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Vielfalt auf dem Laufsteg – immer noch die Ausnahme. Hier präsentieren Models in Mailand Kreationen von Act N°1.

Schwarze Models

Rassismus in der Modebranche: Ihr Name ist Naomi

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Die Modebranche diskriminiert Schwarze Models und produziert hauptsächlich für weiße Frauen und Männer. Ein Blick hinter die Hochglanzfassade.

Ihr Lächeln lassen sich die beiden jedenfalls nicht nehmen. Im Gegenteil, sie beweisen Humor: „Hänge mit meiner Freundin Janaye ab“, schreibt Janaye Furman selbst am Donnerstag auf Instagram. Dazu ein Foto, dass sie mit Naomi Chin Wing zeigt. Wer ist wer? Wer ist Naomi, wer Janaye? Was die Models ironisch infrage stellen, kann man wissen. Wenn man denn will. Die deutsche „Elle“ jedenfalls wusste es nicht.

Wen das Magazin in seiner Novemberausgabe eigentlich vorstellen wollte, ist unklar. Zu einem Text über Furman stellte die Redaktion ein Foto von Chin Wing. Das ist keine Lappalie. Nicht nur, weil es um zwei sehr erfolgreiche Frauen geht. Der vermeidlich kleine Fehler bediene auch „das rassistische Klischee, dass alle Schwarzen irgendwie gleich aussehen“, sagt Kemi Fatoba.

Fatoba ist selbst Journalistin, hat etwa das Berliner Onlinemagazin „Daddy“ mitgegründet. Und sie ist verärgert über das, was da seit wenigen Wochen in den Kioskregalen liegt. Die Ausgabe der „Elle“ trägt den Titel „Back to Black“, man habe sich der Farbe Schwarz „aus unterschiedlichen Blickwinkeln nähern“ wollen, heißt es aus der Münchner Redaktion. Bei schwarzen Schuhen und Kleidern ist es allerdings nicht geblieben.

„Black is Back“, so steht auch eine Geschichte im Heft überschrieben, in der sechs Schwarze* Models vorgestellt werden, darunter auch Furman. Oder eben Chin Wing. Wie man’s nimmt. „Nie waren Models of Color so gefragt wie jetzt“, erfährt die Leserin. Dass auch Joan Smalls gelistet wird, eines der bestbezahlten Models der Welt, „nicht in irgendeiner Form ‚back‘, sondern schon lange da, und zwar ganz oben“, wie Fatoba beschreibt, ist noch das geringste Problem.

Schwarze Frauen wie Ware dargestellt

Wer „angesagt“ ist, war es vorher nicht – und könnte es schon bald nicht mehr sein. „Es wird suggeriert, dass Schwarzsein modern ist“, sagt Anne Chebu. „Und wenn es irgendwann nicht mehr modern ist, dann kommt die Schwarze Haut, also der Schwarze Mensch eben in die Altkleidersammlung.“ Chebu ist Moderatorin und Autorin des Buches „Anleitung zum Schwarz sein“.

Dass Schwarze Frauen wie Ware dargestellt würden, sei gerade in Anbetracht der Geschichte hochproblematisch. „Im Hinblick auf die Sklaverei, aber auch die deutsche Kolonialgeschichte, in der Schwarze Menschen gekauft und verkauft wurden“, so Chebu. War sie überrascht, dass so etwas in einer Modezeitschrift erscheint? Einer Ausgabe übrigens, dessen Cover dann doch eine weiße Frau ziert, die offenbar noch „angesagter“ ist als ihre Schwarzen Kolleginnen? „Überhaupt nicht“, sagt Chebu, „natürlich nicht“, sagt Fatoba.

Denn die Geschichte der „Elle“ ist nur die Spitze eines Eisbergs, der in viel größeren Gewässern schwimmt. Rassismus ist Alltag, auch in der Mode- und Kosmetikbranche. Verwechslungen – noch im August stellte das australische „Who Magazine“ zu einem Interview mit Adut Akech das großformatige Bild eines anderen schwarzen Models – sind nur einige Beispiele von vielen. Ungenauigkeit und Ignoranz, die umso beschämender wirken, da es alles andere als selbstverständlich ist, dass es eine Schwarze Frau in der Mode überhaupt zu etwas bringt. „Nicht umsonst haben Bethann Hardison, Naomi Campbell und Iman 2013 die ‚Diversity Coalition‘ gegründet, mit der sie sich für mehr Schwarze Models auf den Laufstegen einsetzen“, so Fatoba.

Über die Bretter, die die Modewelt bedeuten, stapfen noch immer mehrheitlich weiße Frauen. Als Reaktion darauf wurde für die São Paulo Fashion Week bereits vor zehn Jahren eine Quote eingeführt, weil auf der Veranstaltung gerade einmal drei Prozent der Models Nichtweiß waren – in einem Land zumal, in dem sich etwa die Hälfte der Bevölkerung als Schwarz identifiziert. Schule gemacht hat der Vorstoß aus Brasilien nicht. „Die Abwesenheit von People of Color auf den Laufstegen und in der Fotografie stärkt gerade in jungen Mädchen das Gefühl, dass sie nicht schön genug, nicht akzeptabel seien“, sagte das Supermodel Iman 2013 zur Gründung der „Diversity Coalition“. Aber auch Inhalte abseits der Modefotos richten sich dezidiert an ein weißes Publikum.

Ein Modemagazin verwechselt das Model Naomi Chin Wing mit einer Kollegin und tut den Fehler als Lappalie ab.

Irgendwann habe sie aufgehört, einschlägige Hefte zu kaufen, „weil ich realisiert habe, dass sie nicht für mich gemacht sind“, sagt Fatoba. „Die Modetipps sind nicht für mich, die Kosmetikprodukte sind nicht für mich, die Haarprodukte sind nicht für mich, niemand darin sieht aus wie ich.“ Eine Erklärung dafür liegt weit hinter den hochglänzenden Seiten.

„In unseren Köpfen – und da nehme ich mich gar nicht raus – ist immer noch der Glaube verankert, dass wir für ein weißes, deutsches, heterosexuelles Publikum produzieren“, so die Journalistin Chebu. Dabei werde mit der Gesellschaft auch das Publikum immer diverser. Nur der Lesestoff wird es nicht. Genau wie die Redaktionen, die ihn produzieren.

Jeder fünfte Bürger habe eine Migrationsgeschichte, schreibt das Förderprogramm der Bundesregierung, Integration durch Qualifizierung (IQ), 2016 in einem Handout. „Doch unter den Medienschaffenden ist ihr Anteil gering, geschätzte zwei Prozent in Printmedien und etwa vier bis fünf Prozent in Fernsehen und Rundfunk.“ Die Nichtregierungsorganisation Neue Deutsche Medienmacher*innen (NdM), in der sich auch Chebu engagiert, fordert immer wieder mehr Diversität in den Redaktionen.

Der strukturelle Rassismus, er liegt nicht nur hinter der einseitigen, ausgrenzenden Berichterstattung, sondern auch hinter rassistischen Artikeln wie dem der „Elle“. Ein paar nichtweiße Redakteurinnen und Redakteure einzustellen reiche natürlich nicht aus, so Chebu, man müsse ihnen auch wirklich zuhören. Allerdings: „Nicht jede Person, die eine nichtweiße Hautfarbe hat, ist automatisch Rassismusexperte oder will einer sein“, auch die Reduzierung auf bestimmte Themenfelder sei eine Diskriminierung.

Die Online-Chefin der deutschen „Vogue“ zur Verantwortung der Fashionmedien

Dass bestimmte Perspektiven ausgeklammert werden, ist aber augenscheinlich. Nur wird das weniger als Problem verstanden. Wenn etwa bei wissenschaftlichen Themen etwas faktisch Falsches publiziert würde, habe das scheinbar eine andere Wirkung, sagt Chebu. „Bei dem Thema Rassismus wird es aber immer so dargestellt, als ginge es um individuelle Befindlichkeiten, um persönliche Meinungen, als könne man Rassismus so oder so auslegen. Das ist nicht richtig.“

Auch Fatoba wünscht sich nicht nur mehr Inhalte, die People of Color in den Fokus rücken. „Es reicht nicht, ein paar schöne Bilder mit Schwarzen Models in coolen Klamotten zu machen“, sagt sie. „Wenn in Modehäusern, Werbeagenturen und Medienunternehmen Menschen mit am Tisch sitzen, die die nötige kulturelle Sensibilität mitbringen, dann würden diese peinlichen Aktionen nicht passieren, oder zumindest nicht so häufig.“ In der Mode kommt es nämlich auch abseits der Redaktionsschreibtische oft zu rassistischen Vorfällen.

Im Februar stellte das Label Gucci einen Pullover vor, den sich die Trägerin bis über die Nase ziehen soll: Auf der schwarzen Wolle zeichnen sich dicke rote Lippen um den Mund der Trägerin ab. Der Entwurf erinnert an die rassistische Praxis des Blackfacing, ähnlich war ein Schuhdesign von Sängerin Katy Perry desselben Jahres, das ein schwarzes Gesicht mit blauen Augen zeigt.

Model mit indigenem Federnschmuck, weiße Models mit Dreadlocks

Andere Kleider und Kampagnen stehen im Hinblick einer kulturellen Aneignung zum Diskurs. Kritisiert wurden etwa die Wäschemarke Victoria’s Secret, die 2012 ein Model mit indigenem Federnschmuck zur Spitzenunterwäsche über den Laufsteg schickte, der Designer Marc Jacobs, der seine weißen Models 2016 mit Dreadlocks ausstattete, oder das Label Carolina Herrera, das sich in diesem Jahr ohne jede Kontextualisierung traditioneller Muster der indigenen Völker Mexikos bediente. Was folgt, ist meistens ein Shitstorm – und eine halbgare Entschuldigung, wie auch jetzt bei der „Elle“. Auf rund 5000 kritische Instagram-Kommentare und eine verärgerte Wortmeldung des Supermodels Naomi Campbell antwortete die Redaktion mit einem kurzen Statement. Man sehe den Vorfall als eine „Lernerfahrung“, heißt es darin, Inhalte seien „falsch verstanden“ worden.

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„Mir fällt immer wieder auf, dass ganz viel und ganz lange darüber diskutiert wird, ob etwas jetzt wirklich rassistisch ist oder nicht“, sagt Chebu. „Was aber sehr begrenzt stattfindet, ist der Blick auf die Konsequenzen.“ Über eine Absetzung der „Elle“-Chefredakteurin Sabine Nedelchev habe man „keine Sekunde“ nachgedacht, heißt es aus dem Burda-Verlag, zu dem das Heft gehört. Ohnehin wäre das wohl kaum mehr als ein Symbol.

Echtes Engagement bei Marken und Medien scheint es mittlerweile jedoch zu geben. Die Prada-Gruppe etwa hat Anfang des Jahres einen internen Diversitäts-Rat installiert, ähnlich die Marke Gucci. Und auch in den Spitzenpositionen tut sich langsam etwas. Seit 2017 verantwortet etwa Virgil Abloh die Männerlinie von Louis Vuitton, im vergangenen Jahr verpflichtete die britische „Vogue“ Edward Enninful – als ersten Schwarzen Chefredakteur eines internationalen Modemagazins, wohlgemerkt.

Und auf dem deutschen Markt? Da tut sich immerhin die „Vogue“ hervor. Seit Mai fährt das bekannteste Modemagazin des Landes die Onlinekampagne „Weil Sichtbarkeit das Wichtigste ist“. Darin kommen nicht nur Schwarze Autorinnen und Autoren zu Wort, auch Fatoba wurde als Gastredakteurin engagiert. „Ich habe noch nie an einer Produktion gearbeitet, die so divers war“, sagt sie.

Bewusst kamen etwa für eine Videoproduktion ausschließlich People of Color vor und hinter der Kamera zum Einsatz. „Das hat etwa dazu geführt, dass die Models eben vorher gefragt wurden, ob sie ihre Haare gerade natürlich tragen oder ob sie eine Weave oder eine Perücke haben, um besser vorbereitet zu sein. Auch Make-up war für alle Hauttypen da“, erzählt Fatoba. Oft komme es bei Fotoproduktionen und Modenschauen nämlich vor, dass zwar ein paar Schwarze Frauen gebucht würden, entsprechendes Makeup aber einfach vergessen werde. „Sie müssen dann ihr eigenes Zeug benutzen, das sie hoffentlich dabei haben“, sagt Fatoba, „während die weißen Kolleginnen mit professionellen Produkten geschminkt werden.“

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