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Das war noch alles ganz royal: Herzogin Meghan und Prinz Harry verlassen im Juli 2018 den Balkon des Buckingham-Palasts.

Britisches Königshaus

Und raus sind wir?

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Harry und Meghan wollen nicht mehr royal, sondern einfach nur ein Paar sein. Doch selbst wenn die beiden den Segen der Queen bekommen sollten – so einfach lässt ein Volk seine Lichtgestalten nicht ziehen. Und die britische Presse schon gar nicht.

Es gab Anzeichen. Als etwa die erste Garde der Royals am ersten Weihnachtsfeiertag auf dem Weg zur Kirche ihre gewohnte Show ablieferte, lächelte und winkte und die selige Nation beglückte, versteckten sich der Herzog und die Herzogin von Sussex mit ihrem Sohn im Urlaub in der kanadischen Wildnis. Als Königin Elizabeth II. aus dem opulenten Buckingham-Palast ihre jährliche Weihnachtsansprache ans Fußvolk hielt, standen auf dem Schreibtisch vor ihr gerahmte Bilder von Thronfolger Prinz Charles und Camilla, von Vorzeige-Enkel Prinz William mit seiner Vorzeige-Ehefrau Herzogin Catherine und den Vorzeige-Kindern George, Charlotte und Louis. Ein Foto von Prinz Harry plus Anhang fehlte.

Es gab noch viel mehr Anzeichen. Die Geburt von Baby Archie hielten die Sussexes zum Leidwesen der Briten so privat wie möglich. Und Herzogin Meghan klagte erst im vergangenen Jahr mit Tränen in den Augen in die Kameras, ihr gehe es nicht gut angesichts des massiven Drucks, der konstanten Aufmerksamkeit, der steten Attacken der Presse. Sie kritisierte zudem den Anspruch der Royals, immer eine „steife Oberlippe“ zu bewahren, also keine Gefühle zu zeigen. „Was das im Inneren anrichtet, ist wahrscheinlich ziemlich schädigend.“ Hinter den dicken Palastmauern dürfte nicht nur die Oberlippe der auf Zurückhaltung bedachten Queen gebebt haben. Die Königin hält seit mehr als sechs Jahrzehnten unter dem Motto durch: Nichts erklären, sich nie beschweren. Prinz Harry attackierte derweil nicht nur öffentlich und scharf die Medien, das Paar geht sogar mit juristischen Mitteln gegen zwei britische Blätter vor, weil es sich unfair behandelt fühlt.

Ja, die Anzeichen waren da. Dennoch sorgte die Ankündigung von Prinz Harry und Herzogin Meghan am Mittwochabend für einen Paukenschlag in Großbritannien. Die beiden wollten als ranghohe Mitglieder der Königsfamilie zurückzutreten. Das gaben sie auf ihrem Instagram-Account bekannt. Stattdessen wollten sie arbeiten, um finanziell unabhängig zu werden. Außerdem planen der Herzog und die Herzogin, ihre Zeit künftig zwischen dem Vereinigten Königreich und Nordamerika aufzuteilen.

Wie bitte? Auf der Insel herrscht Verblüffung sowie vornehmlich Verärgerung und das keineswegs nur bei Fans und Medien. Auch die Königsfamilie selbst erfuhr von der Entscheidung offenbar via sozialer Medien. In einem dürren Statement aus dem Palast hieß es noch am Mittwochabend, man verstehe „ihren Wunsch, einen anderen Weg einzuschlagen“. Es handele sich jedoch um „komplizierte Fragen, deren Klärung Zeit braucht“. Wichtiger als der Inhalt dieser Erklärung ist, was der Palast unausgesprochen ließ. Royale Insider verrieten, dass in der Königsfamilie große Bestürzung und Enttäuschung herrsche. Elizabeth II. sei „am Boden zerstört“, schrieb der „Daily Telegraph“. „So geht man nicht mit der Queen um“, lautete das Urteil. Der Palast in Aufruhr?

Es sei „beispiellos“, wie hier „schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit gewaschen“ werde, befand der ehemalige Königshaus-Korrespondent der BBC, Peter Hunt. Angeblich wussten die Windsors zwar seit einer Woche von dem Anliegen der beiden, für sich eine neue Rolle zu finden. Doch die endgültige Entscheidung, noch dazu deren Veröffentlichung per Instagram anstatt über den offiziellen Palastkanal, traf alle überraschend. Das Vorgehen kommt einem massiven Vertrauensbruch gleich. Und dieser könnte dem Image der Royals nachhaltig schaden. Immerhin nährt das britische Königshaus seinen Zauber auch aus der Unnahbarkeit und der Distanz. Die Marketing-Maschine liefert Prunk und Pomp, vermittelt den Traum vom royalen Märchen. Die schweren Palastvorhänge werden stets nur einen Spalt weit aufgezogen. Harry und Meghan reißen sie nun mit aller Wucht herunter. Das Paar wolle nach eigenen Angaben dieses Jahr eine neue „progressive“ Rolle im Königshaus entwickeln. Wie das mit solch einem radikalen Schritt in der traditionell angestaubten Institution möglich sein soll, dürfte als das Rätsel der Woche gelten. „Sie werden ganz zurücktreten müssen“, befand Experte Hunt. „Die progressive Art ist unhaltbar.“ Die Daily Mail widmete den „außer Kontrolle geratenen Royals“ die ersten 17 Seiten. Siebzehn! Die Reaktion der Briten fiel dagegen gemischt aus. Die einen zeigten Verständnis, anderen bewerteten die Ankündigung als „respektlos“.

Und schon wieder ein neues Kunstwort: Briten informieren sich über den „Megxit“.

Trägt der Boulevard Schuld am Rückzug der Sussexes? War es der Rassismus, der Herzogin Meghan immer wieder entgegenschlug? Oder wählt das Paar schlichtweg ein anderes Leben als jenes im engen Korsett der Royals? Bislang ist nicht klar, wie das Arrangement in der Realität aussehen könnte, wie Dickie Arbiter, Ex-Pressesekretär der Queen, zu Bedenken gibt. „Es ist ein logistischer Albtraum.“ Wer wird künftig die Sicherheit übernehmen? Und wer bezahlt für den Schutz der Sussexes? Wer kommt für die Kosten auf, wenn Harry als „Freelance-Prinz“ im Auftrag der Krone auf Reisen geht? Immerhin will das Paar weiterhin „uneingeschränkt“ die 93-jährige Queen unterstützen. Es droht Chaos. Und auch die Frage der Finanzen dürfte in Zukunft für Probleme sorgen. Wie wollen die beiden „unabhängig“ Geld verdienen? Bücher schreiben? Vorträge geben wie die Obamas oder Clintons? Die Royals halten sich eigentlich aus aktuellen politischen Angelegenheiten strikt heraus.

Es ist noch keine zwei Jahre her, als das Paar seine Bilderbuch-Hochzeit feierte. Damals jubelte die Welt, als sich die Inszenierungskünstler der Windsors selbst übertrafen. Als die Menschen im Freudentaumel Union-Jack-Fähnchen schwenkten und mit Krönchen auf dem Haupt die frisch Vermählten anhimmelten. Als Beobachter nichts weniger als eine neue Ära der Monarchie vorhersagten. Hier Markle, geschiedene US-Amerikanerin, Ex-Schauspielerin, ehemals stolze Aktivistin und Feministin, die Mutter dunkelhäutig. Da Prinz Harry, Sechster der Thronfolge, jahrelang Liebling der Briten, der nach dem Tod von Prinzessin Diana als Sorgenkind der Nation galt und sich mit seinem Engagement für wohltätige Zwecke zum Posterboy der Royals gemausert hatte.. Unenglisch leidenschaftlich zitierte der schwarze Bischof von Chicago, Michael Curry, vor dem britischen Hochadel Bürgerrechtsikone Martin Luther King, redete von Sklaven, hungernden Kindern, Armut und Rassismus. „Wir müssen die Kraft der Liebe entdecken“, rief er und das Establishment hob verblüfft die Augenbrauen. „Wenn wir das tun, werden wir aus dieser alten Welt eine neue Welt erschaffen können.“

Das Paar wollte dem antiquierten Königshaus frischen Wind einhauchen – wenn man so will, dann hieß das: weg von den für die Queen obligatorischen hautfarbenen Nylon-Strumpfhosen hin zu Auftritten in nackten Beinen. Doch die Realität holte Prinz Harry und Herzogin Meghan schnell ein. Sie schienen sich nie wohl zu fühlen in ihrer Rolle als eines der berühmtesten Paare der Welt. Und insbesondere die 38-Jährige eckte regelmäßig an, kämpfte mit der royalen Etikette. Am Ende trug auch sie Nylon-Strumpfhosen.

Wiederholt sich die Geschichte? Es ist beinahe unmöglich, nicht in die Vergangenheit zu blicken und Vergleiche zu ziehen. Das Gedächtnis der Nation erinnert sich an das Jahr 1936, als König Edward VIII. abdankte, um die geschiedene US-Amerikanerin Wallis Simpson zu heiraten. Nur deshalb bestieg Bruder George, der Vater der Queen, den Thron. Ohne den Skandal damals, der die Monarchie ins Wanken brachte, wäre Elizabeth II. nie Königin geworden. So schließt sich der Kreis. Auch wenn einige Beobachter meinen, der Rückzug von Harry und Meghan könnte gar positiv für die Monarchie sein. „Nur eine auf ein Minimum beschränkte royale Familie erlaubt es dieser Institution, noch lang in diesem Jahrhundert zu bestehen“, meinte ein Kommentator und verwies auf den künftigen König Prinz Charles sowie die Nummer zwei der Thronfolge, Prinz William, und dessen Sohn, den sechsjährigen Prinz George. Der 71-jährige Charles peilt angeblich seit Längerem eine Verschlankung des Königshauses an. So soll der Clan auf eine Kerntruppe verkleinert werden, zu der zwar die Publikumslieblinge Harry, Nummer sechs der Thronfolge, und Meghan gezählt hätten, die jedoch ohne die Mitglieder in der hintersten Bedeutungsriege auskommen soll. Diese nehmen meistens vor allem Statistenrollen ein, kosten den Steuerzahler aber viel Geld. Und sie sorgen nicht selten für Skandale, siehe Problem-Royal Prinz Andrew, der durch seine Freundschaft zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein erst kürzlich gezwungen war, alle öffentlichen Aufgaben niederzulegen.

Auch den Umgang mit den Medien wollen der Herzog und die Herzogin laut Statement in die eigene Hand nehmen und nur noch bestimmten Journalisten Zugang bieten. Das könnte – gelinde ausgedrückt – schwierig werden angesichts der nach Schlagzeilen lechzenden Presse und Bevölkerung. Die Kritik ergoss sich denn auch sofort über die „verwöhntesten Blagen der Geschichte“, wie der Publizist Piers Morgan die beiden nannte. „Wenn sie die neuen Kardashians sein wollen, werden sie wie die neuen Kardashians behandelt.“ Er gehört zu den lautstarken Gegnern des Paares. Seiner Meinung nach sollte die Queen den beiden alle royalen Titel entziehen und sie aus der sogenannten Firma entlassen. Meghan, so der Publizist, würde gerne das Leben eines A-Stars auf dem Rücken ihres neuen royalen Ruhms führen, sich die guten Dinge wie Luxustouren, Filmpremieren, Charity-Galas und Hollywood-Parties als Rosinen herauspicken. Aber sie wolle sich „ihre Hände nicht schmutzig machen“, indem sie an einem regnerischen Mittwoch in britischen Städten wie Stoke-on-Trent Gemeindehallen eröffnet. „Das ist für die kleinen royalen Leute gedacht, nicht eine Superstar-Prinzessin wie sie“, keifte er.

Vor noch nicht einmal zwei Jahren wurde das Paar noch als das moderne Gesicht der Royals betrachtet und bejubelt. Diese Woche haben sich der Herzog und die Herzogin von Sussex in einem gewaltigen Schritt weit von jener Institution entfernt, als deren Zukunft sie einmal galten.

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