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"Feindselige Reden zu halten? ist nicht mehr sein Ding", sagt Henning Scherf. Im Hintergrund das Bremer Rathaus, eine seiner Wirkungsstätten.

Bremen

Der Rastlose

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Bremens Altbürgermeister Henning Scherf, einer der streitbarsten Sozialdemokraten, wird 80. Politik macht er nicht mehr – er ist jetzt Experte für aktives Altern.

Henning Scherf hat sich verfrüht. Wie jeden Montagabend ist der Bremer Altbürgermeister die paar Schritte von seiner Wohnung zum benachbarten Remberti-Altenheim gegangen, hat sich dort ins Café gesetzt und ein Buch herausgeholt. Der Sozialdemokrat, der am morgigen Mittwoch 80 Jahre alt wird, leitet hier einen Lesezirkel. Eigentlich ist es eher ein Vorleseabend, mit Scherf als Rezitator. Schon vor dem offiziellen Beginn fängt er an, den ersten Heimbewohnern ein Herbstgedicht von Rilke vorzutragen. Als nach und nach weitere Senioren das Café betreten, begrüßt er sie laut mit Namen. „Liebe Frau S., kommen Sie her!“, ruft er einer Weißhaarigen mit Rollator zu. Er legt den Gedichtband zur Seite, eilt auf sie zu und bugsiert sie, selber im Rückwärtsgang, Schritt für Schritt zu einem freien Stuhl. „Und jetzt fallenlassen – angekommen!“. Ob sie Hilfe will oder nicht, der hagere Zwei-Meter-Mann im rostbraunen Sakko fragt erst gar nicht.

So nah wie an diesem Abend liegen seine Auftrittsorte sonst nicht. Bald nach seinem Rückzug aus der Politik im Jahr 2005 fing er damit an, durch die ganze Republik zu touren – als Vortragsreisender in Sachen „Aktives Altern“. Nicht Rilke, sondern Scherf gibt er dann zum Besten. Denn er hat inzwischen ein gutes Dutzend Bücher geschrieben oder daran mitgewirkt. „Grau ist bunt“ zum Beispiel oder „Gemeinsam statt einsam“. Für seine Recherchen quartierte er sich sogar in Demenz-Wohngemeinschaften ein, tage- oder wochenlang, rund um die Uhr. „Ich wollte mitkriegen, wie das ist, wenn nachts plötzlich einer rumtigert und sich in ein fremdes Bett legt“, erzählt er am Rande des Lesezirkels.

„Ich bin einer, der Neugierde aufs Alter vermittelt“, sagt er. Sein zentrales Anliegen: Jung und Alt sollen „einen neuen Generationenvertrag schließen, sich neu aufeinander einlassen“. Wer noch nicht ausgebrannt sei, könne bis ins hohe Alter weiterarbeiten, etwa als Berater der Jüngeren. Oder sich ehrenamtlich engagieren. „Wir haben unseren Job an den Nagel gehängt, nicht unser Leben.“ Und er macht seinen Altersgenossen Mut zum gemeinsamen, selbstbestimmten Wohnen, gerne mit Jüngeren (außer im Café Remberti, da käme der Rat zu spät). Also lieber WGs gründen, als in „Pflegemaschinen“ dahinzudämmern, wie er mal Pflegeheime genannt hat.

Er selbst lebt vor, was er propagiert. Seit drei Jahrzehnten wohnt er mit seiner Ehefrau Luise und sechs Freunden in einem behindertengerechten Altbau am Rande der Bremer City – in separaten Wohnungen, aber doch mit ausgeprägtem Gemeinschaftsleben. Samstags wird reihum gemeinsam gefrühstückt, und oft kocht einer für alle. Nur ein Hausgenosse hat sein Auto behalten. Die anderen dürfen es mitbenutzen – aber bitte mit vollem Tank zurückgeben! Sogar gemeinsame Urlaube gehören dazu, wenn auch nicht mit allen auf einmal.

Eine richtige WG mit Gemeinschaftsräumen und Haushaltskasse war das nie, aber es ist doch eine lebendige Hausgemeinschaft. Als Scherfs Kinder einst von dem Projekt erfuhren, nannten sie ihre Eltern „postpubertäre Romantiker“ mit „unausgegorenen Studententräumen“. Heute sagt das keiner mehr.

Das ganz Besondere jedoch ist das Versprechen, sich im Alter wechselseitig zu pflegen, passend zum Trauspruch von Luise und Henning Scherf vor 58 Jahren: „Einer trage des anderen Last“. Dreimal schon hat die Hausgemeinschaft tatsächlich Bewohner beim Sterben begleitet. Und wenn es irgendwann gar nicht mehr geht, wird das Haus zu einer Art Außenstelle der Bremer Heimstiftung; deren Pflegekräfte sollen dann im Schichtdienst gegen Bezahlung die Betreuung übernehmen.

„Geld allein ist nicht ausschlaggebend.“

Heute sind die meisten Hausgenossen um die 80. Hinzugekommen ist ein junges Paar um die 30. Außerdem geht hier ständig eine syrische Flüchtlingsfamilie mit drei Kindern ein und aus, wie Scherf erzählt. Eine bunte Mischung, wie er es liebt.

Wer so privilegiert lebt wie er, als Politpensionär mit Wohneigentum, der hat natürlich gut reden. Aber Scherf findet: „Geld allein ist nicht ausschlaggebend.“ Wichtig für das selbstbestimmte, aktive Altwerden sei etwas anderes: Sich auf Menschen einlassen, mit ihnen teilen, aufeinander achten, sich gegenseitig stützen.

Im Ruhestand wirkt der dreifache Vater und neunfache Opa fast rastloser als früher in seinen 34 Jahren als Berufspolitiker. „Das hält mich im Leben.“ Bei seinen Lesereisen durch die Republik hat er in manchem Jahr mehr als 200 Vorträge gehalten. „Ich kriege ganze Stadthallen voll.“ Unvorstellbar, dass dieser redselige Mensch als Jugendlicher jahrelang gestottert hat. Auch einige Ehrenämter hat er übernommen. Schon vor Jahren sagte er über seinen Unruhestand: „Manchmal denke ich, das ist die beste Zeit meines Lebens.“

Nur allmählich tritt er etwas kürzer. Das Pensum seiner Auftritte schrumpft, „in Richtung Hundert“. Bei der Nicaragua-Hilfsorganisation „Pan y Arte“ hat er den Vorsitz 2017 gegen den Ehrenvorsitz getauscht. Wie Scherf erzählt, spendet er dem Verein aber noch immer seine Honorare. Sein Ehrenamt als Präsident des Deutschen Chorverbands hat er im Februar nach 13 Jahren komplett an einen Jüngeren abgegeben: an Ex-Bundespräsident Christian Wulff.

Henning Scherf ist ständig aktiv

Musizieren ist Scherfs große Leidenschaft. Das merkt man auch beim Lesezirkel. Nach dem Rilke-Gedicht trägt er aus einem Stefan-Zweig-Buch vor, wie Händel den „Messias“ komponiert hat. Als vom „Halleluja“-Chor die Rede ist, gerät Scherf fast in Verzückung. Seine Stimme überschlägt sich, und er beginnt, ein paar Takte vorzusingen. Aber auch da fordert das Alter seinen Tribut. Nach einem Hörsturz und zunehmender Schwerhörigkeit hat sich der Bass-Sänger aus dem anspruchsvollen Bremer Raths-Chor verabschiedet. Auch Orgel und Klavier spielt er nur noch, wenn keiner zuhört. „Hier, schauen Sie mal“, sagt er und zeigt seine Hände vor. Knorpelig sehen sie aus. „Sehnenverkürzung“, diagnostiziert er. „Das ist typisch für alte Leute.“

Aber Scherf wäre nicht Scherf, wenn er sich richtig zur Ruhe setzen würde. Soweit er nicht gerade per Bahn auf Vortragsreise geht, steigt er noch immer gerne auf sein Hollandrad und fährt durch die Gegend. Sein Rennrad hat er allerdings verschenkt, sein Kanu ebenfalls. Doch auf hoher See, da ist er manchmal noch unterwegs: „Meine Segelkameradschaft nimmt mich ein- bis zweimal pro Jahr mit zum Hochseesegeln.“ Einmal hat er sogar schon den Atlantik überquert, aber das war noch zu Politikerzeiten, ebenso wie sein Fallschirmprung, den er mal ausprobiert hat.

Zu Lande, zu Wasser, in der Luft: Ständig ist er aktiv, unternimmt etwas mit anderen, stellt sich auf die Bühne, nicht nur bei seinen Vorträgen, sondern auch als Laienschauspieler im Rathaus beim Justizdrama „Terror“.

Ist er erfahrungshungrig? So würde er das nicht nennen. Doch er erzählt eine Anekdote: Als Bürgermeister besuchte er mal die Anonymen Alkoholiker. „Henning, was hast Du denn für Probleme?“, wurde er da gefragt. Nach etwas Bedenkzeit antwortete er: „Ich bin süchtig nach Anerkennung.“ Während unseres Gesprächs im Café Remberti formuliert er es so: „Ich brauche keinen Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen, um mich zu mobilisieren. Ich brauche Menschen.“ Und er sagt: „Das Gefühl, anerkannt zu sein, das tut mir gut.“

Als junger Politiker, da war er noch nicht Everybodys Darling. Der Sohn einer naziverfolgten christlichen Drogistenfamilie war lange ein bekennender Linker. Er half den Revolutionären in Nicaragua beim Kaffeepflücken, machte mit bei der Blockade des US-Atomraketenlagers in Mutlangen, unterstützte die Proteste gegen eine Rekrutenvereidigung im Bremer Weserstadion – Proteste, die in Krawalle mündeten. Ja, der Kriegsdienstverweigerer soll sogar dem einstigen US-Präsidenten Ronald Reagan den Krebstod gewünscht haben. Klar, dass er da für alle Schwarzen ein rotes Tuch war – egal, in welchem seiner wechselnden Ämter: als Bürgerschaftsabgeordneter, als SPD-Landesvorsitzender oder als Senator in diesem oder jenem Regierungsressort, auch „Allzweckwaffe des Senats“ genannt.

Doch nach dem Scheitern der Ampelkoalition 1995 (da war er noch Senator für Bildung und für Justiz) wurde er durch eine SPD-Mitgliederbefragung dazu verdonnert, ein Bündnis mit der CDU zu schmieden. Als Regierungschef der neuen großen Koalition wandelte er sich vom CDU-Schreck und Polarisierer zum Versöhner und Publikumsliebling. Was seine Genossen von seiner neuen Harmonielehre hielten, interessierte ihn im Laufe der Jahre immer weniger. Henning der Große regierte, wie es ihm gefiel. Bis er nach zehn Jahren ziemlich überraschend entschied: Jetzt ist es genug. „Ich will nicht mit den Füßen zuerst aus dem Rathaus getragen werden.“ Mit 66 Jahren fing für ihn ein neues Leben an.

Der Volljurist war der unkonventionellste Regierungschef aller Bundesländer. Statt Dienstwagen nahm er lieber sein Hollandrad. Schutz durch Leibwächter? Bloß nicht. Lieber schlenderte er allein durch die Stadt, plauderte hier mit Touristen, umarmte dort Marktfrauen. Ein richtiger Landesvater eben. Die Medien nannten ihn „Oma-Knutscher“ und brachten ihn 2003 sogar als möglichen Bundespräsidenten ins Gespräch.

Wasser predigen und Wein trinken, auch das gab und gibt es bei ihm nicht: Er schlürft möglichst nur heißes Wasser – ein Rezept für gesundes Altern, das er mal auf einer Asienreise kennengelernt hat.

Viele sind begeistert von diesem charmanten, warmherzigen, leutseligen Menschenfischer. Scherfologen wissen aber auch um die Schattenseiten dieser Lichtgestalt. Der große Charmeur ist oft distanzlos und zieht andere ungefragt mit ins Rampenlicht. Zumindest früher kanzelte er Widersacher ungerecht und aufbrausend ab. Außerdem ist auf seine Worte nicht immer Verlass. Einmal musste er eine Art Geldbuße zahlen, 5000 Euro, weil er als Zeuge vor Gericht bei einer Kleinigkeit die Unwahrheit gesagt hatte – ausgerechnet er, der frühere Staatsanwalt, der mal Missionar oder Pastor werden wollte. Und manchmal redet er einfach drauflos, ohne die Fakten genau zu kennen. So auch beim Lesezirkel: Da behauptet er mal eben, der berühmte Architekt Hans Sharoun sei einst zum Ehrenbürger von Bremerhaven ernannt worden. Gelebt hat Sharoun dort zwar, aber ohne Ehrenbürger-Würde.

Immerhin kann er auch Fehler zugeben: Jahrelang hatte er die Polizeipraxis verteidigt, mutmaßlichen Drogenhändlern zwangsweise Brechmittel einzuflößen, um womöglich verschluckte Kokain-Behälter als Beweismittel sicherzustellen. 2005 kam ein Kleindealer dabei elend ums Leben. Erst zwölf Jahre später bekannte Scherf: „Ich fühle mich schuldig, dass ich den Tod dieses Menschen möglich gemacht oder zumindest dieses Verfahren gerechtfertigt habe.“ Lieber spät als gar nicht. Distanziert hat er sich ebenfalls von der rot-grünen „Agenda 2010“, mit Hartz IV und allem drum und dran. „Auch ich war im Sog der neoliberalen Reformpolitik.“

Parteipolitisch hält er sich inzwischen völlig heraus, nach 55 Jahren in der SPD. „Feindselige Reden zu halten“, ist nicht mehr sein Ding. Das einstige Bundesvorstandsmitglied ist nur noch einfaches Parteimitglied. Aber er nimmt Anteil: „Ich leide unter dem Bedeutungsverlust der SPD.“ Patentrezepte hat er nicht anzubieten, nur soviel: Seine Partei müsse „diejenigen mobilisieren, die sich als Verlierer begreifen“.

Im Moment schreibt Scherf wieder an einem Buch, diesmal über wichtige Menschen in seinem Leben. Er möchte gerne 100 werden. Bis dahin will er noch viel mit seinen drei erwachsenen Kindern und neun Enkeln erleben – aber auch mitbekommen, wie sich die Welt weiterentwickelt. „Ich bin nicht zukunftspessimistisch.“

Am Mittwoch ist Reformationstag, und dann wird Scherf 80. Ein passender Geburtstag für einen gläubigen Protestanten. Feiern will er mit 170 Gästen in einem Kultursaal, bekocht von einem Mütterzentrum mit Frauen aus aller Welt. Auch das passt zu ihm. Vermutlich besser als der womöglich steifere Festakt des Senats am 6. November im Rathaus.

Im Café Remberti ist inzwischen der Lesezirkel nach einer Stunde vorbei. Alleinunterhalter Scherf greift sich einen alten Mann und führt ihn ungefragt an beiden Händen nach draußen. „Wir schaffen das, wir beiden.“ Am Ausgang umarmt der Riese eine Frau, die ihm bis zur Brust reicht. Scherf, der Oma-Knutscher? Stimmt immer noch.

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