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Experten untersuchen das Wrack der in Amsterdam verunglückten Maschine aus der Türkei (26.02.2009).

Flugzeugsabsturz bei Amsterdam

Rätseln um die Unglücksursache

Der Ausfall der Triebwerke könnte sowohl auf Fehler der Crew als auch auf technisches Versagen zurückzuführen sein. Neueste Vermutungen beschuldigen die Fluglotsen am Flughafen Schiphol.

Amsterdam/Istanbul. Nach dem Absturz einer türkischen Passagiermaschine mit 135 Menschen an Bord nahe Amsterdam gibt es neue Vermutungen zur Unglücksursache. Die türkische Pilotenvereinigung (Talpa) schließt Turbulenzen nicht aus, die von einem kurz vorher landenden Flugzeug verursacht wurden. Niederländische Expertem sprachen dagegen weiter von denkbaren Problemen mit den Triebwerken oder der Treibstoffzufuhr der verunglückten Boeing 737. Bei dem Absturz während des Landeanflugs kamen am Mittwoch neun Menschen ums Leben, 86 wurden verletzt.

Die türkische Pilotenvereinigung verdächtigte die Fluglotsen am Airport Schiphol, möglicherweise eine Mitschuld zu haben. Der Tower habe den Piloten der Turkish Airlines nicht vor Turbulenzen gewarnt, erklärte Talpa-Generalsekretär Savas Sen. Nach seinen Angaben, die von niederländischen Stellen allerdings nicht bestätigt wurden, war etwa zwei Minuten vor der türkischen Maschine eine Boeing 757 gelandet.

Der Abstand zwischen den Flugzeugen sei möglicherweise zu gering gewesen, so dass die nachfolgende Maschine ohne Vorwarnung in erhebliche Turbulenzen gekommen sein könnte. Das Ergebnis der Untersuchungen erklärte Sen zu einer "nationalen Frage" der Türkei. Aus dem Ausland werde versucht, die türkischen Piloten schlechtzumachen. Sen arbeitet für Turkish Airlines.

Zwei Boeing-Beschäftigte unter den Toten

Bei dem Absturz sind fünf Türken und vier US-Amerikaner ums Leben gekommen. Das teilten die niederländischen Behörden mit. Nachdem alle Angehörigen der Todesopfer des Absturzes informiert worden seien, könne man nun auch deren Staatsangehörigkeit bekanntgeben, sagte ein Regierungsvertreter.

Unter den neun Toten sind auch zwei Mitarbeiter des US-Flugzeugbauers Boeing. Das bestätigte der Konzern in der Nacht zum Freitag. Ein dritter Boeing-Angestellter an Bord des Unglücksflugzeugs sei verletzt worden und liege noch in Krankenhaus.

Nach dem Absturz mit und 86 Verletzten halten immer mehr Luftfahrtexperten einen Ausfall der Triebwerke für wahrscheinlich. Allerdings blieb am Donnerstag zunächst unklar, was die konkrete Ursache für das Unglück gewesen sein könnte.

Fachleute waren intensiv mit der Auswertung der vom Stimmrekorder aufgezeichneten Cockpit-Gespräche beschäftigt. Zugleich ging die Untersuchung der Wrackteile der Boeing 737-800 weiter.

Bei deren Absturz über einem Acker nahe des Flughafens Schiphol wurden am Mittwoch auch die beiden Piloten und ein Pilot in der Ausbildung getötet. 125 Menschen überlebten den Absturz, sechs von ihnen allerdings mit lebensbedrohlichen Verletzungen.

Unter den Überlebenden ist auch ein Deutscher. Der Mann hatte nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dpa Glück im Unglück. Der Bundesbürger wurde nur unwesentlich verletzt und musste nicht stationär in einem Krankenhaus behandelt werden.

Derweil wurde bekannt, dass die Piloten von dem Absturz beim Landeanflug offenbar völlig überrascht wurden. Der Kapitän meldete der Flugkontrolle keinerlei Probleme, als er sich kurz vor dem Absturz Landeerlaubnis erteilen ließ.

Das geht aus den inzwischen teilweise veröffentlichten Aufzeichnungen des Funkverkehrs vor dem Absturz hervor. Die Erkenntnisse bestärken Experten in der Vermutung, dass die Boeing durch einen plötzlichen Ausfall der Triebwerke abstürzte. Die Ursache dafür blieb jedoch weiterhin unklar. Die Untersuchungen sollen noch mehrere Tage andauern.

Training für Pilot im Cockpit

Experten der nationalen Einrichtung für Luftfahrtsicherheit gingen bislang davon aus, dass die Maschine beim Landeanflug nicht genügend Leistung brachte. Denkbar sei ein Versagen der Triebwerke, aber auch ein "instabiler Landeanflug", hieß es in einer Mitteilung der staatlichen Einrichtung.

Beides könnte nach Angaben der niederländischen Pilotenvereinigung sowohl auf Fehler der Crew als auf technisches Versagen zurückzuführen sein. "Es könnte sein, dass (beim Landeanflug) nicht genügend Schub gegeben wurde", sagte der Sprecher der Pilotenvereinigung, Hans Tettero.

Derweil erklärte ein Sprecher der Turkish Airlines in Istanbul, der dritte Pilot im Cockpit habe ein Training erhalten. Olgay Özgür (29) sei aber bereits seit 2004 im Besitz einer Pilotenlizenz gewesen. Zuvor war spekuliert worden, dass er die Maschine geführt haben könnte.

Der Koordinator der Untersuchungen, Pieter van Vollenhoven, äußerte sich nach einer Besichtigung des Wracks der in drei Teile zerbrochenen Maschine "sehr überrascht", dass es nicht noch mehr Tote gegeben habe. Die Zerstörungen an dem Flugzeug seien enorm.

Piloten von herausbrechender Instrumententafel erschlagen

Die drei Piloten im Cockpit seien durch eine beim Aufprall auf den Boden herausbrechende Instrumententafel erschlagen worden. Angaben von Überlebenden würden bestätigen, dass die Maschine bei einem zunächst normal erscheinenden Landeanflug plötzlich in den freien Fall überging.

Augenzeugen am Boden hatten berichtet, das Flugzeug sei im Vergleich zu anderen Maschinen, die auf dem Amsterdamer Airport Schiphol landeten, "erstaunlich tief geflogen". Die Triebwerksgeräusche seien stärker als gewohnt gewesen und plötzlich ausgeblieben, berichteten Anwohner von Gemeinden in Flughafennähe.

"Wahrscheinlich ist etwas mit den Antrieben schiefgegangen", sagte der Experte Michel van Tooren von der Technischen Universität Delft. Überlegungen, wonach der Maschine der Treibstoff ausgegangen sein könnte, wurden zunächst nicht bestätigt.

Der Wetterdienst erklärte, dass Wind, Sicht und Temperatur zum Zeitpunkt des Unglücks am Mittwochvormittag normal und unproblematisch gewesen seien. Zur Unterstützung der Untersuchung wurden in Amsterdam Vertreter des US-Flugzeugbauers Boeing sowie türkische Experten erwartet.

Die niederländische Königin Beatrix sprach den Angehörigen der Toten ihr Beileid aus. Auch Ministerpräsident Jan-Peter Balkenende kondolierte - ebenso wie tausende Menschen, die auf einer eigens eingerichteten Website Trauer und Bestürzung bekundeten. Bei einem Besuch der Unglücksstelle lobte Balkenende den "professionellen Einsatz" aller Rettungskräfte. Dadurch seien viele Menschen in sehr kurzer Zeit aus den Trümmern des Flugzeugs geborgen und die Verletzten sehr schnell in Krankenhäuser gebracht worden. (dpa)

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