, eine rasend schnelle Kugel, aus dem Winkel boxte. Und was machte Lee? Er beschäftigte sich nicht damit, sich die eigenen Haare zu raufen, vielmehr strich er Clemence über den Schopf. Britisches Fairplay, so könnte man sagen, womöglich aber auch noch mehr. Denn im Grunde verbarg sich hinter der Geste von Lee nichts anderes als die Krönung von Ray Clemence zum König der Keeper.

Kraft der Ruhe: Ray Clemence, hier 2010, trieb manchen Gegner zur Verzweiflung.

Dreimal gewann Clemence mit Liverpool den Europapokal der Landesmeister, 1977, 1978 und 1981; zweimal mit Liverpool, 1973 und 1976, dazu einmal mit Tottenham, 1984, konnte er den Uefa-Cup hoch halten; fünfmal wurde er Meister in England. Er bestritt zwischen 1972 und 1983 61 Länderspiele – doch so unwiderstehlich die Dominanz der englischen Vereinsmannschaften in Europa, es war nicht die Zeit der „Three Lions“. Kick and rush, Zeit der Öde, die verpassten Weltmeisterschaften 1974 und 1978 waren eine Schmach. Zu konservativ deren Spiel, zu statisch, technisch zu mäßig.

Seltsam, denn Clemence verkörperte die progressiven Tugenden des Torwartdaseins, schon in der Reserve von Liverpool lernte er hinter einer Viererkette aus Haudegen das Mitspielen. Clemence war für das Filigrane zuständig, ob mit der Faust oder seinen beiden Händen, ähnlich wie vielleicht nur noch Sepp Maier, der auf sagenhafte Weise zuzupacken wusste, selbst wenn Bälle nicht etwa sanft aufs Tor segelten, um lässig runtergepflückt zu werden, sondern knallharte Herausforderungen waren. Wie auch Clemence das fertigbrachte, blieb sein Geheimnis, also auch, dass er beide Daumen hinter die Kugel bringen musste, stabil genug, um den Ball nicht passieren zu lassen, elastisch genug, dass die Finger nicht brachen. Die beiden Hände so begnadet, dass sie den Ball nicht prallen ließen – und doch dessen ungeheure Energie absorbierend. Ganz ruhig, Baby, halte dich gut fest.

Keine Szene, in der Clemence den Ball, anders als manche Schreckensgestalt zwischen den Pfosten, als Beute behandelt hätte. Vielmehr machte er das Spiel schnell, indem er den Ball kurz auf dem Boden aufprallen ließ, um ihn in einer fließenden Bewegung, Energie in Eleganz umwandelnd, mit dem linken Fuß ins Feld zu treten.

An Ray Clemence sind die beiden größten deutschen Vereinsmannschaften der 1970er Jahre gescheitert, Mönchengladbach und München, Ausnahmestürmer wie Rummenigge, Heynckes oder Simonsen. Als Stielicke durchbrach, antizipierte Clemence das Vorhaben, war schnell genug auf den Beinen, um den Ball in Höhe des Elfmeterpunkts zu blocken. Viel hat das Torwartdasein mit Antizipation zu tun, Antizipation in einem Spiel, dessen Zauber vom Unerwarteten lebt, von der vorsätzlichen Überrumpelung ebenso wie der unvorhersehbaren Überraschung. Dessen Gegenmittel gegen den Zauber allerdings davon lebt, dem Zufall so wenig wie nur möglich Tür und Tor zu öffnen. In der Saison 1978/79 brach Clemence alle Rekorde, als er in 42 Meisterschaftsspielen die Bestmarke von bis dahin 24 Gegentoren auf 16 runterschraubte.

Selig, Wange an Wange mit Kevin Keagan, in der Nacht des Europapokaltriumphs, sah ich Ray Clemence in der Nacht auf den 15. November, merkwürdig. Seit vielen Jahren hatte ich mich nur gelegentlich, nach dem Tod von Gordon Banks, nach dem Tod von Hans Tilkowski, mit meinem Bruder am Telefon auch über Ray Clemence unterhalten, das Trikot, weißt du noch? Das Mitbringsel aus London, der grasgrüne Sweater. Als ich, erstmals nach langer Zeit, wieder auf Ray Clemence stieß, aus welchem Grund auch immer, notierte ich den Satz: Es gibt ein Foto, da wirft er den Ball ab, dir direkt zu.

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