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Svetoslav S. im Gerichtssaal.

Berlin

Prozess gegen U-Bahn-Treter wird vertagt

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Aus dem Nichts trat ein Mann in Berlin einer Frau in den Rücken, sie stürzte eine Treppe zur U-Bahn hinunter. Jetzt steht der mutmaßliche Täter vor Gericht.

Das Interesse an diesem Prozess ist enorm. Allein acht Fernsehteams sind erschienen, sie drängeln sich im Saal 500 des Landgerichts vor dem kugelsicheren Glas, hinter dem der Angeklagte sitzt: Svetoslav S. ist ein großer Mann mit pockennarbigem Gesicht und einer sichtbaren Narbe auf dem Kopf.

Neben dem 28-Jährigen sitzt eine Dolmetscherin, die ihm das Geschehen auf Türkisch übersetzt. Im Publikum haben Verwandte des Angeklagten Platz genommen, darunter die Schwester. Das große Interesse an Svetoslav S. hat vor allem mit einem Video zu tun, das eine furchtbare Tat zeigt, einen Akt der Willkür und Brutalität, vor dem wohl niemand gefeit ist. Das Prominente dazu bewogen hat, ein Kopfgeld auf den Täter auszuloben.

Das Video aus einer Überwachungskamera der BVG zeigt, wie in der Nacht zum 27. Oktober des vergangenen Jahres ein Mann hinter einer Frau ein paar Stufen zum U-Bahnsteig des Bahnhofs Hermannstraße in Neukölln hinuntereilt. Dann tritt er der arglosen Frau mit dem rechten Fuß wuchtig in den Rücken und verschwindet. Opfer brach sich Arm Die 26-Jährige stürzt die Betonstufen hinunter. Sie bricht sich einen Arm. Es grenzt an ein Wunder, dass ihr nichts Schlimmeres geschehen ist.

Verteidiger stellen Befangenheitsantrag

Svetoslav S. soll der brutale Mann aus dem Video sein, der, mit einem Bier in der einen, und einer Zigarette in der anderen Hand, die Frau hinuntergetreten hat. Er muss sich hier nun unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Doch bevor die Staatsanwältin Sabine Eppert überhaupt die Anklage verlesen kann, ist der erste Prozesstag auch schon zu Ende, und es ist unklar, ob das Verfahren nicht noch einmal völlig von vorn beginnen muss.

Die beiden Verteidiger des Angeklagten haben einen Befangenheitsantrag gegen eine Schöffin gestellt, der durchaus das Zeug dazu hat, positiv beschieden zu werden. Die nunmehr als Schöffin mit am Richtertisch sitzende Frau hatte sich vor Jahren in Leserbriefen im Tagesspiegel abfällig über „minderjährige migrationshintergründige Kriminelle“ geäußert und den Behörden – also auch Richtern und Staatsanwälten – Inkompetenz vorgeworfen.

Svetoslav S. ist Ausländer, er stammt aus Bulgarien. Damit, so die Verteidigerin Monika Brüning, habe die Schöffin gezeigt, dass sie dem Angeklagten nicht mehr unvoreingenommen gegenübersitzen könne. Sie habe zudem behauptet, das Problem besser in den Griff bekommen zu können, als Berufsrichter. Der Fall hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Zum einen wegen der brutalen Vorgehensweise eines Mannes, der eine ihm offenbar völlig fremde Frau mit sinnloser Gewalt von hinten attackierte. Zum anderen, weil die ermittelnden Behörden erst sieben Wochen nach der Tat das Video veröffentlichte, um den Täter ermitteln zu können. Gerade in der Öffentlichkeit wurde dies als viel zu spät diskutiert.

Auch wurde die Debatte um eine verstärkte Videoüberwachung angeheizt. Die Fahnder müssten erst alle anderen Fahndungsmaßnahmen ausschöpfen, um den Täter zu ermitteln, bevor sie mit Bildern aus einer Überwachungskamera an die Öffentlichkeit gehen können, erklärt die Gerichtssprecherin Lisa Jani nach dem kurzen Prozess.

„Anders ist es natürlich, wenn man davon ausgehen muss, dass der Täter gleich noch einmal eine solche Tat begeht“, sagt Jani. Christina Schwarzer ist CDU-Bundestagsabgeordnete aus Neukölln, und hat sich den Prozessauftakt angeschaut. „Es steht im Raum, dass wir mehr Videoschutz in Berlin haben wollen“, sagt sie. Sie habe gemerkt, dass sich die politische Diskussion um mehr Videoüberwachung verändert habe. „Was vor einigen Jahren noch ein absolutes Tabuthema war“, so die CDU-Politikerin. Viele Menschen hätten ihr gesagt, wenn es helfe, Straftaten aufzuklären, dann sollte man Orte mit Kameras überwachen, an denen viel Kriminalität passiert.

„Viele Bürger wollen das, weil sie sich dann sicherer fühlen.“ Es stimme, dass sich Täter nicht immer durch Kameras abschrecken ließen. „Im Gegenteil, dieser Täter hat ganz bewusst vor der Kamera diese hinterhältige und skrupellose Straftat begangen“, sagt Christina Schwarzer. „Aber es ist wichtig, dass die Leute ein größeres Sicherheitsgefühl haben. Wenn was passiert, dass man den Täter bekommt und zur Rechenschaft ziehen kann.“

Ohne das Video vom U-Bahnhof Hermannstraße wäre der Täter wohl nie ermittelt worden. Er trat kurz nach Mitternacht zu, und er ging einfach und scheinbar gleichgültig weg.

Geständnis bei der Polizei

Was sich Svetoslav S. bei seiner Tat gedacht hat, bleibt zunächst unklar. Er soll sich, so Gerichtssprecherin Jani, im Ermittlungsverfahren geständig zu dem Angriff auf die Frau eingelassen haben. Allerdings sei dieses Geständnis mit Vorsicht zu genießen, denn es spiele noch die Frage der Schuldfähigkeit eine Rolle. Dazu werde es ein psychiatrisches Gutachten geben.

Am kommenden Dienstag will die Kammer über den Befangenheitsantrag der Verteidigung entscheiden. Bis dahin hat die Schöffin Gelegenheit, Stellung zu den Vorwürfen zu nehmen. Sollte das Gericht dem Antrag stattgeben, muss ein Ersatzschöffe gefunden werden und der Prozess noch einmal von vorn beginnen. Die attackierte Frau ist Nebenklägerin. Sie soll an einem der ersten Prozesstage als Zeugin vor Gericht gehört werden.

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