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Mit dieser Schreibmaschine fing alles an. 40 Jahre später schreibt Pitt von Bebenburg immer noch für die FR – aber am PC.

40 Jahre bei der FR

Am Puls der Zeit

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Seit 40 Jahren schreibt Pitt von Bebenburg für die Frankfurter Rundschau. Nun wirft er einen Blick zurück: auf erste Gehversuche, fette Jahre und skurrile Geschichten.

Selten war ich so weit weg vom Puls der Zeit wie am 11. September 2001. Dabei gehörte ich zu den Hauptstadt-Korrespondenten in Berlin, die daran gewöhnt waren, jeden Tag Artikel für die Titelseite oder die renommierte Seite 3 der Frankfurter Rundschau zu liefern. Nun aber saßen wir in unseren Büros vor den Fernsehgeräten wie alle anderen Menschen auch, schauten fassungslos zu, wie nach dem ersten auch noch ein zweites Flugzeug in das World Trade Center raste, und spürten wie alle anderen eine tiefe Verunsicherung, was dieser Terror für die Welt bedeuten würde.

Zunächst aber bedeutete er für uns: Alles, worüber wir aus Berlin ansonsten berichtet hätten, hatte seine Bedeutung verloren. Berlin, die Bundespolitik, die Landespolitik gar, alles war ganz und gar unwichtig geworden.

Ein Jahr zuvor, im Jahr 2000, war ich als FR-Korrespondent nach Berlin gewechselt, in die neue Bundeshauptstadt. Es war eine Zeit des Umbruchs, nicht nur für mich, sondern für die Frankfurter Rundschau und für die gesamte Branche. Das Internet hatte kurz zuvor Einzug gehalten in die Redaktion: 1999 hatte ich an einem Kurs zum Umgang mit Suchmaschinen teilgenommen. Das Handy folgte kurz darauf. Ich fühlte mich am Puls der Zeit, aber zugleich ahnte ich auch, dass wir Zeitungsjournalisten Gefahr liefen, von der Zeit überholt zu werden. Das Jahr 2000 war das Jahr, in dem die Frankfurter Rundschau mit so vielen Anzeigen erschien wie nie zuvor und nie mehr danach. Doch der wirtschaftliche Absturz traf uns mit aller Wucht. Nur zwölf Jahre später hatte die FR eine Insolvenz zu bewältigen, was nur dank der Unterstützung unserer Leserinnen und Leser gelang.

Seit genau 40 Jahren schreibe ich Artikel für die Frankfurter Rundschau, 20 Jahre vor 2000 und 20 Jahre danach. Es gab tiefe Einschnitte und Veränderungen in diesen Jahrzehnten: die wirtschaftlichen Höhe- und Tiefpunkte, die Digitalisierung der Informations- und Meinungsbranche und den Kampf des Journalismus um Glaubwürdigkeit. Vieles davon hat sich im neuen Jahrtausend entwickelt.

Mit Helm auf Recherchereise zur nachhaltigen Forstwirtschaft im Amazonasgebiet, Brasilien, 1997. 

Als Journalist kennt man das Gefühl, am Puls der Zeit zu sein. Es geht zwar nicht zu wie in Hollywood-Filmen, in denen Reporter immer finsteren Machenschaften auf den Grund gehen. Dazu prägt der hohe und weiter wachsende Produktionsdruck viel zu sehr den journalistischen Alltag. Trotzdem: Häufiger als Menschen in anderen Berufen ist man als Journalist beruflich mit genau den Themen befasst, die die Welt umtreiben, und begegnet den Personen, um die es geht. Gerade in diesen aufwühlenden Tagen ist das so, nach dem Terror von Hanau.

Es gibt aber auch die anderen Momente, in denen das Wichtige weit weg scheint. Wie im September 2001.

Ich war sehr froh, dass ich am übernächsten Tag dienstlich zur U-Bahn-Station Alexanderplatz fahren konnte, um die Menschen während der Schweigeminute zu beobachten – und darüber zu schreiben. Die Züge hielten an und es wurde tatsächlich geschwiegen. Ich hatte mich in den Tagen davor abgeschnitten gefühlt vom Puls der Zeit, so sehr war ich es gewohnt, mittendrin zu sein und vor allem: darüber zu berichten. Es kann erleichternd sein, auch jetzt nach Hanau, wenigstens an politischen Debatten beteiligt zu sein, wenigstens die Solidarität Gleichgesinnter zu beschreiben und zu fördern, wenn sich schon die dramatischen Entwicklungen des Rechtsextremismus und Rassismus nicht verhindern ließen.

Ich hatte dieses Gefühl schon früh gespürt in diesem Beruf, mich am Puls der Zeit zu befinden. Zu Beginn der 1980er Jahre etwa, als sich die Partei der Grünen aus der Umweltbewegung heraus entwickelte, und ich über die Gründung einer Ortsgruppe im Frankfurter Stadtteil Rödelheim berichtete. Oder 1991, während des Golfkriegs eines US-geführten Militärbündnisses gegen den Irak. Ich arbeitete seinerzeit, zehn Jahre nach meinen Anfängen als freier Mitarbeiter, als Volontär in der Nachrichtenredaktion der FR.

Das war damals, in den wirtschaftlich guten Zeiten des Zeitungsjournalismus, eine Redaktion von sage und schreibe 15 Journalistinnen und Journalisten, die in einem Großraumbüro mit Blick auf den Eschenheimer Turm in Frankfurt den Nachrichtenfluss verfolgten. Dabei waren die sechs Kolleginnen und Kollegen aus der Politikredaktion noch nicht mitgezählt, die Einzelbüros hatten und für politische Kommentare und Reportagen zuständig waren.

Wir erledigten unsere Arbeit mit einer Sorgfalt, als hinge das Wohl und Wehe der Welt davon ab. Nicht dass Saddam Hussein oder George Bush auf uns gehört hätten. Aber nicht nur in Frankfurt, auch in der Bundeshauptstadt Bonn, in Wiesbaden, Hamburg oder Berlin zählte die Stimme der Rundschau tatsächlich viel.

Während die Bildzeitung den „Irren von Bagdad“ geißelte, versuchten wir die Hintergründe auszuleuchten. Täglich warnten wir die Leserinnen und Leser zugleich an prominenter Stelle, dass eine Wahrheit zu Kriegszeiten nicht wirklich herauszufinden sei, weil die Informationen vom Militär zensiert würden.

Ich begleitete die Schülerinnen und Schüler, die Studierenden, die sich zu einer neuen Friedensbewegung formierten. Das Aufbegehren der Jungen gegen den Krieg fühlte sich etwa so an wie heute der Aufbruch der Jungen für den Klimaschutz. Auch damals gehörte „Schwänzen für den Frieden“ dazu, wie ich in meiner Reportage von den Anti-Kriegs-Protesten im Februar 1991 berichtete.

Als Journalisten haben wir Einblick in die Lebenswelt vieler unterschiedlicher Menschen. Wir lernen Lebensentwürfe und Arbeitswelten, Hobbies und Spleens, Engagement und Sorgen kennen, von denen wir nichts ahnten.

Diese faszinierende Erfahrung hat meine journalistische Tätigkeit von Anfang an begleitet, ebenso wie die Arbeit anderer junger Journalistinnen und Journalisten, die beim früheren FR-Stadtteilredakteur Adolf Karber ihr Handwerk gelernt haben. Ich habe über verfolgte Flüchtlinge geschrieben und über einen Wettbewerb im Zigarren-Langsamrauchen, über Kriegsdienstverweigerer und Freunde der Modelleisenbahn, über Kleingärtner, Fastnachter und über den Triumphzug der Fußball-Weltmeister von 1990 auf dem Römerberg.

Scan aus der FR: Mit Daniel Cohn-Bendit (links) und Volker Bouffier.

Dieser Einblick in all das, was für Menschen Bedeutung besitzt, relativiert die eigene Weltsicht und schärft den Blick für die gesellschaftliche Vielfalt. Das gilt schon für meine ersten Artikel, die im Februar 1980 in der FR erschienen. Sie beschäftigten sich mit Frankfurter Seglern – ich hatte nicht geahnt, dass sie sich so fern der Küsten organisieren – und mit einer Vielseitigkeitsprüfung für junge Reiter („Die Reiter müssen auch schwimmen und laufen“). Was für eigene Welten!

Ich war 18 Jahre alt und tippte die Artikel auf einer eigens angeschafften gelben Reiseschreibmaschine der Marke „Brother“. Wenn ich mich vertippt hatte oder mir ein besserer Anfang einfiel, musste die falsche Passage mit einer weißen Substanz namens Tipp-Ex gelöscht werden.

Ich brachte das Manuskript in die Redaktion, wo ein Redakteur es redigierte, also darauf und darüber und daneben schrieb und Korrekturzeichen anbrachte, bevor das Blatt zum Korrektor weitergeleitet wurde und zum Setzer, der die Lettern in Blei goss. Es wäre uns so unrealistisch wie Science Fiction vorgekommen, einen Artikel von unterwegs direkt auf die Zeitungsseite zu schreiben. Aber zumindest diese Fiktion ist Wirklichkeit geworden.

Es zählt zu den wichtigsten Aufgaben des Journalismus, denjenigen Gehör zu verschaffen, deren berechtigte Anliegen sonst nicht gehört werden. Demonstranten gegen den Krieg, Flüchtlingen, die von Abschiebung bedroht sind, Opfern sexuellen Missbrauchs, den lebenslang leidenden Insassen brutal geführter Kinderheime oder den Opfern von Polizei-Übergriffen. Sie verfügen in der Regel nicht über Pressestellen.

Pitt von Bebenburg (Mitte) mit dem ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (helles Hemd) und seinem Sprecher Dirk Metz 2007.

So konnte ich – mit Kolleginnen und Kollegen, denn meistens ist Journalismus Teamwork – an die zahlreichen Todesopfer rechter Gewalt erinnern, vor 20 Jahren bereits, als sich die Öffentlichkeit mehr mit der Befindlichkeit der jugendlichen Neonazis befasste. Ich konnte – gemeinsam mit Opfern und einem Grünen-Landtagsabgeordneten – nachdrücklich an die Verpflichtung der Odenwaldschule erinnern, sich endlich dem sexuellen Missbrauch in ihrer Vergangenheit zu stellen. Ich konnte die Öffentlichkeit und die Politik dazu bewegen, sich intensiv mit dem Schicksal von vier ehemaligen Steuerfahndern zu befassen, die mit Hilfe falscher psychiatrischer Gutachten aus dem Amt gemobbt worden waren. Ich konnte erwirken, dass der Hessische Landtag Heimkindern in einer Anhörung sein Ohr lieh, an denen Medikamente getestet und Operationen mit fürchterlichen Folgen vorgenommen worden waren.

Doch ich warne auch davor, die alltägliche Berichterstattung aus Parteien und Parlamenten zu unterschätzen. Anders als in kurzen Tweets oder Instagram-Fotos kann es in Zeitungsartikeln gelingen, Hintergründe politischer Entscheidungen zu erklären und auf Widersprüche hinzuweisen. Auch wenn es abgedroschen klingt: Nur gut und kritisch informierte Menschen können beurteilen, welche Kräfte in den Parlamenten und Regierungen ihre Auffassungen richtig vertreten. Kritische Information bildet damit ein Bollwerk gegen populistische Parolen. Es geht um nicht weniger als um das Funktionieren der Demokratie.

Ich finde es bemerkenswert, dass auch 20 Jahre nach dem Einzug der technologischen Revolution noch immer die traditionellen Medien die zentralen Ansprechpartner sind, für Initiativen wie für Politiker. Die Krise der Zeitungen bedeutet daher nicht nur einen technischen, sondern auch einen politischen Umbruch. Es ist die Aufgabe von uns Journalisten, ihn so zu gestalten, dass sorgfältig recherchierte, treffend zusammengefasste Nachrichten weiterhin verfügbar sind – und genutzt werden.

Weniger denn je kommt es dabei auf einen besserwisserischen Habitus in den Redaktionen an. Journalisten sind Beobachterinnen und Beobachter, sie sind Auge und Ohr ihrer Leserschaft. Wenn sie durch eine Recherche klüger werden und Vorurteile über Bord werfen, sollten sie die Leserinnen und Leser daran teilhaben lassen.

So wie in meinem Interview mit der iranischen Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, das am 10. Mai 2012 in der FR erschien. Die erste Frage, ob Iran wegen seines Atomprogramms eine Gefahr für die Welt sei, gab sie mir gleich zurück. „Was glauben Sie?“ Ich bejahte, worauf sie mich fragte, ob ich auch Angst vor Frankreich habe. „Nein“, antwortete ich. Und sie: „Warum nicht? Ich sage Ihnen warum.“ Und dann erläuterte Shirin Ebadi mir und den FR-Lesern, dass es um den Mangel an demokratischer Kontrolle in Iran und Pakistan gehe und die Atomdiskussion nur die Oberfläche berühre.

Es gibt einige faszinierende Menschen, die ich durch meine journalistische Arbeit kennenlernen durfte, Persönlichkeiten wie Shirin Ebadi, wie die türkische Menschenrechtsaktivistin Sebnem Korur Fincanci, wie den Dalai Lama, wie – in früheren Jahren – den Soziologen Ulrich Beck und den Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter, auch prägende Politiker wie Joschka Fischer, Gregor Gysi, Daniel Cohn-Bendit, Roland Koch, Malu Dreyer oder Angela Merkel.

Doch höchstens Merkels Name passt zu dem Promi-Klischee, das mit Journalismus verbunden wird. Als ich vor Jahren vor Jugendlichen über meine Tätigkeit sprach, fragte mich ein Mädchen: „Trifft man da Promis?“ Sie hatte verstanden, dass man sich als Journalist am Puls der Zeit fühlen kann. Aber sie meinte damit etwas ganz anderes als das, was ich auch nach 40 Jahren bei der FR noch am Journalismus schätze.

Es hätte sie auch nicht beeindruckt, dass ich Ahmet Altan kenne, einen in der Türkei prominenten Autor. Wobei ich Altan meinen Freund nenne, obwohl wir uns nur in Briefen begegnet sind. Denn Ahmet, der am Montag 70 Jahre alt wird, sitzt seit mehr als drei Jahren im Gefängnis, inhaftiert wegen seiner politischen Einschätzung, dass das Erdogan-Regime nicht für immer an der Macht bleiben werde. Ich bin mit ihm seit 2017 verbunden, als die FR Solidaritäts-Patenschaften für inhaftierte türkische Journalisten übernahm.

Diese Patenschaft soll nicht nur ihn ermuntern, die ungerechte Haft zu überstehen. Sie ist auch für unsere Zeitung wichtig und für mich. Als lebendige Mahnung, welche unschätzbare Bedeutung ein freier Journalismus besitzt – in Zeiten, da in westlichen Demokratien eine Geringschätzung der journalistischen Arbeit Raum greift.

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