Griechenland

Rebellen im Auftrag des Herrn

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Orthodoxe Osterfeierlichkeiten in Griechenland: Geistliche stellen sich den Corona-Beschränkungen entgegen.

Für Magda Melidi ist es eine Tradition. Seit sie denken kann reiste sie zum Osterfest aus Athen auf ihre Heimatinsel Korfu, zuerst als Kind mit ihren Eltern, dann als Mutter mit ihrer eigenen Familie. „Ostern war für uns der Höhepunkt des Jahres“, sagt die 53-Jährige. Aber in diesem Jahr feiert sie Ostern mit ihrem Mann und den drei Töchtern in der Stadtwohnung im Athener Viertel Argyroupolis. „Das verdanken wir dem Coronavirus“, sagt Melidi verbittert.

Wie ihr geht es Millionen Griechinnen und Griechen. Ostern ist das wichtigste Fest im Kalender der orthodoxen Kirche. Da gehen selbst Menschen zur Messe, die im Rest des Jahres kein Gotteshaus betreten. In diesem Jahr stehen Gläubige und Gelegenheitsbesucher vor verschlossenen Kirchentüren. Wegen der Pandemie sind alle Versammlungen verboten, darunter auch Gottesdienste.

„Das habe ich noch nie erlebt“, sagt Bischof Ierotheos, Metropolit von Nafpaktos und Sprecher der Heiligen Synode, der orthodoxen Kirchenleitung. „Selbst im Krieg waren die Kirchen geöffnet“, sagt der 75-jährige Pope.

Jetzt finden die Gottesdienste zwar statt, aber vor leeren Bänken. Polizeistreifen, auch Zivilfahnderinnen und Zivilfahnder, sollen die Einhaltung des Verbots kontrollieren. Die Gläubigen können die Liturgie nunmehr lediglich im Livestream bei Youtube verfolgen. Nicht einmal Familienfeste sind erlaubt.

Ostern feiern viele Griechinnen und Griechen auf dem Land. Familien und Freunde versammeln sich um den Bratspieß, auf dem das Osterlamm röstet. Man trinkt, tafelt, tanzt. Am orthodoxen Ostersamstag, der in diesem Jahr auf den heutigen 18. April fällt, erreicht das Fest um Mitternacht seinen Höhepunkt. In den Kirchen ertönt der Ruf „Christos anesti“, Christus ist auferstanden.

Nicht in diesem Jahr. „Die Frage von Ausflügen stellt sich nicht, wir bleiben zu Hause“, erklärte der für den Zivilschutz zuständige Vizeminister, Nikos Chardalias, in einer seiner täglichen Pressekonferenzen und blickte streng über den Rand seiner Lesebrille. „Das Virus nimmt keine Rücksicht auf Ostern.“ Reisen in die Provinz sind auch zu Ostern verboten.

Wer seinen Hauptwohnsitz auf dem Land hat, darf zwar die Städte verlassen, aber nicht mehr zurückkehren, solange die Corona-Beschränkungen gelten. Seit Karfreitag kontrolliert die Polizei alle Autos an den Mautstellen der Autobahnen und auf Landstraßen.

Wer unberechtigt unterwegs ist, muss 300 Euro Bußgeld zahlen und riskiert eine Stilllegung des Autos für 60 Tage. Bahnhöfe, Busterminals, Fährhäfen und Flughäfen werden überwacht. Zivilschutzminister Chardalias appelliert an die Bürgerinnen und Bürger, Vernunft zu zeigen.

Die bisher erreichten Erfolge im Kampf gegen das Virus sollen nicht gefährdet werden. Tatsächlich steht Griechenland im europäischen Vergleich gut da. Nach einer Studie der französischen Denkfabrik The Bridge hat das Land dank frühzeitiger und strikter Beschränkungen die Epidemie besser eingedämmt als die meisten anderen Staaten Europas. Umfragen zeigen, dass 80 Prozent der Griechinnen und Griechen dem Krisenmanagement der Regierung zustimmen, 92 Prozent wollen Ostern zu Hause bleiben.

Aber nicht alle fügen sich. Im Klerus gibt es Widerstand. Einer der Rebellen ist Nektarios, Bischof von Korfu, wo Ostern traditionell besonders hingebungsvoll begangen wird. Ungeachtet des Verbots zelebrierte er zum Auftakt der Karwoche mit Gläubigen eine Messe. Als die Polizei anrückte, ergriff der Geistliche die Flucht. Später stellte er sich. Am 25. April muss er sich vor Gericht verantworten.

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