Militärermittler untersuchen Wrackteile an der Unfallstelle.
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Militärermittler untersuchen Wrackteile an der Unfallstelle.

Flugzeugabsturz in Ägypten

Das Rätsel des Flugs 9268

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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  • Martin Gehlen
    Martin Gehlen
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Nach dem Absturz eines russischen Ferienfliegers mit 224 Toten in Ägypten treten die Regierungen in Kairo und Moskau Spekulationen entgegen, Terroristen seien für den Absturz verantwortlich. Lufthansa, Air France-KLM und Emirates wollen den Sinai dennoch vorerst umfliegen.

Außer Trauer herrscht in Russland nach der schwersten Flugzeugkatastrophe in der Geschichte des Landes auch Gleichgültigkeit. Über die Unglücksursachen wird heftig diskutiert. Im Stadtzentrum von Sankt Petersburg herrsche Karneval, schrieb der russische Blogger Ila Warlamow in der Nacht auf Sonntag und postete Fotos von fröhlichen jungen Mädchen mit Totenkopfmasken.

Am Samstagvormittag war in Ägypten ein Airbus der russischen Fluggesellschaft Kogalymawia auf dem Weg von Scharm al-Scheich nach Sankt Petersburg abgestürzt. Alle 224 Insassen des Flugs 7K-9268 von Scharm al-Scheich nach Sankt Petersburg, darunter 25 Kinder, kamen ums Leben. Die meisten Opfer kamen aus Petersburg. Aber das hinderte die Partyjugend der Stadt nicht daran, Halloween zu feiern.

Wie auch nach früheren Flugzeugabstürzen entbrannte in der russischen Öffentlichkeit eine heftige Debatte über Ursachen und Schuldige. Aber auch über in- und ausländischen Reaktionen auf das Unglück, über fehlende, mangelhafte oder geheuchelte Anteilnahme.

Schon am Samstag begannen russische Medien die Moskauer Nachtklubs aufzulisten, die trotz des Unglücks ihre geplanten Halloween-Partys nicht absagten. Am Sonntag veröffentlichte der kremlnahe Fernsehkanal Lifenews die Namen von Showstars und Wirtschaftspromis, die auf den Partys auftauchten. Die russische Massenzeitung Komsomolskaja Prawda veröffentlichte voller Empörung Zitate ukrainischer Facebook-Nutzer, die die blutige Katastrophe hämisch kommentiert hatten. „Sie sind schlimmer als Kannibalen oder Tiere.“ Der krimtatarische Exilpublizist Aider Mudschdabajew dagegen bezeichnete die Ukrainer als Heilige, weil jetzt vor der russischen Botschaft in Kiew Blumen niederlegten – trotz des Krieges, den Russland in der Ukraine angezettelt hatte.

Streit über mögliche Ursachen des Unglücks

Währenddessen streitet sich die russische Fachwelt über die Ursachen des Unglücks. Ein Teil der Experten glaubt an technisches Versagen, ehemalige Piloten sowie die Witwe des abgestürzten Airbus-Kapitäns Sergei Truchatschews berichten von Beschwerden über den Zustand der Unfallmaschine. Auch die ersten Angaben der ägyptischen Behörden verweisen auf ein defektes Triebwerk. Andererseits hätte die Maschine nach Ansicht vaterländischer Fachleute selbst mit einem brennenden Triebwerk weiter fliegen und notlanden können. „Irgendetwas Unvorhergesehenes ist an Bord passiert“, sagt der ehemalige Versuchspilot Magomet Tolbejew Radio Kommersant FM. „Es kann eine Explosion an Bord gewesen sein.“ Der Moskauer Flugsicherheitsexperte Alexander Romanow redet gar von einem möglichen Kampf im Cockpit.

Die Regierungen in Kairo und Moskau traten Spekulationen entgegen, die Zivilmaschine könnte von Terroristen abgeschossen worden sein. Am Samstag hatte der „Islamische Staat“ in einer Internetbotschaft behauptet, das Flugzeug mit „über 200 russischen Kreuzrittern“ sei von „den Soldaten des Kalifates“ über dem Sinai zerstört worden. Parallel dazu tauchte auf Youtube ein mysteriöses, inzwischen entferntes Video auf, auf dem – unterlegt von koranischen Gesängen – der Abschuss eines großen Flugzeugs am blauen Himmel zu sehen ist, was dann mit einer schwarzen Rauchfahne gen Boden rast.

Das sei die Rache „für die Dutzenden, die täglich in Syrien durch eure Bombenflugzeuge getötet werden“, heißt es in dem IS-Text. Der russische Verkehrsminister Maxim Sokolow erklärte, „allen Daten zufolge, die uns Ägypten zur Verfügung gestellt hat, sind diese Behauptungen unglaubwürdig“. Ägyptens Premierminister Sherif Ismail versicherte, die Terroristen auf dem Sinai besäßen keine Raketen, die einem Flugzeug in 9450 Meter Höhe gefährlich werden könnten. Trotzdem wiesen große Fluggesellschaften wie Lufthansa, Air France-KLM und Emirates ihre Piloten an, vorerst nicht mehr den Sinai zu überqueren.

Stimmenrekorder und Flugschreiber wurden inzwischen geborgen und sollen so schnell wie möglich ausgewertet werden. Nach Informationen der Website FlightRadar24 verlor die Maschine schlagartig an Geschwindigkeit und stürzte innerhalb von Minuten aus ihrer Reiseflughöhe zu Boden. Zum Zeitpunkt des Unglücks herrschte über dem Sinai gutes Wetter.

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