+
Einer, der nicht weichen will: Bassam Tlaib vor seinem Haus in Beit Ur al-Fauqa.

Rashida Tlaib

Das Haus am Checkpoint

  • schließen

Rashida Tlaib ist die erste muslimische Kongressabgeordnete in den USA. Ein Besuch in dem Dorf ihrer Familie.

Kurz vor ihrer Wahl zur ersten muslimischen US-Kongressabgeordneten schaffte es auch Rashida Tlaibs Großmutter zum ersten Mal in die Weltpolitik. Es war im Sommer 2018. Tlaib, 42, Demokratin, Menschenrechtsaktivistin, gab ein Interview nach dem anderen, erklärte, warum sie Donald Trump einen „Motherfucker“ nannte, prangerte die Gier großer Konzerne und die überfüllten Schulklassen in ihrer Heimatstadt Detroit an, aber am Ende landete sie meist in einem kleinen Dorf im Westjordanland und sprach, mit Wut in der Stimme, über das Unrecht, das ihrer Großmutter Moftija dort geschehe. Kaum war sie gewählt, im November, kündigte Tlaib an, mit einer Delegation ins Westjordanland zu reisen, um der Welt „die wahre Seite des Konflikts“ zu zeigen. Im Januar zur Vereidigung trug sie ein traditionelles arabisches Kleid und schwor auf den Koran.

Ein paar Wochen später tritt eine Frau aus einem Haus in den Bergen von Jerusalem und breitet zur Begrüßung die Arme aus. In ihr Gesicht haben sich tiefe Furchen gegraben. Um den Kopf hat sie ein weißes Tuch gewickelt. Ihre Schultern werden von einer Strickjacke gewärmt, beim Laufen macht sie kleine Schritte. Das liegt an dem langen Kleid, das sie unter der Strickjacke trägt, ein tiefrotes bodenlanges Gewand mit gestickten Motiven darauf. Es sieht genauso aus wie das, welches Rashida Tlaib zu ihrer Vereidigung im fernen Amerika trug.

„Ach, Amerika“, sagt Moftija Tlaib. Sie sei dort gewesen, drei- oder viermal, es gefalle ihr nicht. „Nicht so gut wie hier, in meiner Heimat.“

Sie sieht in den Garten, er liegt im Tal zwischen den Bergen von Jerusalem, wo jetzt, im Frühling, die Mandelbäume blühen. Ein idyllischer Ort, eigentlich. Dreht man sich um, ergibt sich ein anderes Bild: ein Checkpoint links, ein Wachtturm rechts, Soldaten, Warnschilder, Stacheldraht, gleich hinter der Einfahrt die israelische Fernverkehrsstraße 443, die hier mitten durchs Westjordanland führt. Und als wäre das alles nicht genug, stehen oben auf dem Berg die weißen Häuser der Siedlung Beit Horon, vom Dorf getrennt durch eine hohe Mauer. Man hat das Gefühl, mitten in einem Hochsicherheitsgefängnis gelandet zu sein.

Eine vielbeschäftigte Frau: Rashida Tlaib.,

„Kommen Sie“, sagt die alte Frau im roten Kleid, und tippelt voran ins Haus, in dem es kühl ist und das Rauschen der Straße ein wenig leiser. Sie setzt sich auf die Kante eines Sofas, still und aufrecht wie ein Mädchen in der Schule. Neben ihr nimmt ihr Sohn Bassam Platz, Rashida Tlaibs Onkel. Seine Frau serviert Tee und gefüllte Teigtaschen.

Beit Ur al-Fauqa ist ein Tausende Jahre altes Dorf westlich von Ramallah und Jerusalem. Die Häuser sind aus Feldsteinen gebaut, die Bewohner hüten Ziegen und Schafe, ernten Oliven und Feigen, es gibt eine Schule und eine Moschee. Moftija, die Großmutter, wurde während der britischen Besatzung geboren. Wann genau, weiß niemand, Geburtstage wurden damals nicht registriert, sagt Bassam, ihr Sohn. Es sind andere Daten, die ihr Leben geprägt haben: die Geburt ihrer acht Kinder, das Jahr, in dem ihre Tochter nach Amerika aufbrach, der erste Nahostkrieg 1948, in dem Verwandte nach Jordanien flohen, der Sechstagekrieg 1967, nach dem Israel das Westjordanland einnahm und die Grenzen neu zog. Israel war auf einmal ganz nah, das Militär baute einen Stützpunkt auf ihrem Land. Abdullah, der Großvater, forderte es zurück. Soldaten schossen auf ihn. Elfmal, in die Beine und in die Hüfte, so erzählt es die Familie. Überprüfen kann man es nicht. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem, die heute jede Gewalttat im Westjordanland dokumentiert, sagt, damals habe sich noch niemand dafür interessiert.

Verwandte in Amman boten der Familie an, zu ihnen zu ziehen. Das kam für den Großvater nicht infrage. Er blieb und wehrte sich auf seine Art: gab das alte Feldsteinhaus im Dorf auf und baute ein neues Haus im Tal, auf dem Land, das ihm geblieben war, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Militärstützpunkt. An ihrem Haus fuhren nun Militärfahrzeuge vorbei. Sonst aber war es ruhig, bis Mitte der Achtziger die Straße zwischen Ramallah und Gaza zur vierspurigen Autobahn Nummer 443 ausgebaut wurde. „Sie kamen mit Bulldozern“, erinnert sich Bassam. „Es hieß, wir könnten die Straße benutzen, es wäre eine Verbesserung, auch für uns.“ Ein paar Jahre lang war das auch so, aber während der zweiten Intifada verübten Palästinenser Anschläge auf israelische Autofahrer auf der 443. Fünf Zivilisten wurden getötet, die Straße für Palästinenser gesperrt.

Davon sagt Bassam Tlaib nichts. Er redet nur von der Willkür der Besatzer, erzählt, dass er nun nicht mehr zehn, sondern 60 Minuten mit dem Auto braucht, um zu seinen Olivenhainen auf der anderen Seite der Straße zu kommen, und nach Ramallah muss er einen noch längeren Umweg fahren, genau wie die Kinder aus dem Dorf, die in der Stadt zur Schule gehen. Menschenrechtsaktivisten klagten gegen die Straßensperrung. Das Oberste Gericht Israels gab ihnen recht. Die Straße war wieder frei für Palästinenser. Nur wurde nun der alte Grenzübergang verlegt und damit das Gerichtsurteil zunichtegemacht. Bassam Tlaib darf jetzt zwar auf der 443 hin- und herfahren, aber für ihn, der keine Genehmigung hat, den Grenzübergang nach Ramallah zu benutzen, führt sie ins Nirgendwo.

Es sind diese Erzählungen, die das Mädchen Rashida hörte, wenn es in den Sommerferien seine Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen besuchte. Sie wurde 1976 in Detroit geboren, als erstes von 14 Kindern. Ihre Mutter war schwanger mit ihr, als sie das Leben in den Hügeln von Jerusalem gegen das in der amerikanischen Industriestadt tauschte, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Rashidas Vater, ebenfalls Palästinenser, arbeitete in den Ford-Werken am Fließband, die Mutter versorgte die Familie, Rashida musste im Haushalt helfen, die Geschwister versorgen. Zu Hause wurde gebetet und Arabisch gesprochen, Englisch lernte sie erst in der Schule, wo sie zwischen afro- und lateinamerikanischen Einwandererkindern saß. Eine Außenseiterin zwischen Außenseitern, die ihre Situation als Herausforderung ansah und einmal über diese Zeit gesagt hat: „Weil ich ein Mensch war, der weder in der Schule noch im Viertel zu einer bestimmten Gruppe gehört hat, habe ich überall dazu gehört.“

Rashida Tlaib studierte Jura, wurde Sozialarbeiterin und Menschenrechtsanwältin, heiratete einen Mann aus Beit Ur al-Fauqa, der auch ein entfernter Verwandter der Familie ist. Die Hochzeit fand im Dorf statt, ein Jahr lebte sie mit ihm dort, erlebte selbst den Alltag in den besetzten Gebieten. Er erinnerte sie an die Erzählungen ihrer Detroiter Lehrerin über die Diskriminierung der Schwarzen in den USA. In einem Interview mit der amerikanischen NGO „Demokratie jetzt“ sagte sie, ihre Ziele hätten immer auch mit ihrer palästinensischen Herkunft zu tun. „Du musst dafür kämpfen, wer du bist“, habe Abdullah, ihr Großvater, ihr oft gesagt. Er lebt nicht mehr, aber seine Kraft trägt die Enkelin durchs Leben, in jedem ihrer Auftritte ist das zu spüren.

Eine Frau wie ein Symbol: Moftija Tlaib sieht ihre Enkelin Rashida derzeit nur im Fernsehen.

Rashida Tlaib ist anders als andere Politiker, frischer, offener, kämpferischer. Sie sagt, was sie denkt, setzt sich für die kleinen Leute ein und weigert sich, Positionen ihrer Partei zu übernehmen, von denen sie selbst nicht überzeugt ist. Sie steht für eine neue Generation von Einwanderern in den USA, die für ihr Land kämpfen, aber ihre Herkunft nicht vergessen haben. Sie ist eine Hoffnung für Palästinenser und Muslime, aber unter jüdischen Amerikanern und Israelis löst sie große Verunsicherung aus.

Kaum ein Tag vergeht, an dem Tlaib in Israel keine Schlagzeilen macht: ihre Unterstützung für die antiisraelische Boykottbewegung BDS, ihre Ankündigung, mit einer hochrangigen US-Delegation ins Westjordanland zu reisen und nicht nach Israel, ihr unerwarteter Stimmungsumschwung zur Zweistaatenlösung. Vor ihrer Wahl war sie dafür, nach der Wahl auf einmal dagegen. „Wir müssen uns viel ehrlicher eingestehen, dass Mauern nicht funktionieren“, sagte sie der „Washington Post“ und erinnerte an die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA. Die jüdische Lobbyorganisation „J Street“, die Tlaib im Wahlkampf unterstützte, hat sich von ihr distanziert. Eric H. Yoffie, Rabbi aus New Jersey, wirft ihr in der Zeitung „Ha’Aretz“ vor, den zionistischen Staat zerstören zu wollen, denn ohne eine jüdische Mehrheit werde es Israel nicht mehr geben. Selbst Brian Reeves, Sprecher von „Peace Now“, einer besatzungskritischen Menschenrechtsorganisation, wundert sich. Nicht über Tlaibs Unterstützung für BDS. „Alle Palästinenser sind für BDS“, sagt er. „Aber wenn jemand gerade noch für eine Zweistaatenlösung war und dann so plötzlich seine Meinung ändert, muss man sich schon fragen, was er eigentlich von der Situation vor Ort weiß.“ Den Vergleich der Schwarzen in den USA mit den Palästinensern findet er problematisch. „Theoretisch kann man natürlich alles mit allem vergleichen. Aber in Amerika ging es um Diskriminierung, hier geht es um die Existenz des jüdischen Volkes.“

Rashida Tlaib ist für ein Gespräch nicht zu erreichen. Die neue Kongressabgeordnete ist eine vielbeschäftigte Frau, die zwischen ihrem Zuhause in Detroit und ihrem Arbeitsplatz in Washington pendelt. Ihre Familie im Westjordanland sieht sie nur noch im Fernsehen. Der Bildschirm hängt im Wohnzimmer des Hauses unter der Decke. Er ist neu und groß. In der Nacht, als in Amerika die Stimmen ausgezählt wurden, versammelte sich das halbe Dorf darum, sah zu, wie Rashida Tlaib in eine palästinensische Fahne gewickelt unter Tränen sagte, sie werde nie vergessen, wo sie herkomme und wer sie sei. Es klang wie eine Botschaft an die Familie in Beit Ur al-Fauqa. Alle hier warten auf sie und ihre Delegation. Wann sie kommt, wissen sie nicht, aber dass die Enkelin Geschichte schreiben wird, auch hier, davon sind sie überzeugt.

„Sie war immer schon so kämpferisch“, sagt ihr Onkel. Als Kind hätten sie hier alle immer ‚Anwältin‘ genannt. Er lacht. Die Großmutter lacht mit. Sie hört schwer und sagt wenig, aber sitzt die ganze Zeit dabei mit durchgedrücktem Rücken, diszipliniert wie eine Soldatin. Zum Schluss zeigt Bas-sam noch, wo seine Mutter aufgewachsen ist, fährt mit dem Auto am Checkpoint vorbei, den Berg hinauf ins Dorf, hält vor einem Haus aus Feldsteinen, steigt aus, begrüßt den Nachbarn. Vor dem Haus wachsen Obstbäume, Ziegen und Schafe weiden auf dem Hang ins Tal. Man sieht die Siedlung auf dem Berg, aber keine Wachttürme. Ein friedlicher Ort.

Warum ziehen sie nicht hierher zurück?

Bassam Tlaib schüttelt entschieden den Kopf. Stehe das Haus im Tal einmal leer, werde es sofort abgerissen, und dann hätten sie wieder ein Stück Land verloren. „Es ist unser Land, wir verteidigen es“, sagt er. Er steigt wieder ins Auto, fährt ein Stück weiter, auf einen Hügel, den höchsten Punkt im Ort. Es ist klar und sonnig. Man sieht weit über das Land bis nach Jerusalem, sogar die Skyline von Tel Aviv schimmert am Horizont.

„Da ist Jaffa“, sagt Bassam Tlaib.

Jaffa? Das sind doch die Hochhäuser von Tel Aviv! Der Onkel schweigt. Er kennt nur die alte arabische Hafenstadt – und nicht die von Juden gegründete, junge, aufstrebende Stadt.

Es ist der Moment, in dem man versteht, dass es ihm um mehr geht als um sein eigenes Land, dass sein Haus im Tal selbst so eine Art Checkpoint ist – und die Großmutter in ihrem roten Kleid ein Symbol. Der Kampf ist nicht vorbei. Jetzt muss nur noch die Enkelin aus Amerika mit ihrer Delegation kommen. 2006 war sie das letzte Mal hier. Vor 13 Jahren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare