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Sex, Drogen, Straßenkampf: „6ix9ine“ sitzt derzeit im Knast.

New York

Rapper „6ix9ine“ redet sich um Kopf und Kragen

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Seine kriminelle Vergangenheit gehörte zum Erfolgskonzept. Jetzt hat US-Rapper „6ix9ine“ vor Gericht geplaudert – und seine alte Gang schwört tödliche Rache.

Snoop Dogg und 50 Cent gehören zum Hip-Hop-Adel, es gibt nur wenige Stimmen im Business, die mehr Gewicht haben als die der beiden Superstars. Wer im globalen Erfolgsgenre Rap etwas werden will, der sollte es sich mit Künstlern wie Snoop und 50 nicht verscherzen. Genau das hat der junge Rapper Daniel Hernandez alias „6ix9ine“ nun getan.

Seit seinem Auftritt vor einem New Yorker Gericht ist „6ix9ine“ im Hip-Hop-Establishment überaus unbeliebt. 50 Cent nannte ihn eine „Ratte“, Snoop wünschte ihm, er möge in seiner Zelle mit anderen „Snitches“ – eine abfällige Bezeichnung für Verräter, die nicht selten einem Todesurteil gleichkommt – verrotten.

Anlass für die Ächtung von „6ix9ine“ waren seine ausführlichen Aussagen in dem Prozess, in dem er sich wegen unerlaubten Waffenbesitzes und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu verantworten hat. Der 22-Jährige war Mitglied der Straßengang „Nine Trey“, einer Unterabteilung der gefürchteten Bloods. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 47 Jahre Gefängnis. Um diese Strafe zu vermeiden oder wenigstens abzumildern, erzählte „6ix9ine“ den Geschworenen in Brooklyn alles über die Gang, gab Details über die Hierarchie preis, berichtete über deren Drogenhandel und gab Einzelheiten von Attacken und Straßengefechten zum Besten. Sehr zur Unterhaltung des Publikums erzählte er sogar, wie er nach einem bewaffneten Überfall aus dem Fluchtauto gestoßen wurde und mit der U-Bahn nach Hause fahren musste.

Sein eigenes Todesurteil unterschrieben

Als ob das alles noch nicht genug gewesen wäre, berichtete der Künstler mit den auffälligen Gesichts-Tattoos und den in Regenbogenfarben getönten Haaren noch von der Gang-Mitgliedschaft von Kollegen wie Cardi B. und Jim Jones. Denen droht nun, wie dem Rapper selbst, eine Anklage.

Mit diesen Aussagen hat Daniel Hernandez, der bereits im Oktober 2015 zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden war, weil er sich beim Sex mit einer 13-Jährigen gefilmt hatte, gleich in doppelter Hinsicht sein eigenes Todesurteil unterschrieben. In der Hip-Hop-Szene, in der er seit zwei Jahren als einer der neuen Superstars galt und Songs mit Größen wie Fetty Wap oder Nicki Minaj aufnahm, ist er nun endgültig geächtet. Doch das dürfte seine geringste Sorge sein.

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Denn die Gang, gegen deren Kodex er mit seinen Plaudereien verstieß, hat bereits angekündigt, dass er sich seines Lebens nicht mehr sicher sein könne – egal, ob er ins Gefängnis kommt oder durch eine Kronzeugenregelung auf freien Fuß gesetzt wird. Das Beste, worauf er hoffen kann, ist nun, in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden. Seine auffälligen Gesichtstattoos dürften es ihm aber erschweren, unerkannt zu bleiben.

Dass sich die kriminelle Welt der Straßengangs und das Hip-Hop-Universum darin einig sind, „6ix9ines“ Kooperation mit dem Gesetz zu ächten, ist unterdessen kein Zufall. Beide Welten sind seit den Anfängen des Hip-Hop vor 40 Jahren eng miteinander verwoben. Schon in den 80er Jahren berichteten Rapper wie die Kultgruppe NWA aus dem Gang-Leben, einige der Protagonisten hatten Bloods- oder Crips-Verbindungen. Die bis heute ungeklärten Morde an den Rap-Ikonen TuPac Shakur und Notorious B.I.G. werden Gangs zugeschrieben. Dem kontroversen Genre des Gangsta-Rap wird vorgeworfen, den Outlaw-Lebensstil der Gangs zu glorifizieren.

Unverblümt über Gewalt und Sex geredet

In jüngster Zeit schien der Mainstream-Rap einen anderen Weg zu gehen. Da war zum einen der intellektuelle, politische Rap von Kendrick Lamar, zum anderen dominierte der sanfte, melodische Rap eines Drake, der Botschaften der Liebe, des Glaubens und des Mitgefühls transportierte, anstatt das Leben auf der Straße in aggressive Reime zu packen.

Doch dann kam die Generation, deren Musik Insider als „Sound-Cloud-Rap“ bezeichnen. Rapper wie Lil Pump, Trippie Redd, XXXTentacion und eben „6ix9ine“ stammten aus dem Milieu – und sprachen an der Branche vorbei über das Internet direkt ihr Publikum an. Die „New York Times“ bezeichnete deren Stil als roh und punkig. In Videos von „6ix9ine“ treten echte Gang-Mitglieder auf, es wird mit Waffen herumgefuchtelt und unverblümt über Gewalt und Sex geredet.

Der Stil ist erfolgreich – „6ix9ine“ landete zahlreiche Hits, bekam Millionenverträge und reiste um die Welt. Seine Milieunähe war Teil seines Erfolgs – wie die Kollegen der neuen Welle verkörperte er eine Authentizität, die dem kommerziellen Rap abhanden gekommen zu sein schien. Die kriminellen Aktivitäten der Künstler verstärkten diesen Effekt sogar noch: Als der Rapper XXXTentacion in einem Video zugab, seine schwangere Freundin verprügelt zu haben und an Messerstechereien beteiligt gewesen zu sein, schnellten die Verkaufszahlen seiner Musik nach oben.

Der Weg, aus seinem Gerichtsprozess Kapital zu schlagen ist auch Daniel Hernandez alias „6ix9ine“ noch immer nicht gänzlich verstellt. Die Publicity, die sein Prozess ihm gebracht hat, so heißt es in der Branche, ließe sich gut vermarkten. Vorausgesetzt, er überlebt.

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