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Public-Viewing zur WM: Kein Bock auf Katar

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Von: Stefan Brändle

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Partystimmung in Bordeaux? Nicht bei der Fußball-WM 2022 in Katar.
Partystimmung in Bordeaux? Nicht bei der Fußball-WM 2022 in Katar. © Imago Images

„Absurdes“ Turnier: Französische Städte verzichten auf Fanzonen und Public Viewing während der Fußball-WM in Katar.

Spielerstars wie Kylian Mbappe oder Karim Benzema müssen sich auf eine mäßige Begeisterung ihrer Fans einstellen. Anderthalb Monate vor der Fußball-WM spricht in Frankreich niemand davon, dass die „Bleus“ in Katar einen dritten Weltmeisterstertitel anstreben. Diskutiert wird vielmehr, ob sich Fans nicht zu Helfershelfern einer umstrittenen Veranstaltung machen, wenn sie die Turnierspiele mitverfolgen.

Der Bürgermeister der Weinstadt Bordeaux, Pierre Hurmic, erklärte, er würde sich als „Komplize“ einer Veranstaltung fühlen, die „voller humanitärer, ökologischer und sportlicher Absurdität“ stecke. Daher verzichte Bordeaux auf Public Viewing in ausgewiesenen Fanzonen und auf Begleitveranstaltungen.

Gegenstimmen sind rar

Vergangene Woche hatte auch die Stadt Straßburg bekanntgegeben, man werde während des Turniers keine Großleinwände aufstellen. Der Bau von sieben Stadien in Katars Hauptstadt Doha, die bei der Leichtathletik-WM nicht einmal ausverkauft waren, sei widersinnig. Straßburgs grüne Bürgermeisterin Jeanne Barseghian verwies auf die ungeklärten tödlichen Arbeitsunfälle asiatischer Immigranten. Der liberale Bürgermeister der Champagnerstadt Reims, Arnaud Robinet, begründet seine Absage an Public Viewing mit der klimaschädlichen Kühlung ganzer Stadien.

Diese Woche haben sich auch die beiden größten französischen Städte angeschlossen. Die Metropole Marseille will einem Turnier, das in jeder Hinsicht eine „Katastrophe“ sei, keinen Vorschub leisten. Gleicher Meinung ist man im Pariser Rathaus, vor dem schon Zehntausende die Spiele der „Bleus“ mitverfolgt und gefeiert hatten. Die linke Bürgermeisterin Anne Hidalgo verwies auf das schwere Los der Stadtionarbeiter und fügte an, im Dezember sei es ohnehin zu kalt für eine Fanzone. Mittlerweile haben sich auch Provinzstädte wie Rodez der Boykottwelle angeschlossen.

Gegenstimmen sind selten. Einzelne Fußballfans verwiesen am Dienstag auf den Umstand, dass der Mannschaftsbus des Klubs Paris-Saint-Germain zu einem Champions League-Spiel in Portugal 2000 Kilometer leer gefahren sei – um das Team vom Flughafen ins Hotel und ins Stadion zu bringen. Das sei ökologisch auch nicht vorbildlich.

Der Publizist Nabil Ennasri, Autor eines Buches über „das Rätsel Katar“, hält die Absagen der Städte für „heuchlerisch“. Frankreich habe Katar zu einem strategischen Partner in der Golfregion erklärt und dem Scheichtum Kampfjets gegen Öllieferungen verkauft. Während der Turnierdauer zu „schmollen“ und die Geschäfte dann wieder aufzunehmen, sei politisch nicht kohärent. Präsident Emmanuel Macron hat sich bisher nicht zur Protestwelle geäußert.

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