Die Inhaberin der „Hof-Apotheke zum Mohren“ in Friedberg beharrt auf den Namen. Dabei ist der Begriff „Mohr“ nachweislich rassistisch.
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Die Inhaberin der „Hof-Apotheke zum Mohren“ in Friedberg beharrt auf den Namen. Dabei ist der Begriff „Mohr“ nachweislich rassistisch.

Aktivisten wollen Aufklärung

„Hof-Apotheke zum Mohren“: Warum der Begriff „Mohr“ genauso rassistisch wie das N-Wort ist

  • Nico Scheck
    vonNico Scheck
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Die „Hof-Apotheke zum Mohren“ in Friedberg will ihren Namen behalten. Dabei ist der Begriff „Mohr“ genauso rassistisch wie das N-Wort.

  • Der Todesfall von George Floyd nach der Festnahme durch die Polizei in Minneapolis (USA) entfacht auch in Deutschland die Rassismus-Debatte
  • In Zuge dessen wollen AktivistInnen die Namensänderung der „Hof-Apotheke zum Mohren“ in Friedberg durchsetzen
  • Doch sie stoßen nur auf Ablehnung. Dabei ist das Wort „Mohr“ nachweislich rassistisch

Friedberg - Rund zwei Monate ist es jetzt her. Da erschütterte das Video zum Tod von George Floyd die Grundfeste der US-amerikanischen Gesellschaft. Das Beben reichte bis nach Deutschland. Kurzzeitig entbrannte regelrecht ein Hype. Instagram war schwarz, „Black lives matter“ hallte es auch aus den deutschen Großstädten. Jetzt, zwei Monate später, ist es deutlich ruhiger geworden.

„Nur ein geringer Prozentsatz ist aktiv geblieben“, weiß auch Ousman C. aus Friedberg. Aber: „Aktivistinnen und Aktivisten haben dadurch den Mut bekommen, ihre Mission fortzusetzen. Die Akzeptanz dafür hat sich verändert. Das ist der Unterschied.“ Ousman C. gehört zu den aktiv Gebliebenen. In Friedberg, seiner Heimatstadt, gibt es die „Hof-Apotheke zum Mohren“. Sein Ziel: die Namensänderung und Aufklärung. Denn das M-Wort ist rassistisch.

„Mohren-Apotheke“ in Friedberg: Warum das Wort „Mohr“ rassistisch ist

Ousman C. ist gut gelaunt, als er zum Gespräch mit der FR kommt. Er trägt ein rotes Shirt mit einer eingenähten Tasche an der Brust, dazu eine rote Sporthose und auch die Kappe strahlt in der abendlichen Sonne rot. Ousman C. ist freischaffender Künstler, Hip Hop-Tänzer und in Deutschland geboren. Der heute 30-Jährige mit gambianischen Wurzeln lebt schon seit seiner Kindheit in Friedberg.

Seit er denken kann, geht er in Friedberg beinahe täglich an einer Apotheke vorbei, die den Namen „Hof-Apotheke zum Mohren“ trägt. In großen roten Lettern prangt der Name über dem Gebäude. Die Fußmatte und ein Schild am Eingang zieren einen rassistischen Stereotyp: eine schwarze Figur mit überdimensional großen Lippen.

Die Fußmatte der „Hof-Apotheke zum Mohren“ ziert eine Figur, die offensichtlich schwarz ist und überdimensional große Lippen hat.

„Als ich jung war, hatte ich dort ein unbehagliches Gefühl, konnte das aber nicht zuordnen“, erzählt Ousman C. Er wird erwachsen, hinterfragt, recherchiert. Was er findet, bestätigt sein Gefühl. Das Wort „Mohr“ geht etymologisch auf das griechische „moros“ (zu deutsch: töricht, dumm) und auf das lateinische „maurus“ (zu deutsch: schwarz, dunkel) zurück. Im Deutschen entsteht daraus erst das Wort „mor“ (Althochdeutsch), später „Mohr“. Von Beginn an ist der Begriff negativ belegt und vor allem: Er grenzt ab.

Bewusstsein für Rassismus? „Wort ‚Mohr‘ genauso rassistisch wie das N-Wort“

Das Bewusstsein für den rassistischen Hintergrund des Begriffs scheint in Deutschland nur bedingt vorhanden zu sein. Rund hundert Apotheken tragen anno 2020 noch das M-Wort im Namen. „Das Problem ist, dass die Leute in Deutschland immer denken, Rassismus ist, wenn du in der Bahn sitzt und drei Männer mit Glatze, Bomberjacke und Springerstiefeln dich beleidigen. Aber das hat inzwischen andere Formen erreicht. Das ist struktureller Rassismus geworden“, betont Ousman C. Und: „Viele Menschen wissen nicht, dass das Wort „Mohr“ genauso rassistisch und offensiv ist wie das N-Wort.“

Schon 2018 war ein Streit um die „Mohren-Apotheken" in Friedberg und Frankfurt entbrannt. Er verpuffte.

Heute, zwei Jahre später, möchte Ousman C. gemeinsam mit fünf weiteren AktivistInnen für Aufklärung sorgen und endlich die Namensänderung der Apotheke in Friedberg durchsetzen. Zu Beginn suchen sie den Dialog mit Kerstin Podszus, der Inhaberin der Apotheke. „Wir wollten keine Türen eintreten“, erzählt Ousman C. Stattdessen habe man als Vorbild vorangehen wollen, den Namen gemeinsam zu ändern. Um die Kosten für die Namensänderung zu aquirieren, sollte eigentlich eine Petition gestartet werden. Spenden sammeln und Straßenshows waren die Idee, Miteinander statt Gegeneinander das Ziel. „Wir sind alles freischaffende Künstler, wir haben ein großes Netzwerk“, erklärt der 30-Jährige. Doch es kommt anders.

Aktivisten suchen Dialog mit Inhaberin der „Mohren-Apotheke“ in Friedberg - Vergeblich

Ende Juni entsteht der erste Kontakt zwischen den AktivistInnen und der Apotheken-Inhaberin Podszus. Zunächst bleibt es harmonisch. „Sie war super nett und verständnisvoll, nachdem wir ihr erklärt haben, was wir wollen“, wundert sich Ousman C. Allerdings habe sie ihrem Gegenüber auch erklärt, dass sie auch schon mal einen Afrikaner in der Apotheke hatte. Dieser habe ihr gesagt, dass der Name kein Problem für ihn ist. Eine Argumentation, die bei Ousman C. auf wenig Verständnis trifft.

Das Gespräch endet dennoch im Guten, Podszus habe aufgrund gesundheitlicher und beruflicher Probleme um zwei Wochen Aufschub gebeten. Dann soll das nächste Gespräch stattfinden. Als die AktivistInnen rund um Ousman C. 14 Tage später in der Apotheke in Friedberg anrufen, wird es kurios. Mehrmals versuchen die AktivistInnen, Podszus an die Strippe zu bekommen. Vergeblich. Mal wird am anderen Ende der Leitung einfach aufgelegt, als klar ist, wer am Hörer ist, mal ist die Inhaberin angeblich nicht da und stellenweise wird sogar eine Störung in der Leitung vorgetäuscht.

Auf Nachfrage der FR bei der Apotheke in Friedberg geht Podszus zwar immerhin ans Telefon, möchte sich aber nicht äußern.

Rassismus-Vorwurf: Aktivisten gehen gegen „Mohren-Apotheke“ in Friedberg in die Offensive

Ousman C. ist ratlos. „Was sollen wir denn noch machen?“ Auch bei Friedbergs Bürgermeister Dirk Antkowiak (CDU) finden sie mit ihrem Anliegen keinen Anklang. Also entscheiden sich die AktivistInnen, in die Offensive zu gehen. Sie rufen eine Petition ins Leben, Stimmen und Spenden sammeln für die Namensänderung der „Hof-Apotheke zum Mohren“.

Zudem ist für August eine Demonstration vor der Apotheke geplant. Friedlich freilich, aber eben bestimmt. Tanzen, Rappen, Kunst machen - „Das ist unsere Waffe“, erklärt Ousman C. Das Ziel ist zementiert: „Uns ist es ganz wichtig, dass dieser Name geändert wird und dass auch Aufklärung stattfindet.“ Denn einfach nur den Namen ändern, sei „nicht Sinn der Sache“. „Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass der Name absolut rassistisch ist und dass so etwas im Jahr 2020, wenn wir so eine gemixte Kultur in Deutschland haben, einfach nicht mehr sein muss und sein darf.“

Darüber wollen die AktivistInnen rund um Ousman C. aufklären. Damit „in fünf Jahren nicht der nächste kleine afrikanische Junge zur Schule geht und an der Apotheke vorbeiläuft und dabei ein mulmiges Gefühl im Magen hat“. (Von Nico Scheck)

Nach der Demo der AktivistInnen vor der M-Apotheke sollte es eigentlich zum Dialog kommen. Doch die Friedberger Apotheke scheint die Wahrheit zu verdrehen. Gegenüber der FR erzählen die AktivistInnen, wie es wirklich abgelaufen ist.

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