Studie

Psychologische Hilfe für Kinder nach Unglücken ausbaufähig

Amokläufe, Schulbusunfälle, Unwetter: Wenn Kinder ein Unglück oder eine Katastrophe erleben, verarbeiten sie das anders als Erwachsene - oft brauchen sie besondere Hife. Eine Studie zeigt nun: Vieles in Deutschland funktioniert dabei schon sehr gut. Aber noch nicht alles.

Die psychologische Betreuung von Kindern nach Unglücken und Katastrophen ist einer neuen Studie zufolge in Deutschland an vielen Stellen noch ausbaufähig. "Wir haben ein tolles Versorgungssystem. Und trotzdem ist in vielen, vielen Details doch noch definitiv Luft nach oben", sagte Wissenschaftler Harald Karutz am Dienstag in Bonn. Er stellte die Ergebnisse des Forschungsprojekts "Kind und Katastrophe" (KiKat) vor, das die sogenannte Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) in Deutschland untersucht hat.

Die Forscher von der MSH Medical School Hamburg stellten dabei unter anderem eine "Betreuungslücke" fest, wenn Kinder nach einem Unglück oder anderen schlimmen Ereignissen - etwa einem Schulbusunfall oder auch einem Amoklauf - eine anschließende Traumatherapie benötigen. Es gebe zu wenige Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Deutschland. Die durchschnittliche Wartezeit bis zum Beginn einer Therapie betrage vier Monate. "Das ist natürlich ein zu langer Zeitraum", sagte Karutz. Auch wenn nicht jedes Kind eine Therapie benötige.

In der Wartezeit bis zu einer Therapie erhalten Familien häufig nicht einmal Kontakt zu einem Therapeuten. Kinder mit belastenden Erfahrungen seien in dieser Phase zumindest von professioneller Seite aus "unversorgt". Zusammengefasst heißt es in der Studie: "Die traumatherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen nach komplexen Gefahren- und Schadenslagen ist bundesweit unzureichend. Hier besteht Optimierungsbedarf." Eine Empfehlung lautet, mehr Therapeutenplätze zu schaffen.

Wie Karutz erklärte, erleben Kinder Unglücke anders als Erwachsene. Sie hätten keine Vorerfahrungen und seien "verletzlicher". In der Folge können sich beispielsweise Schlaf- und Konzentrationsstörungen entwickeln. Auch Schwierigkeiten in der Schule oder in der Familie können auftreten, wenn Kinder an Katastrophen und Unglücken beteiligt waren oder Zeugen wurden.

Der Studie zufolge passiert das gar nicht so selten. Die Forscher fanden seit 2010 mehr als 350 entsprechende Ereignisse - darunter Amokläufe, Brände, Blitzeinschläge. Unfälle machten den größten Teil aus: "Im Durchschnitt ereignet sich rund einmal pro Monat in Deutschland ein schwerer Schulbusunfall." Zudem sprachen die Forscher auch mit einigen Betroffenen, etwa des Amoklaufs von München im Juli 2016. Sie berichteten von Panikgefühlen und starker Angst. In der Zeit danach litt ein Großteil unter belastenden Erinnerungen.

Abgesehen von den Therapieplätzen stellten die Forscher auch in anderen Bereichen - etwa der Ausbildung von Einsatzkräften - etwas Nachholbedarf fest. Insgesamt seien die "Grundstrukturen" bei der psychosozialen Notfallversorgung aber vorhanden. Und es werde bereits gute Arbeit geleistet. Gefördert wurde das Projekt vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). (dpa)

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