1. Startseite
  2. Panorama

Unter „Querdenkern“: So läuft der Protest gegen die Corona-Maßnahmen ab

Erstellt:

Von: Matthias Lohr

Kommentare

Ihr Protest wird lauter: Kritiker der Corona-Maßnahmen bei einer angemeldeten Demonstration am Montagabend am Bebelplatz in Kassel.
Ihr Protest wird lauter: Kritiker der Corona-Maßnahmen bei einer angemeldeten Demonstration am Montagabend am Bebelplatz in Kassel. © Matthias Lohr

Seit fast zwei Jahren begleitet unser Autor die Corona-Proteste. Die „Querdenker“ sind bunt gemischt und vertrauen weder Politik noch Medien.

Kassel – Das erste Mal von „Querdenkern“ beschimpft wurde ich an einem sonnigen Samstagnachmittag im April 2020 auf dem Bebelplatz in Kassel. Ich hatte eine Teilnehmerin gefragt, wie sie es finde, dass man mit AfD-Leuten demonstriert. Einer von ihnen war als Ordner eingesetzt. Daraufhin rief sie laut über den Bebelplatz: „Der Herr von der HNA will wissen, ob jemand von der AfD hier ist.“ 80 Menschen buhten mich aus.

Fast zwei Jahre später spazieren die Kritiker der Corona-Maßnahmen selbst bei Regen und Kälte zu Hunderten durch Kassel. In der gesamten Republik werden Teilnehmerzahlen registriert, über die jede Gewerkschaft froh wäre. Wie konnte es so weit kommen?

Corona: Bundesweiter Protest wird von Gewalt und Hassbotschaften bestimmt

Wie das Virus hat auch der Corona-Protest in der Pandemie einige Mutationen durchlaufen. Am 20. März 2021 marschierten 20.000 Menschen trotz Verbots durch Kassel*. Im Sommer wurden zahlreiche Demos zum Flop. Mittlerweile demonstrieren die zahlreichen „Spaziergänger“ nicht nur mehr pauschal für „Freiheit“ und „Liebe“, sondern auch ganz konkret gegen eine drohende Impfpflicht.

Man trifft immer noch AfD-Politiker und auch Neonazis. Die Sicherheitsbehörden warnen zu Recht vor einer Radikalisierung. Zugleich lässt sich aber auch eine Pluralisierung des Protests feststellen. Es gehen auch Studenten auf die Straße, die sich von 2G-Regeln ausgegrenzt fühlen, Yoga-Lehrerinnen, die früher mit der Antifa gegen die Globalisierung des Kapitals demonstrierten, und unpolitische Mütter und Väter, die sich wegen Schulschließungen um ihre Kinder sorgen. Sie nehmen es in Kauf, mit Leuten auf die Straße zu gehen, mit denen sie eigentlich nichts zu tun haben wollen.

Das öffentliche Bild des bundesweiten Protests wird von Gewalt und Hassbotschaften bestimmt, die es leider viel zu oft gibt. Aber man kann die „Spaziergänge“ auch so erleben wie der ehemalige ARD-Journalist Rolf-Dieter Krause, der nach einem Besuch in Templin in der Uckermark gerade twitterte: „Keine blöden Sprüche, kein Krawall, eine bunt gemischte Bürgergesellschaft. Polizei: entspannt. Radikalisierung? Nicht zu sehen.“

Corona-Demos: Viele Teilnehmer kennen niemanden, der schwer an Corona erkrankt ist

In Kassel begrüßte mich eine Teilnehmerin zuletzt mit dem Satz: „Na, Herr Lohr, wie viel Geld bekommen Sie, damit Sie heute wieder Lügen verbreiten?“ Einmal schlug man vor, mich vor ein Militärgericht zu stellen. Viele wollen mit Journalisten gar nicht mehr reden. Unsere Redaktion und alle anderen „Mainstream-Medien“ würden nur hetzen. Allenfalls Youtube-Links und Servus TV werden als seriöse Quellen akzeptiert. Eine Frau forderte, wir sollten endlich einmal ein Interview mit Sucharit Bhakdi führen, jenem gelinde gesagt umstrittenen Mediziner, der zuletzt behauptete: „Sie töten unsere Kinder.“ Er meinte die Impfungen.

Was die so unterschiedlichen Teilnehmer eint, ist die Abneigung gegenüber „denen da oben“. Man kann sich nicht vorstellen, dass mit den Corona-Maßnahmen Menschenleben gerettet werden sollen. Immer ist die Rede von geheimnisvollen Konspirationen. Dass in den Telegram-Gruppen immer wieder auch krude und antisemitische Verschwörungserzählungen geteilt werden, nimmt man in Kauf.

Viele der Teilnehmer kennen niemanden, der schwer an Corona erkrankt ist. Aber sie lesen jeden Tag in ihrer Social-Media-Bubble von angeblichen Impfschäden. Freunde und Verwandte haben sich von ihnen abgewandt. Wie soll man da aus dieser Parallelwelt wieder herausfinden?

Selbst Menschen, die man im echten Leben als vernünftig einschätzen würde, finden es nun okay, dass man bei Politikern zuhause vorbeischaut. Zuletzt machte die Ankündigung die Runde, vor dem Haus von Oberbürgermeister Christian Geselle* spazieren zu gehen.

Corona: Nicht nur Protest, sondern auch der Rest der Gesellschaft hat sich radikalisiert

Doch nicht nur der Protest hat sich radikalisiert, sondern auch der Rest der Gesellschaft. Immer noch wird über eine Impfpflicht diskutiert, die lange ausgeschlossen wurde, von der niemand weiß, wie sie umgesetzt werden soll, und deren Sinnhaftigkeit selbst Virologen wie Jonas Schmidt-Chanasit seit Omikron infragestellen. Und beim Protest gegen die „Querdenker“ Mitte Januar hielten Demonstranten Schilder hoch, auf denen stand: „Lass dich impfen, sei kein Arschloch!“ Wer sich nicht impfen lässt, handelt unvernünftig – sich selbst und anderen gegenüber. Aber er ist deshalb kein Arschloch.

So wird sich kein „Querdenker“ überzeugen lassen. Die Frage ist aber, ob sie überhaupt noch mit Argumenten zu überzeugen sind, dass die Impfung kein Teufelszeug und Deutschland keine Diktatur ist. Der Autor Sascha Lobo sieht sie in der „Versunkene-Kosten-Falle“: Die „Querdenker“ haben so viel Energie in ihr Dagegensein gesteckt und sich mithilfe des Internets zu Hobby-Virologen weitergebildet, die abseitigste Studien zitieren können. Würden sie sich jetzt impfen lassen, wäre alles umsonst gewesen. Sie werden also weiter auf die Straße gehen – ob mit Anmeldung oder ohne.

Am Montag hatte ich das erste Mal auf einer „Querdenker“-Veranstaltung die Befürchtung, ich könnte im Krankenhaus landen. Ein Teilnehmer beschimpfte mich ziemlich aggressiv, weil ich provozieren und Lügen verbreiten würde. Ich hätte als Journalist hier nichts zu suchen. Wir redeten dann noch ziemlich lang miteinander. Am Ende entschuldigte er sich, dass er so aggressiv gewesen sei. Aber er sei einfach irgendwie durch. Das sind wir alle. (Matthias Lohr) *hna.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion