Zu Tode misshandelter Junge

Prozess um Kevins Amtsvormund wird eingestellt

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Der Strafprozess gegen den Amtsvormund des zu Tode misshandelten Kevin wird wegen geringfügiger Schuld eingestellt. Als Auflage solle der 67-jährige Angeklagte 5000 Euro an eine Kinderschutzeinrichtung zahlen.

Der Strafprozess gegen den Amtsvormund des zu Tode misshandelten Kevin wird wegen geringfügiger Schuld eingestellt. Darauf haben sich das Landgericht Bremen, die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung am Mittwoch grundsätzlich geeinigt. Als Auflage solle der 67-jährige Angeklagte 5000 Euro an eine Kinderschutzeinrichtung zahlen, schlug die Vorsitzende Richterin Barbara Lätzel vor. Bis kommenden Dienstag sollen die Beteiligten erklären, ob sie mit dieser Geldbuße einverstanden sind. Der Verteidiger signalisierte vor Journalisten sofort seine Zustimmung, die Staatsanwaltschaft äußerte sich noch nicht.

Der zweijährige Kevin war 2006 von seinem Ziehvater zu Tode misshandelt worden. Daraufhin wurde der inzwischen pensionierte Amtsvormund wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen angeklagt, weil er nicht rechtzeitig für eine räumliche Trennung Kevins von seinem drogensüchtigen und gewalttätigen Ziehvater gesorgt habe. Als das Kind im Oktober 2006 doch ins Heim gebracht werden sollte, fanden Polizisten seine stark verweste Leiche im Kühlschrank des Ziehvaters.

Nach Auffassung des Landgerichts könnte das Verfahren gegen den Amtsvormund zwar nicht mit einem „glasklaren Freispruch“ enden, aber eingestellt werden, da er damals unter starker Arbeitsbelastung gestanden habe und deshalb nur geringe persönliche Schuld trage.

Ein Sachverständiger, der inzwischen pensionierte Sozialpädagogikprofessor Jürgen Blandow, bestätigte am Mittwoch, dass jeder Bremer Amtsvormund damals für durchschnittlich 240 Kinder zuständig gewesen sei und sich praktisch nur zwei Minuten pro Woche um die Einzelfälle kümmern konnte, meist nur nach Aktenlage. Das sei bundesweit die wohl höchste Belastung gewesen.

Die Sozialpolitik des damaligen SPD-CDU-Senats sei auf die „Deckelung von Kosten“ ausgerichtet gewesen, meinte der Sachverständige weiter. Überlastungsanzeigen der Behördenmitarbeiter seien „teilweise unbeantwortet geblieben“. Erst nach Kevins Tod sei das Personal schrittweise um ein Drittel aufgestockt worden. Heute müsse sich jeder Amtsvormund noch um etwa 100 Mündel kümmern; angemessen wären 50 bis 60.

Der hauptsächlich für Kevin verantwortliche Fallmanager der Jugendbehörde musste erst gar nicht vor Gericht erscheinen: Das Verfahren gegen ihn wurde wegen dauerhafter schwerer Krankheit eingestellt. Der inzwischen 45-jährige Ziehvater war bereits 2008 zu zehn Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt worden. Außerdem wies das Landgericht ihn in eine Entziehungsanstalt ein.

Gegenüber Journalisten begrüßte der Verteidiger des Amtsvormunds die geplante Verfahrenseinstellung. Sein Mandant sei „sehr glücklich“. Bisher habe er als schwächstes Glied „seinen Kopf hingehalten für die Versäumnisse einer ganzen Behörde“. Wenn sich die Prozessbeteiligten bis zum 17. August über die Höhe der Geldbuße und den Empfänger geeinigt haben, will das Gericht am 25. August offiziell die Einstellung des Verfahrens verkünden. Die Prozesskosten einschließlich der Gebühren des Pflichtverteidigers müsste der Staat tragen. Ursprünglich sollte der im Juni begonnene Prozess mindestens bis zum Jahresende dauern.

Am ersten Verhandlungstag hatte der Pensionär deutlich gemacht, wie stark ihn Kevins Schicksal noch heute bewege. Seither sei „kein Tag vergangen“, an dem er nicht an den Jungen und an seine eigene Verantwortung gedacht habe. Er sei aber nur einer von mehreren Beteiligten jenes Geschehens gewesen, das „in der Katastrophe geendet“ habe. „Warum sind wir Amtsvormünder damals im Stich gelassen worden mit dem Übermaß unserer Belastung und unserer Verantwortung?“, fragte er.

Nach dem Fund von Kevins Leiche im Oktober 2006 trat Bremens Jugend- und Sozialsenatorin Karin Röpke (SPD) umgehend zurück. Der Jugendamtsleiter wurde abgelöst. Gegen den Amtsvormund wurde neben dem Straf- auch ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Der Fallmanager sollte fristlos gekündigt werden, was aber an formalen Problemen scheiterte; zurzeit ist er bei voller Bezahlung beurlaubt.

Ein Untersuchungsausschuss der Bremischen Bürgerschaft stellte 2007 nach den Worten seines Vorsitzenden fest: „Kevin könnte heute noch leben, wenn man gehandelt hätte.“ Neben persönlichem Fehlverhalten seien dafür aber auch „strukturelle Mängel“ verantwortlich.

Als Konsequenz wurde nicht nur das Behördenpersonal aufgestockt, sondern auch ein Kindernotruf-Telefon eingerichtet, bei dem inzwischen 2000 Anrufe pro Jahr eingehen. Außerdem plant die rot-grüne Bremer Koalition, eine Obduktionspflicht bei allen ungeklärten Kindertodesfällen einzuführen.

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