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Einsamkeit auf Ruden.

Insel Ruden

Im Rausch der Einsamkeit

Der Ruden ist ein winziges Eiland zwischen Rügen und Usedom. Katharina Weit hütet die Insel für ein halbes Jahr, zählt Vögel, Otter, Robben. 

Kalt ist es. Und dunkel. Und – abgesehen vom Klingeln des Weckers – ganz still. Am Vorabend hat Katharina Weit Kiefernzapfen, Papier und Zweige im Küchenofen des Lotsenhauses aufgeschichtet. Als sie das brennende Streichholz an den Stoß hält, lodert sofort das Feuer auf. Katharina Weit lebt alleine auf dem Ruden, einer kleinen Insel im Greifswalder Bodden, zwischen Rügen und Usedom. Nie ist die Einsamkeit so präsent wie jetzt gerade, um halb sechs am Morgen, wenn nur ihre eigenen Geräusche die Stille im Haus unterbrechen. Wenn draußen der Wind heult und es keiner hört außer ihr.

Ein Haus, ein Turm, etwas Wald und manchmal Sturm: Das ist der Ruden.

Der Ruden, 2,2 Kilometer lang und 390 Meter breit, gehört der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Er ist umgeben von Urlaubsgebieten, jedes Jahr kommen Hunderttausende Touristen nach Rügen und Usedom, an den Stränden liegen sie im Sand. Für den Ruden dagegen gilt überwiegend ein Betretungsverbot. Die ganze Insel ist Naturschutzgebiet und Katharina Weit für sechs Monate ihre Hüterin. Sie absolviert hier einen Freiwilligendienst im Auftrag des Vereins Jordsand, dem die Deutsche Bundesstiftung Umwelt die Betreuung der Insel übertragen hat. Denn der Ruden ist etwas ganz Besonderes: Außer den Freiwilligen leben hier: zwei Füchse, mehrere Fischotter, Schafe, Kormorane und Seeadler. Und je nach Saison Tausende Zugvögel, die hier auf ihrem Weg Rast machen.

Hemd und Shirt, Kleid und drei Jacken zieht Katharina Weit vor dem ersten Rundgang übereinander. Sie mag es nicht, wenn Farben nicht zusammen passen, deshalb trägt sie schwarz. Vor der Tür ist jede Windböe ein Frontalangriff auf den Körper, der Kaffee schon nach ein paar Schritten in der Dunkelheit kalt. „Heute bin ich spät dran“, sagt sie. Im Osten glimmt der Himmel, der untere Rand der Wolken leuchtet rot. Sie läuft am Hafen vorbei, wo der Rost Löcher in die Pier gefressen hat. Überall Kabelkanäle und Poller, große Strommasten und Laternen, die seit Jahrzehnten nicht mehr leuchten. Die Insel ist längst nicht mehr ans Stromnetz angeschlossen. Die leerstehenden Gebäude verfallen. Der Ruden war mal Lotseninsel, Grenz- und Beobachtungsstation, von hier aus kontrollierten Soldaten die Probeflüge von Hitlers V2-Raketen, zu DDR-Zeiten überwachten Grenzschützer die ein- und auslaufenden Boote. Seit 2016 ist der Hafen geschlossen: Sicherheitsmängel.

Kein Wasser, kein Strom? Wunderbar!

Freiwillige wie Katharina Weit betreuen seitdem die Insel, dokumentieren das Tier- und Pflanzenleben und schicken ungebetene Besucher wieder zurück auf das Festland. Die 51-Jährige hat auf Madagaskar gelebt und in Odessa. Sie hat fünf Kinder, eine Pflegetochter, zwei Enkel, war lange Jahre alleinerziehend, immer für alle da. Sie arbeitete als Journalistin und Projektmanagerin, hat für andere geputzt und gekellnert und ihren Kindern „gezeigt, dass man das Boot nicht untergehen lässt“. Bevor sie sich für die Insel entschied, verkündete sie ihnen, dass sie nun erwachsen seien. Mitte Oktober brachte ein Fischer sie und den Ofen, eingewecktes Obst und Gemüse und ein Spinnrad auf den Ruden. Damit ging für sie eine Epoche zu Ende: 26 Jahre hat sie sich täglich um andere gekümmert. „Ich war einerseits erschöpft, müde von den Jahren der Sorge und Arbeit“, sagt sie. „Aber auch hungrig nach Neuem. Ich wollte Neues sehen, fühlen, riechen und schmecken.“

„Naturkundliche Expertise ist das eine“, sagt Sebastian Schmidt, ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Vereins Jordsand. „Aber Organisationstalent, Durchhaltevermögen und Verlässlichkeit sind ebenso Teil des Anforderungsprofil der Insel- und Vogelwarte des Vereins.“ Rund 20 Inseln und Halligen betreut Jordsand entlang der Nord- und Ostseeküste, darunter auch die Nachbarinsel Greifswalder Oie. Das Leben und Arbeiten auf dem Ruden, sagt Sebastian Schmidt, sei noch mal deutlich härter. Diese Einsamkeit erträgt nicht jeder.

„Jeden Tag eine neue Vorstellung.

Nur 26 Hektar groß, besteht der Ruden aus zwei Teilen: Der eine ist Wald, der andere ein Dünenkomplex mit Salzgrasland und den Resten eines an der Ostseeküste selten gewordenen Küstenüberflutungsmoores. Auf dem unbewaldeten Teil grasen Schafen. Hier stehen noch ein fensterloser Bunker, Lotsenhäuser, ein verlassener Bungalow – für Katharina Weit ideale Aussichtspunkte. Mehr als eine Stunde fokussiert sie Strand, Brandung, die wechselnden Farben des Sonnenaufgangs in den dichter werdenden Wolken. Ein Schwarm Nebelkrähen wird vom Wind verdriftet. Und dann taucht der Ball aus flüssigem Orange über dem Horizont auf. „Jeden Tag eine neue Vorstellung!“, sagt sie, „ganz kostenlos.“

Erst auf dem Ruden ist Katharina Weit zur Vogelexpertin geworden. Sie muss Wasservögel zählen, Brutvögel kartieren, Zugvögel erfassen. Als Inselwartin misst sie den Wasserstand, erfasst Wetterdaten, versorgt die Schafe und hält Ausschau nach Robben. Und wenn der Zaun kaputt ist, greift sie zu Hammer und Nagel. „Von der Vogelbeobachtung war ich von Anfang an fasziniert. Ich arbeite gerne mit Fernglas und Spektiv, in den 14 Tagen Einarbeitungszeit habe ich Stunden damit verbracht“, erzählt sie. Ihre Vision: dass aus dem Ruden ein Modellprojekt für nachhaltiges Leben und Wirtschaften wird; eine autarke Insel, müllfrei, energieneutral, auf der eine Handvoll Wissenschaftler leben und experimentieren können.

Josef Feldmann arbeitet bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück, der die Insel 2012 vom Bund übertragen wurde. Von seinem Büro aus ist der Ruden weit weg, Katharina Weit hat er noch nie gesprochen oder gar getroffen. „Wir haben insgesamt 70 Flächen mit 70 000 Hektar in zehn Bundesländern, da hat man nicht jede einzelne im Detail vor sich“, sagt er. Aber die Stiftung sei gerade dabei, einen Naturentwicklungsplan für den Ruden zu erarbeiten. Man wolle zunächst eine Pier im maroden Hafen bauen, damit Ausflugsschiffe wieder anlegen und geführte Rundgänge angeboten werden können. Allein für die Anlegestelle plant die Bundesstiftung Umwelt eine Million Euro ein. Mit der Ruhe wäre es dann auf Ruden erstmal vorbei.

Zum Frühstück, zurück im Lotsenhaus, brät Katharina Weit sich Eier und Speck. Gegen acht sieht sie das erste Mal den Seeadler, am Strand findet sie Spuren vom Fuchs, die Fischotter, von denen ihr gestern einer am Hafen „von rechts die Vorfahrt“ genommen hat, lassen noch auf sich warten. Im Süden der Insel steht ein Beobachtungsturm, ganz oben unterm Dach hängt ihre Hängematte. Manchmal schläft sie hier, das Fernglas immer griffbereit. 78 Arten hat sie schon gesichtet, zuletzt eine Schneeammer entdeckt. Heute schwimmen Eisenten auf dem flachen Wasser vor der Insel. Noch vor dem Mittagessen, schon während der Milchreis auf dem Ofen zieht, zählt sie 21 000 Individuen.

Spinnen, schauen, schlafen.

Manchmal ist Katharina Weit wochenlang alleine, ehe der Fischer mit Nahrung oder Gästen den maroden Hafen ansteuert. Ihr Telefon ist dann die einzige Verbindung zur Außenwelt, sie lädt es mit Solarstrom und trägt es bei ihren Rundgängen bei sich. Weil es auf dem Ruden weder Strom, noch fließendes Wasser noch eine Heizung gibt, ist Katharina Weit einen guten Teil des Tages damit beschäftigt, ihren Alltag zu organisieren. Holz und Wasser müssen reingeschleppt werden, der Ofen muss geheizt werden. Trinkwasser lagert in großen Plastikcontainern, das Holz lagert aufgeschichtet vor dem Haus. Das Wasser aus der Wärmflasche von gestern Abend wird erst zu Abwaschwasser und dann für die Klospülung genutzt. „Ich kann hier so leben, wie es sinnvoll ist“, sagt sie. „So wie ich es von Omi kenne.“ Weits Großmutter ist mittlerweile weit über 90 und immer präsent: ihre Gelassenheit, ihre Art, den Haushalt zu führen, ihre Sorgfalt. Von der Großmutter stammt auch der Küchenofen, den die Inselwartin mit auf den Ruden gebracht hat.

Vor über zehn Jahren hat Katharina Weit in der Zeitung einen Artikel über die Insel gelesen. Sie schnitt ihn sich aus. „Ich habe jahrelang nicht dran gedacht und jetzt bin ich hier. Verrückt.“ In diesem Sommer nahm ihr Sohn sie für einen Freiwilligeneinsatz des Vereins Jordsand mit auf die Insel. Schon am zweiten Tag wollte sie für den ganzen Winter bleiben. Wohlgemerkt: Den Winter. „Ich wollte Herausforderung, einen Gegner, der nicht böswillig ist, aber stärker ist als ich“, sagt sie. Grenzen austesten, Kälte, Einsamkeit, sogar Hunger – aber dafür sind ihre Vorratsschränke vorerst noch zu voll.

Briefe schreiben, hin und wieder telefonieren. Und dann wochenlang: allein sein.

„Ich könnte hier für den Rest meines Lebens bleiben“, sagt Katharina Weit heute. In ihrer kleinen Wohnung im alten Lotsenhaus gibt es ein Schlaf- und ein Wohnzimmer. Aber der einzig geheizte Raum ist die Küche. Eine ganze Woche lang hat sie aufgeräumt, die Böden geschrubbt, Fenster geputzt. Nach dem Sonnenuntergang sitzt sie auf ihrem Sessel in der Küche. Auf dem Fensterbrett brennen die Taufkerzen ihrer Kinder und das Licht einer Solarlampe. Sie liest, schreibt Briefe, verspinnt die Wolle der Schafe und filzt. Auf dem Fensterbrett liegen Fundstücke wie auf einem Schrein: Bernsteine, Federn, Muscheln, der Zahn eines Wildschweins, der Ring mit der Gravur einer Vogelberingungsstation in Kopenhagen.

Was sucht sie hier, in der Stille? Der „Flatrategesellschaft“ entkommen, in der viele Dinge so billig und immer verfügbar sind, wo der monetäre Wert den wirklichen Wert nicht widerspiegelt und zu einem unachtsamen Umgang mit Ressourcen verführt. Ruden – das ist eine „Diät vom Zivilisationsspeck, Luxus und Überfluss“, sagt sie. Manchmal sitzt sie einfach nur da. „Ich tauche in die Natur ein, bewege mich nicht und nehme dadurch Dinge wahr, die ich anderenfalls nicht zu sehen bekäme.“

„Dass sie bereit ist, die Insel gerade im Winter zu hegen und pflegen ist für uns und die Insel ein absoluter Glücksfall“, sagt Sebastian Schmidt. „So etwas trauen sich nur die wenigsten zu.“

Inzwischen ist es Abend geworden. Auf Weits letzter Runde über die Insel leuchten die Fahrwassertonnen grün und rot, regelmäßig wie ein Herzschlag trifft alle vier Sekunden der Lichtkegel des Leuchtturms der Greifswalder Oie, der Nachbarinsel, den Ruden. Ansonsten ist die Dunkelheit ein schwarzes Tuch, das Meer und Insel sanft in den Arm nimmt.

Die Schaumkronen auf dem Wasser leuchten weiß. Der Wind hat aufgefrischt. Rechts und links vom Pfad fahles Schilf, das sich zur Seite biegt, Flechten, die verästelte Muster auf den Findlingen bilden. Im Wald knarzen Buchen und Kiefern, ein Waldkauz ruft. „In der ersten Woche, in der ich alleine war, hatte ich Angst“, sagt sie. „Ich hatte am Morgen Fußspuren gefunden, die nicht von mir waren.“ Inzwischen fühlt sie sich wieder sicher, auch bei unerwünschten Besuchern. Stand-up-Paddler kommen von Peenemünde rüber, immer wieder machen Boote im Hafen fest. „Das ist ja wohl die falsche Anlegestelle!“ sagt sie dann einfach und schickt die Leute zurück aufs Festland.

Eine Wurzel im Wald ist geformt wie ein Lehnsessel, Katharina Weit setzt sich. „Mit Glück habe ich noch 40 Jahre“, sagt sie. „Die will ich nutzen.“ Der Ruden ist ein guter Anfang für das neue Kapitel in ihrem Leben. Die Insel braucht sie. Und Katharina Weit sagt, sie braucht jetzt auch die Insel.

Von Anke Lübbert und Sascha Montag (Fotos)

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