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Polizeigewalt in den USA

Prozess um George Floyd: Verteidigung von angeklagtem Polizisten gerät ins Wanken

  • vonMirko Schmid
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Im Prozess gegen Derek Chauvin, dem die Schuld am Tod von George Floyd vorgeworfen wird, konzentriert sich die Verteidigung auf drei wacklige Theorien.

Minneapolis - Der Prozess gegen den ehemaligen Polizisten Derek Chauvin, dem vorgeworfen wird, den Tod von George Floyd gewaltsam verursacht zu haben, geht auf die Zielgeraden. Im Zentrum der Strategie seiner Verteidigung stehen dabei drei Theorien, mit denen die Anwälte versuchen, Chauvin zu entlasten. Sollte es ihnen nicht gelingen, die Jury von einer Unschuld Chauvins zu überzeugen, droht dem 45-Jährigen eine langjährige Haftstrafe.

Um das zu verhindern, führt das Verteidigerteam um Eric Nelson die Theorien der „anderen Ursachen“, der „Unattraktivität der Gewalt“ und der „feindlichen Menge“ ins Feld. Zentral ist dabei die erste der Theorien, der zufolge der Tod von George Floyd nicht ursächlich durch die von Derek Chauvin angewendete Fixierung verursacht worden sein soll.

Verteidigung von Derek Chauvin sieht Schuld am Tod von George Floyd in dessen Drogenkonsum

Eric Nelsons Team beruft sich dabei auf Zeugenaussagen, Obduktionsergebnisse und am Tatort gefundene Beweise. Im Auto, das George Floyd gefahren hatte, wurden gemäß der Spurensicherung der Polizei von Minneapolis „mehrere weiße Pillen“ gefunden - Laboruntersuchungen ergaben die Wirkstoffe Fentanyl und Methamphetamin. Das Opiod Fentanyl wird zur Behandlung chronischer Schmerzen eingesetzt, auch Methamphetamin hat eine schmerzstillende Wirkung.

Demonstration für George Floyd in Minneapolis: Die Teilnehmenden fordern eine Verurteilung von Derek Chauvin.

Courteney Ross, frühere Lebensgefährtin von George Floyd, hatte im Verlauf des Prozesses ausgesagt, dass Floyd chronische Rückenschmerzen gehabt habe und später von den Schmerzmitteln abhängig geworden sei. Die Obduktion Floyds deckt sich mit dieser Aussage. Der medizinische Sachverständige des Hennepin County, Dr. Andrew Baker, gab vor Gericht zu Protokoll, dass der Fentanylspiegel in Floyds Blut um rund 11 Nanogramm pro Milliliter höher gelegen habe, als in „einigen Fällen der Überdosierung“. Dies kann als Zeichen für regelmäßigen Konsum gewertet werden.

George Floyd: Medizinische Sachverständige widersprechen Verteidigung von Derek Chauvin

Dennoch widersprach Dr. Baker Anwalt Nelsons Verteidigungsstrategie, wonach nicht etwa Derek Chauvins minutenlange Fixierung für den Tod von George Floyd ursächlich gewesen wäre. Der Anwalt hatte in seinem Eröffnungsstatement eine Herzrhythmusstörung infolge von Bluthochdruck, Drogenkonsum und einer Coronaerkrankung als Todesursache Floyds angeführt. Zwar sei Floyds angegriffene körperliche Konstitution mit ursächlich für dessen Tod gewesen, die Hauptursache sieht der medizinische Sachverständige allerdings in der „subualen Gewaltanwendung durch die Strafverfolgung“ sowie einer „Kompression des Nackens“ Floyds. Übersetzt: Dr. Andrew Baker bestätigt die Schuld von Derek Chauvin an George Floyds Tod.

Unterstützung erfährt Dr. Baker vom renommierten Lungenarzt Dr. Martin Tobin, der forensischen Pathologin Dr. Lindsey Thomas und Dr. Bill Smock, Chirurg für das Louisville Metro Police Department. Einhellig sagten die Sachverständigen vor Gericht aus, dass George Floyd aufgrund der Fixierung durch Derek Chauvin und einer damit einhergehenden Asphyxie aufgrund von Sauerstoffmangel gestorben sei. Dafür sprächen die im Video sichtbaren Bilder, die Autopsie und alle einschlägigen Befunde. Ursächlich für Floyds Versterben sei ein Herz- und Lungenstillstand. Die Medikamentenabhängigkeit Floyds sei für diesen nicht grundlegend, vielmehr habe diese zu einer erhöhten Toleranz gegenüber höheren Dosen der Arzneimittel geführt.

Verteidigung von Derek Chauvin argumentiert mit „Unattraktivität der Gewalt“ gegen George Floyd

Die zweite Theorie der Verteidigung um Eric Nelson thematisiert die „Unattraktivität der Gewalt“. Derek Chauvin, so das Narrativ, sei das Opfer einer der Exekutive kritisch eingestellten gesellschaftlichen Strömung, welche polizeiliche Gewaltausübung generell verurteile. Die Anwälte argumentieren, dass Chauvins Fixierung auf den Videobildern zwar „schrecklich“ ausgesehen habe, jedoch ein „notwendiger Teil der Polizeiarbeit“ sei. In seinem Eröffnungsstatement sagte Nelson gegenüber der Jury, dass diese „erfahren werde, dass Derek Chauvin genau das getan hat, wozu er im Laufe seiner 19-jährigen Karriere ausgebildet wurde.“

NameGeorge Perry Floyd Jr.
Geboren14. Oktober 1973
Verstorben25. Mai 2020

Auch dieser These widersprechen Sachverständige. Johnny Mercil, ein Ausbilder für Gewaltanwendung bei der Polizei in Minneapolis, erklärte zwar, dass die „Verwendung des Körpergewichts zur Kontrolle“ eine polizeiübliche Vorgehensweise sei. Allerdings würden Beamte darauf trainiert, lediglich die Schulterblätter zu fixieren, bis dem Tatverdächtigen Handschellen angelegt würden. Für Chauvins Anwendung der Fixierung zeigte Mercil vor Gericht kein Verständnis: „Ich möchte jedoch hinzufügen, dass wir den Beamten sagen, dass sie sich nach Möglichkeit vom Hals fernhalten sollen.“

Der Polizeiausbilder betonte, dass die Fixierung in dem Moment enden müsse, indem der Festgenommene unter Kontrolle sei. George Floyd lag minutenlang mit dem Gesicht zu Boden und mit per Handschellen auf den Rücken fixierten Händen, womit diese Kontrolle gewährleistet gewesen sei. Das unterstrich auch Medaria Arradondo, Chef der Polizei von Minneapolis. Die Fixierung durch Derek Chauvin enstpräche „in keinster Weise unseren Standards. Das ist kein Teil unseres Trainings und es ist mit Sicherheit kein Bestandteil unserer Dienstethik oder unserer Werte.“

George Floyd: Verteidigung von Derek Chauvin wirft Augenzeugen „feindliche Ablenkung“ vor

Die dritte Theorie der Verteidigung behauptet eine Einflussnahme einer „feindlichen Menge“. Dieser Theorie zufolge sollen die Augenzeug:innen, die Derek Chauvin wiederholt dazu aufforderten, von George Floyd abzulassen und ihn atmen zu lassen, die Polizisten beeinflusst haben. Eric Nelson und sein Team argumentieren, dass die Aufforderungen aus der Menge von Chauvin als „potenzielle Bedrohungen“ und „Ablenkung“ wahrgenommen wurden. Nelson wörtlich: „Die schrien die Polizisten an, lenkten deren Aufmerksamkeit weg von der Sorge für Herrn Floyd und hin zu einer Bedrohung, welche direkt vor ihnen heraufbeschworen wurde.“

Diese Argumentation könnte noch eine prominente Rolle spielen. Denn sollte Chauvin respektive seine Verteidigung glaubhaft nachweisen können, dass die Polizisten abgelenkt wurden, könnte dies zur Entkräftung des Vorwurfes des Mordes dritten Grades (ähnlich des in Deutschland als „Fahrlässige Tötung“ geführten Tatbestandes) sowie des Mordes zweiten Grades - also eines bewusst in Kauf genommenen Todschlages - führen. Als vermeintlichen Beweis führt Nelson an, dass mehrere Augenzeug:innen in ihren Kreuzverhören vor Gericht auf seine Nachfragen eingestanden hätten, „wütend“ gewesen zu sein.

Zeugenaussagen widersprechen der Verteidigung von Derek Chauvin im Prozess um George Floyd

Doch genau jene Zeug:innen, die Nelson als Testimonials für seine Theorie anführt, betonten, dass sie nicht wütend gewesen seien. Donald Williams II, ein ausgebildeter Kampfsportler sowie die Feuerwehrfrau Genevieve Hansen, am Tattag nicht im Dienst und als Privatperson vor Ort, widersprachen vor Gericht der Darstellung, Teil einer wütenden Menge gewesen zu sein. Hansen sagte, sie sei zwar verzweifelt und verärgert gewesen, nicht aber wütend. Williams betonte, „professionell und in seiner Haut geblieben“ zu sein. Das Gericht wolle sich gar nicht „ausmalen“, wie er sich verhalten hätte, wäre er wütend gewesen.

Nicole Mackenzie, Koordinatorin für medizinische Unterstützung der Polizei in Minneapolis, hingegen ließ eine Unterstützung der Theorie der Verteidigung von Derek Chauvin durchscheinen. Vor Gericht sagte Mackenzie aus: „Wenn Sie sich in Ihrer Nähe nicht sicher fühlen und nicht über genügend Ressourcen verfügen, ist es sehr schwierig, sich auf das zu konzentrieren, was vor Ihnen liegt.“

George Floyd: Polizeichef von Minneapolis widerspricht Verteidigung von Derek Chauvin

Die Staatsanwaltschaft versucht diese Theorie mit weiteren Zeugenaussagen zu widerlegen. Drei Highschool-Schülerinnen, ein 9-jähriges Mädchen und ein 61-jähriger Mann hatten unisono ausgesagt, dass von der Gruppe der Umstehenden, der auch sie alle angehörten, keinerlei Aggressivität ausging. Vielmehr habe sich die Menge durch die Polizisten bedroht gefühlt. Einer der Teenager nannte deren Verhalten „wirklich feindselig“ und verwies darauf, dass Derek Chauvin sowie sein damaliger Kollege Tou Thao ihre Hände an ihre Dienstwaffen gelegt hatten.

Auch Jody Stilger, Sergeant des Los Angeles Police Department und Experte für Gewaltanwendung, sagte vor Gericht aus, dass er nicht glaube, dass Chauvin abgelenkt gewesen sei. Ein reines Filmen einer Verhaftung stelle keine Bedrohung dar. Außerdem habe Chauvin direkt auf George Floyd reagiert, als dieser „sein Unbehagen und seinen Schmerz“ ausgedrückt habe, was auf den Aufnahmen der Körperkamera Chauvins deutlich erkennbar sei. (Mirko Schmid)

Rubriklistenbild: © Henry Pan via www.imago-images.de

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