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Wer nicht jagen muss, darf liegen: Ein paar Löwendamen genießen den Blick über das Lionsrock-Areal.

Südafrika

Raubkatzen-Asyl in Afrika

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Sie kommen aus Gaza, Aleppo, Mossul: Traumatisierte Raubkatzen finden am Fuße des südafrikanischen Lionsrock eine neue Heimat. Aber manchmal holt sie die Vergangenheit ein.

Für einen Tiger ist Lasis ein ganz schöner Angsthase. Schon ein Gewitter kann ihn in Panik versetzen. So wie letzten Herbst, als dicke Hagelkörner auf das Steinhäuschen in seinem hektargroßen Gehege niederprasselten. Der Bau dient eigentlich als schattiger Unterstand und zugleich als Kletterfelsen, wie ihn Raubkatzen mögen, um obenauf hockend in die Ferne zu blinzeln. Aber nach dem Gewittersturm ließ sich Lasis nicht mehr blicken. Irgendwo tief im Gebüsch hatte er sich verkrochen. Nicht mal zur Fütterung wagte er sich hervor. „Mental war er zurück in Gaza“, sagt Ioana Dungler. Also Tausende Kilometer Luftlinie von Lionsrock entfernt.

Es hat Wochen gedauert, bis der Tiger wieder Vertrauen zu sich selbst und zu seiner Umgebung fasste. Die ist im Vergleich zu dem, was Lasis in seinem früheren Leben durchgemacht hat, ein Paradies. Lionsrock, das ist ein Refugium für rund hundert aus Gefangenschaft befreite Löwen, Leoparden, Luchse – und eben auch Tiger. Unterhalten wird die Station von der internationalen Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ (Four Paws) in der Hochebene Südafrikas, drei Autostunden südlich von Johannesburg. Sie hat das 1200 Hektar große Gelände 2006 einem Farmer abgekauft, der hier früher eine Löwenzucht betrieb. Reiche Trophäenjäger zahlen fünf- bis sechsstellige Beträge, um einen ausgewachsenen „König der Tiere“ vor die Flinte zu bekommen. Andernorts floriert das schmutzige Geschäft weiter. Nicht so in Lionsrock, dem Herzensprojekt von Ioana Dungler.

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Der Tiger Lasis wurde lange im Zoo in Gaza gehalten – bis heute ist er vom Bombenlärm traumatisiert.

Sie stammt aus Rumänien und ist Chefin der Wildtierabteilung am Hauptsitz von „Vier Pfoten“ in Wien. Viele der malträtierten Großkatzen hat die 48-Jährige selbst aus Menagerien und Zirkuswagen in Europa und Nahost geholt, um sie in Lionsrock wieder an ein möglichst artgerechtes Dasein zu gewöhnen. Aber aus tierpsychologischer Sicht, bescheinigt Dungler, „war Lasis unser schwerster Fall“.

Lionsrock, benannt nach einem markanten Felshügel, der wie ein Löwe über der weiten, leicht gewellten Landschaft thront, ist seit nunmehr zweieinhalb Jahren sein neues Zuhause. Nur braucht es nicht mehr als Blitz und Donner – und schon holt ihn Gaza ein. Die Jahre dort, die er eingepfercht in einem Betonkäfig verbrachte, haben sein Wesen geprägt. Vor allem der Kriegssommer 2014, als ringsum Bomben einschlugen, scheint Lasis traumatisiert zu haben. Seine Tigergefährtin hat das damals nicht überlebt, sie starb, vermutlich an Auszehrung, so wie fast die Hälfte aller Tiere aus dem Gaza-Zoo in Chan Junis. Dass der palästinensische Zoobesitzer den toten Tiger nach dem Krieg ausstopfen und neben Lasis im Käfig ausstellen ließ, war wohl nicht minder traumatisch. Tiger, sagt Ioana Dungler, gehören zu den sensibelsten Geschöpfen unter den Raubkatzen.

Die Zustände in Chan Junis trugen mit dazu bei, dass der in den Medien titulierte „schlimmste Zoo der Welt“ traurige Berühmtheit erlangen sollte. Aber er brachte auch eine dramatische Rettungsaktion der „Vier Pfoten“-Tierschützer auf den Plan, die Evakuierung eines ganzen Zoos oder das, was davon übriggeblieben war, im August 2016. Als ob er ahnte, dass ihn ein besseres Leben erwarte, tappte Lasis von ganz alleine in die mit Eisbrocken und Ventilatoren gekühlte Frachtkiste.

Drei Tage war Lasis in der Box unterwegs, erst eine aus Holz, gesichert mit schwerer Eisenkette, um darin über den Checkpoint Eres nach Israel geschafft zu werden. Dort musste er für die erforderliche Veterinäruntersuchung plus Verladung in einen flugtauglichen Metallcontainer noch mal fünf Stunden sediert werden, was für einen Tiger ziemlich grenzwertig ist. Erst nach schier endlosen Sicherheitsprozeduren hob der El Al-Flieger mit ihm im Frachtraum und fünf Vier-Pfoten-Begleitern in der Touristenklasse von Tel Aviv Richtung Johannesburg ab. Bei der Ankunft, als der größte Stress hinter ihnen lag, „fühlte ich mich wie neugeboren“, erinnert sich Ioana Dungler. Die letzten 13 Kilometer über die Holperpiste ins Reich von Lionsrock machten auch Lasis wieder munter.

August 2016, Ankunft in der neuen Heimat: Ioana Dungler hat Tiger Lasis von Gaza nach Johannesburg geholt.

Es ist immer ein spannender, emotionaler Moment, wenn schließlich die Klappe am überschaubaren Gehege für Neuankömmlinge hochgezogen wird und die Tiere erstmals wieder Gras unter ihren Tatzen spüren. Manche trauen sich nur zögernd aus der Kiste, andere spurten raus. So wie Simba, der Löwe aus dem irakischen Mosul, der vor genau einem Jahr eintraf und gleich mit der Markierung begann, sprich seinen Urin abspritzte, um sein Revier abzustecken. „Ein, zwei Stunden später lag er bereits hoheitsvoll oben auf dem Steinplatz“, erzählt Hildegard Pirker, 52, die leitende Tiertherapeutin in Lionsrock, die vor elf Jahren mit ein paar Löwen aus einem bankrotten österreichischen Safari-Park herkam. Aber sie hat auch schon Löwen erlebt, „in deren Kopf steckt ein kleiner Chow-Chow. Die fürchten sich selbst vor dem Busch im Wind.“

Bei Lasis, dem Tiger, wusste auch die erfahrene Raubtierexpertin nicht, „was auf uns zukam“. Vier Wochen lang zeigte er sich tagsüber nie. Nur nachts holte er sich sein Fressen, das die Pfleger in Lionsrock jeweils dienstags und freitags den Raubkatzen liefern. Aber dann „ging auch bei Lasis ein Knopf auf“, so Pirker. Bei der nächsten Fütterung stand er wartend draußen, nahe am Zaun, offenbar „entschlossen, uns zu vertrauen“.

Scheuer als etwa das Tigerpärchen im Gehege nebenan ist Lasis bis heute. Das war schon vor besagtem Rückschlag im Herbst so, von dem er sich erst erholte, als die Pfleger auf die Idee verfielen, die Steinhütte abzureißen. In ihr hatte er vermutlich während des Gewitters Unterschlupf gesucht, aber sich beim Aufprall der Hagelkörner wie in einer Todesfalle, gefühlt.

An diesem Dienstagmorgen im südafrikanischen Hochsommer, der nach unserem Kalender in die Winterzeit fällt, ist wieder die Fütterung der Raubkatzen angesagt. Ein Schauspiel für die Gäste in Lionsrock, Schwerstarbeit für Hildegard Pirker und ihre Leute. Die Khakihemden mit dem „Vier Pfoten“-Emblem, das hier alle Beschäftigten tragen, sind bald durchgeschwitzt. Seit dem frühen Morgen sind sie beschäftigt, den Pickup mit Rinderbeinen, Schafhälsen und anderen groben Fleischbrocken zu beladen, um Futter an 58 Gehege zu verteilen. Ihre Jagdinstinkte haben die Tiere nie entwickelt oder sind ihnen in der Gefangenschaft abhandengekommen. Aber ihre innere Uhr, wann das Fressen anrollt, scheint bestens zu funktionieren.

Das Löwenrudel hält bereits am Gatter Ausschau nach dem Pickup. Vor den abgetrennten Futterstellen sind Schiebetüren angebracht, die erst durch Hebelzug für die Tiere geöffnet werden, wenn die Fleischstücke drinnen und die Arbeiter wieder draußen sind. „Immer noch mal checken“, mahnt Pirker, „beim Angriff einer Großkatze hat man keine zweite Chance.“

Fauchend und ein paar kräftige Pfotenhiebe austeilend streiten zwei langmähnige Löwen um die besten Happen. Futterneid ist gerade bei den männlichen Tieren verbreitet. Dabei haben nicht wenige Raubkatzen in Lionsrock eher ein Problem mit Übergewicht. Sie können zwar in ihrem Freilauf umherstreifen, aber da sie nicht jagen müssen, fallen sie leicht in einen angeborenen Energiesparmodus. Überlebenswichtig in freier Wildbahn, wo ein Löwe auch mal zwei Wochen keine Beute macht, jedoch kontraproduktiv in Lionsrock.

Damit die Tiere nicht zu viel auf ihrer faulen Haut liegen, haben sich ihre Therapeuten eine Art Fitnessprogramm ausgedacht. Eine Aufgabe, die besonders gerne die Volontäre übernehmen. Seine Bälle aus Karton, gefüllt mit Pferdekot und Straußenfedern, versetzten fast jede Raubkatze in Bewegung, erzählt Fritz Müller, der gerade eine mehrmonatige Auszeit von seinem Job als Filmausstatter in Wien genommen hat, um in Lionsrock Tier und Natur näher zu kommen. Kein billiges Vergnügen nebenbei, für Kost und Logis zahlt jeder Volontär über 1500 Euro.

Das schönste Dasein allerdings genießen die Antilopen und Gnus, die Strauße und Zebras, die sich völlig unbehelligt von ihren natürlichen Feinden in der weitläufigen Senke jenseits der Raubtiergehege tummeln. Das mächtige Löwengebrüll, das des Abends herüberschallt, lässt sie kalt. Sie spitzen die Ohren, dann äsen sie ungestört weiter.

Die Besucher auf der Terrasse vor den Gästehäusern halten es ähnlich. Auch wenn unter ihnen jedes Mal Begeisterung ausbricht, sobald die Löwen lautstark ihre Mäuler aufreißen. Lasis, dem geräuschempfindlichen Tiger, dürfte das Gebrüll schon weniger behagen. Aber der verzieht sich eh meist als einer der ersten zurück ins Gebüsch.

Ist eben ein Angsthase. Wer seine Geschichte kennt, weiß warum.

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