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Das arktische Eis ist krank

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Mýrdalssandur, Island, 1996. 
Mýrdalssandur, Island, 1996.  © Ragnar Axelsson

Ragnar Axelsson erzählt in seinen Bildern die Geschichten der Menschen, die den Klimawandel aus nächster Nähe erfahren. Ein Porträt von Michael Funcke-Bartz.

Den Menschen in der Arktis ein Gesicht zu geben, ihre Geschichten zu erzählen, bevor es zu spät ist – darin sieht der isländische Fotograf Ragnar Axelsson, auch kurz „RAX“ genannt, inzwischen seine Hauptaufgabe. Dafür ist er seit mehr als 40 Jahren in der Arktis unterwegs: Zu Fischern und Bäuerinnen in den entlegensten Regionen Islands und den Faröer Inseln ebenso wie zur indigenen Bevölkerung Nordskandinaviens. Er begleitet grönländische Inuit selbst bei extremen Temperaturen und den gefürchteten Stürmen bei der Jagd hinaus aufs Meereis. Bei Rentierhirten in der sibirischen Tundra erfährt er Wintertemperaturen von mehr als minus 50 Grad Celsius ebenso wie mehr als 40 Grad plus, die im Sommer dort herrschen. Doch immer wieder kehrt er zu den Menschen am Rande der bewohnbaren Welt zurück.

„Du besuchst diese Menschen nicht nur einmal für ein schnelles Foto, du kommst öfters, bis sie irgendwann vergessen, dass du da bist und dich teilhaben lassen – und dir vielleicht irgendwann auch ihre Geschichten erzählen“, berichtet Ragnar Axelsson beim Gespräch in München. Dieses Vertrauen ist ein hohes Gut und wächst nur über Jahre. Den alten Fischer Axel Thorarensen an der isländischen Südküste zum Beispiel traf er 1988 eher zufällig, als er für einen anderen Fotoauftrag in der Region war. In einem unbeobachteten Moment machte er ein paar Fotos von ihm und seinem Hund Týri. Erst zwei Jahre später traf Ragnar Axelsson den alten Fischer wieder und zeigte ihm die bis dahin unveröffentlichten Fotos, die ihn auf seinem Boot zeigten. Axel lächelte und war einverstanden, sich auch vor seiner Fischerhütte fotografieren zu lassen.

Jäger Masuana Kristiansen, Ingelfieldfjord, Grönland, 1987.
Jäger Masuana Kristiansen, Ingelfieldfjord, Grönland, 1987. © Ragnar Axelsson

Ragnar Axelsson ist Zeuge der Klimaänderungen in der Arktis

Den schon weißhaarigen Bauern Guðjón Þorsteinsson begleitete Ragnar Axelsson bei seinem vierten Besuch an den schwarzen Lavastrand um Kap Dyrhólaey an der isländischen Südküste. Erst bei dieser Gelegenheit entstand das Foto, das inzwischen zu einem seiner Markenzeichen geworden ist und „das mir die Türen zur Welt geöffnet hat“. Erst auf einer Vertrauensbasis von mehreren Jahren entstanden Innenaufnahmen, die zum Beispiel Guðjón mit seinem Bruder beim Melken im Stall zeigen. Den Schafbauern Kristinn Guðnason begleitet er über 20 Jahre immer wieder, wenn im September in Südisland beim Schafabtrieb tausende Schafe aus den Bergen ins Weideland Landmannafréttur ge-trieben werden.

Diese Ausdauer über Jahrzehnte, verbunden mit einem tiefen Respekt für die Menschen – das sind vielleicht die wichtigsten Eigenschaften, die Ragnar Axelsson zu dem gemacht haben, was er heute ist: Ein Zeuge der schleichenden, aber die Arktis inzwischen mit voller Wucht treffenden globalen Klimaveränderungen. Keine Region der Erde erwärmt sich mit einer solchen Geschwindigkeit. Je stärker das Meereis um den Nordpol schwindet, umso stärker erwärmt sich das Wasser und beschleunigt somit wiederum das Abschmelzen des Eises.

Jonas Madsen, Sandey, Färöer Inseln, 1989.
Jonas Madsen, Sandey, Färöer Inseln, 1989. © Ragnar Axelsson

Das Treffen mit dem alten Fischer Axel Thorarensen war auf diesem Weg ein Schlüsselmoment. „Von da an war mir klar, dass ich das Leben und die Geschichten dieser Menschen in einer sich rapide verändernden Welt in Fotos festhalten muss.“ Für „Das Gesicht des Nordens“, sein erstes Buch, erhielt er 2016 den isländischen Literaturpreis für das beste Sachbuch. Fünf weitere Bildbände folgten, in denen er zunehmend auch als Autor für die Texte verantwortlich ist. Viele internationalen Preise und Ausstellungen sind inzwischen Zeichen der Anerkennung für sein fotografisches Werk.

Ragnar Axelsson: Schon als Kind nie ohne Kamera

Sein Vater, Maschinenbauingenieur an der Universität in Reykjavik, muss ein gutes Gespür für die Stärken des zweitjüngsten von vier Kindern gehabt haben: Er zeigte ihm, wie eine Kamera eingestellt wird und die Fotos in der Dunkelkammer vergrößert werden. Er brachte ihm Kunstbücher und internationale Magazine mit, deren Fotografien Ragnar anspornten, selbst zu fotografieren. Der Vater lieh ihm seine Leica, als Ragnar acht Jahre alt war und die Sommerferien bei Verwandten im entlegenen östlichen Teil der isländischen Südküste verbringen sollte. „So eine Kamera war damals so teuer wie ein gebrauchtes Auto, aber mein Vater wusste, dass er sich auf mich verlassen konnte.“ Ragnar streifte mit der Kamera durch die raue Natur, erkundete die Vogelwelt und war fasziniert von den riesigen Gletschern.

Rettung von Pferden, Skarðsheiði, Island, 1995. 
Rettung von Pferden, Skarðsheiði, Island, 1995.  © Ragnar Axelsson

„Mein Vater war technisch sehr bewandert. Wir haben zusammen sogar ein Leichtflugzeug gebaut. Daher wusste ich auch mit der Technik bestens Bescheid, als ich mit 17 anfing, meinen Flugschein zu machen.“ Ein Leben als Pilot kam für ihn trotzdem nicht infrage, auch wenn er ab und zu Krankentransportflüge zwischen Island und Grönland als Co-Pilot durchgeführt hat. „Das habe ich vor allem gemacht, um meine Flugstunden zusammenzubekommen. Viel wichtiger war mein Interesse an Grönland und der Arktis, das durch die Bücher über die frühen Expeditionen zum Beispiel zur Suche nach einer Ost-West-Passage geweckt worden war“.

Ragnar Axelsson wurde Fotojournalist bei der isländischen Tageszeitung „Mor-gunblaðið“. Aufträge führten ihn nach Lettland, Litauen, Mosambik, Südafrika, China und in die Ukraine. So wichtig auch diese Arbeit war, sie blieb für ihn letztlich unbefriedigend. Stattdessen konzentriert sich Ragnar Axelsson auf die arktische Region, entwickelt enge Beziehungen zu Inuit-Gemeinschaften nördlich von Qaanaaq (Thule) im äußersten Nordwesten Grönlands und auch im dünn besiedelten Osten der Insel.

Werkschau

Die Ausstellung „Where the world is melting“ wird bis zum 15. April im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung in München gezeigt. Der gleichnamige Katalog ist im Kehrer Verlag erschienen. Weitere Informationen im Internet unter versicherungskammer-kulturstiftung.de

So erlebt er über die Jahre aus nächster Nähe, wie sich die Lebensverhältnisse dort dramatisch veränderten: Das Meereis gefriert später und taut viel früher auf. Dadurch ist es zu dünn, um noch mit dem Hundeschlitten lange genug auf Jagd gehen zu können. Bricht es auf, dann ist es meist immer noch schwierig, zwischen den Eisschollen mit dem Boot hindurchzukommen. Das erschwert das Leben dieser traditionellen arktischen Jägergemeinschaften mit ihren Schlittenhunden, den „Helden der Arktis“, denen Ragnar Axelsson einen eigenen Fotoband gewidmet hat.

Die Jäger spüren die sich in ihrer Umgebung vollziehenden Veränderungen, auch wenn ihre Sprache dafür keine eigenen Worte kennt. Sie erzählen, dass sie den Eindruck haben, „dass das Eis krank ist“, erzählt Ragnar Axelsson bei unserem ersten Treffen im Winter vor zehn Jahren in Reykjavik. Mit unserer jüngeren Tochter war ich auf dem Rückweg von einer Foto-Tour. Aufmerksam geworden durch den 2011 auf Arte gezeigten Film „Gesichter der Arktis“ nutzte ich die Gelegenheit zu einer spontanen Kontaktaufnahme.

Schmelzender Gletscher Kötlujökull, Island, 2021. 
Schmelzender Gletscher Kötlujökull, Island, 2021.  © Ragnar Axelsson

Hauptberuflich arbeitete ich seinerzeit zu Umwelt- und Klimathemen in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Im Gespräch mit Ragnar Axelsson entstand damals die Idee, mit seinen Fotos die Auswirkungen der globalen Klimakrise auf besonders stark betroffene Bevölkerungsgruppen konkret zu machen, deren Schicksale aber weitgehend unbeachtet bleiben. Mit Förderung der in Bonn angesiedelten Stiftung Umwelt und Entwicklung Nord-rhein-Westfalen gelang es daraufhin, die Ausstellung „Klima-Wandelt: Bilder der Arktis – Nordgrönland im Klimawandel“ zu produzieren.

Ragnar Axelsson: Enger Kontakt zu den Menschen

Das Foto des inzwischen verstorbenen Jägers Masauna Kristiansen, der sich mit seinem Hundeschlittengespann einen Weg durch das an vielen Stellen aufbrechende Meereis bahnen muss, steht für diese Brüche auch im Leben der in den Polarregionen lebenden Menschen: Viel zu schnell vollziehen sich Veränderungsprozesse in Kulturen und Ökosystemen, die über Jahrtausende entstanden sind – in Grönland gehen Spuren der menschlichen Besiedlung fast 4000 Jahre zurück. Die in diesen Zeiträumen entwickelten Fähigkeiten, sich auch schwierigsten klimatischen Verhältnissen anzupassen, sind überfordert. Für die jungen Menschen bietet Jagd keine Zukunft mehr. Andere Entwicklungsmöglichkeiten sind rar und konzentrieren sich vorrangig auf wenige größere Siedlungen – bei einer grönländischen Gesamtbevölkerung von etwa 57 000 Menschen eine relative Größe.

Schlittenhund, Thule, Grönland, 1987. 
Schlittenhund, Thule, Grönland, 1987.  © Ragnar Axelsson

Lange war Ragnar Axelsson mit seinen unverkennbaren Schwarz-Weiß-Aufnahmen vor allem Insidern bekannt. Inzwischen tritt er auch in den Nachrichten in Deutschland öfter auf, wenn es darum geht, den Klimawandel konkret zu machen. Mit der Fotoausstellung „Where the world is melting“ in München wird nun erstmals eine Gesamtschau des Werkes von Ragnar Axelsson einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Ausgestellt wird diese im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung, die auch die Produktion übernommen hat.

Isabel Siben, die Direktorin und Geschäftsführerin des Kunstfoyers, ist auch Kuratorin der Ausstellung. Schon länger hatte sie Ragnar Axelsson auf ihrer Agenda, musste die Ausstellung jedoch wegen der Corona-Pandemie immer wieder verschieben. Jetzt ist es gelungen, mit fast 150 meist großformatigen Fotos die beeindruckende erste Retrospektive über Ragnar Axelssons Werk zusammenzustellen.

Ausstellung von Ragnar Axelsson

Die Ausstellung „Where the world is melting“ wird bis zum 15. April im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung in München gezeigt. Der gleichnamige Katalog ist im Kehrer Verlag erschienen. Weitere Informationen im Internet unter versicherungskammer-kulturstiftung.de

Ragnar Axelsson: Die Zeit drängt, der Klimawandel schreitet voran

Corona warf auch die Pläne von Ragnar Axelsson über den Haufen: Seit zwei Jahren plant er, an Bord eines Eisbrechers im Sommer von Murmansk aus zum Nordpol zu fahren, um das auch dort rapide zurückgehende Meereis zu dokumentieren. Das war nun endlich dieses Jahr geplant, vor dem Krieg um die Ukraine sowie die gegen Russland verhängten Sanktionen. Aber auch da verliert Ragnar Axelsson seine Zuversicht nicht – er ist gewohnt, in längeren Zeiträumen zu denken.

Doch die Zeit drängt. Das hat kürzlich auch noch einmal der Bericht des Weltklimarates zu Klimafolgen und Klimaanpassung unterstrichen: Hans-Otto Pörtner, Co-Vorsitzender der für den Bericht zuständigen Arbeitsgruppe, sagt: „Je länger wir Klimaschutz und Anpassung verzögern, desto stärker schließt sich das uns noch verbleibende Zeitfenster.“ (Michael Funcke-Bartz)

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