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Die Heiligen Drei Könige des Ulmer Münsters: Melchior mit Schlauchbootlippen

Stereotype

Rassismus-Debatte in Ulm: Münster schmeißt die Heiligen Drei Könige aus der Krippe

  • vonMirko Schmid
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Großer Aufschrei in Ulm, um Ulm und um Ulm herum: Das Ulmer Münster verzichtet auf die Heiligen Drei Könige. Grund: Die rassistische Darstellung des Melchior.

  • Aufgrund der rassistischen Darstellung des Melchior verzichtet das Ulmer Münster in diesem Jahr auf die Heiligen Drei Könige.
  • Die Münstergemeinde in Ulm will für nächstes Jahr neu entscheiden, ob die Heiligen Drei Könige wieder aufgestellt werden.
  • Empörte Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten.

Ulm - Ein Raunen geht durch Ulm. Das Ulmer Münster nämlich will in der diesjährigen Weihnachtszeit darauf verzichten, die Heiligen Drei Könige an die Krippe zu stellen. Das an sich wäre für viele Weihnachtsfans wahrscheinlich ein Frevel für sich, gehören die Heiligen Drei Könige doch wie der Weihnachtsstern, Weihrauch, Myrrhe und Gold zur Geschichte der Geburt von Jesus Christus.

In Zeiten der antirassistischen Aufklärung kommen Statuen und Figuren wie der Ulmer Melchior neu auf den Prüfstand

Aber in modernen Zeiten bleibt es selten bei der unbeabsichtigten Verärgerung von Anhängern der christlichen Lehre. Vielmehr wurden die Heiligen Drei Könige bewusst aus dem Programm genommen. Die Figur des Melchior nämlich ist es, welche die Ulmer Münstergemeinde bewogen hat, die Weisen aus dem Morgenland dieses Jahr nicht an die Krippe zu stellen. Grund dafür ist das Aussehen der kleinen Holzfigur. Dieses nämlich ist, gelinde gesagt, fragwürdig.

In Zeiten nach dem als rassistisch motivierte Polizeigewalt betrachteten Mord an George Floyd und der Black Lives Matter-Bewegung kommen Statuen und Figuren neu auf den Prüfstand. In den USA reißen Bürgerrechtler und Antirassisten Statuen nieder, die Sklavenhändler verherrlichen und bauen Gemeinden Denkmäler von Generälen ab, die für die Sklavenhaltung in den Krieg gezogen waren.

Dass in solchen Zeiten eine Figur, die den Heiligen König Melchior mit schlauchbootartigen Lippen, ohne Hose und Schuhe und mit unangenehm an Fell erinnernde Bein- und Fußstrukturen darstellt, unter die Lupe genommen wird, stößt vielen Verfechtern der reinen Lehre unappetitlich auf.

Rechtspopulisten wollen die „Verbannung“ des Ulmer Melchior umdeuten und sprechen von Rassismus

Während der Dekan des Ulmer Münsters damit argumentiert, dass die Figur „aus heutigem Verständnis stereotyp“ sei, rollt in den sozialen Medien die Welle der Empörung. Der ehemalige General, ehemalige Bundesvize der AfD und derzeitiger Fraktionschef der rechtspopulistischen Truppe im Berliner Abgeordnetenhaus Georg Pazderski versucht sich auf Twitter an einer Umdeutung. Er empfinde es als „den wirklichen Rassismus“, dass der schwarze König Melchior weggelassen werde. Dass alle drei der Heiligen Könige der Krippe in diesem Jahr fernbleiben, erwähnt er freilich nicht.

Die rechtsoffene Zeitschrift Junge Freiheit fabuliert in einem Kommentar von einer „politisch korrekten Rassentrennung“, Ulrich van Stunum, ehemaliger Hochschullehrer an der Ulmer Universität, beschwert sich darüber, dass Facebook und Instagram alle Fotos schwarzgeschminkter Menschen mit „weisser Hautfarbe“ (sic) löschen würde, sogar „auch im Karneval oder als Knecht Ruprecht“. Der vermeintlichen Abschaffung des sogenannten Blackfacings will er etwas entgegensetzen: „Ich werde meine accounts dort auflösen.“ Verlinkt hat er den Kommentar der Jungen Freiheit.

Evangelische Kirche laut AfD-Mann „berüchtigt für übertriebene politische Korrektheit“

Das ebenfalls rechtsoffene und verschwörungsnahe Medium „Journalistenwatch“ titelt „Antirassisten im Rassismuswahn: Kein Schwarzer darf König sein“, eine verdrehte Wahrheit, die außer Pazderski viele weitere Twitter-Nutzer verbreiten. Die stereotype Darstellung des Melchior findet innerhalb dieses Framings keinerlei Erwähnung. In dieselbe Kerbe schlägt Anton Baron, Mitglied der baden-württembergischen AfD-Landtagsfraktion. Die für ihre „übertriebene politische Korrektheit berüchtigte Evangelische Kirche“ verbanne die Figur des Melchior aus dem Ulmer Münster.

Er „fragt“: „Ist das die vielbeschworene Vielfalt?“ Seine Folgerung: „Man könnte es auch als rassistisch bezeichnen“. Auch er erwähnt nicht, dass nicht bloß Melchior, sondern auch Caspar und Balthasar der Krippe in Ulm in diesem Jahr fernbleiben und strickt damit weiter an der Legende des ausgegrenzten Schwarzen. AfD-Abgeordnete, die sich als Rassismusgegner geben, um eine stereotyp rassistische Figur im Ulmer Münster zu halten.

Ulmer Dekan Ernst-Wilhelm Gohl widerspricht Rechtspopulisten und nennt die Darstellung des Melchior „grotesk“

Der Dekan des Ulmer Münsters widerspricht den Rechtspopulisten: Es gehe um die Darstellung des Melchior

Der Dekan des Ulmer Münsters, Ernst-Wilhelm Gohl, widerspricht einer solchen Deutung: Es gehe nicht um den schwarzen König, es gehe allein um die Art und Weise der Darstellung des Melchior. Dieser sei mit einer Fratze und in einer grotesken Körperhaltung dargestellt. Darüber hinaus diene ein „Mohrenkind“ auch noch als Schleppenträger eines weißen Königs. Ein weiteres Bild zeige einen schwarzen Jungen, der auf einem Esel reitet und von einem Affen etwas eingeflüstert bekommt. Darin kann man die historische Abbildung stereotyper Sichtweisen in einer nicht völlig aufgeklärten Welt sehen. Oder eben Rassismus.

Der Denkan verweist außerdem darauf, dass ihm bekannt sei, dass der Künstler Martin Scheible die Figuren vor hundert Jahren expressionistisch dargestellt habe. Dennoch müsse diese Überzeichnung der Figuren „dann eine Grenze haben, wenn sich Menschen diskriminiert fühlen.“ Als Beispiel nennt Grohl in der FAZ eine aus Kamerun stammende Gospelsängerin, Siyou Isabelle Ngnoubamdjum. Diese habe die Figur als „rassistisch und in keiner Weise wertschätzend“ empfunden. Und so wolle sich der Dekan der Diskussion über Rassismus nun offen stellen.

Stimmen der Dankbarkeit aus den sozialen Medien an Ulmer Münster nach Heilige Drei Könige-Entscheidung

Und so mehren sich auch dankbare Stimmen gen Ulmer Münstergemeinde im Netz. Ein Twitter-Nutzer nennt die Figur „turbo rassistisch“, eine andere bezeichnet sich als Christin, die vor 33 Jahren in einer afrodeutschen Gemeinde getauft worden sei. Sie begrüße die Entscheidung. Ein anderer Twitterer fragt sich, ob echt darüber diskutiert werden müsse, „ob die Melchiorfigur mit dicken Lippen, goldenen Kreolen und dem offensichtlichen Vorbild eines Menschenaffen rassistisch“ sein solle und fordert: „Weg damit!“

Eine weitere Nutzerin des sozialen Kurznachrichten-Dienstes findet, man „kann die drei Könige nicht weglassen, man kann die drei Könige würdig darstellen. Eine Katholische Krippe hat die drei Könige!“ Ein Ansatz, den die UImer Gemeinde durchaus aufnehmen könnte, schließlich verkündet das Dekanat, dass die Aufstellung der Heiligen Drei Könige zunächst nur auf die diesjährige Weihnachtszeit beschränkt sei, für nächstes Jahr würde man sich Gedanken machen. (Von Mirko Schmid)

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