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Von „Hambi“ gelernt: Im Dannenröder Wald haben die Aktivistinnen und Aktivisten Baumhausdörfer errichtet.

„Hambi 2.0“

Showdown im „Danni“

  • vonBarbara Schnell
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Nach einem Jahr Besetzung steht den Aktivistinnen und Aktivisten im Dannenröder Wald bei Gießen die Räumung bevor. Doch ohne Widerstand wollen sie den Wald nicht aufgeben.

Es ist ländlichstes Hessen, Fachwerkhaus reiht sich an Fachwerkhaus, und schmale Landstraßen verbinden die alten Dörfer. Doch über der Stille von Dannenrod, rund 35 Kilometer nordöstlich von Gießen, kreisen seit einigen Wochen immer wieder Polizeihubschrauber. Ein Zeichen, dass sich hier, zwei Jahre nach der Räumung im Hambacher Wald, an der geplanten Ausbaustrecke der Autobahn 49 erneut ein Konflikt zuspitzt.

Die umstrittene A49 soll Kassel und Gießen miteinander verbinden und den Verkehr der Region entlasten. Doch der Ausbau würde mitten durch den gesunden Laubmischwald führen und löst daher großen Protest aus, der sich seit einem Jahr in der Besetzung des Gebiets äußert. Viele der Menschen, die sich derzeit im Dannenröder Wald eingefunden haben, hatten bereits im Herbst 2018 den „Hambi“ genannten Hambacher Wald verteidigt.

Vor Ort empfängt man sie mit offenen Armen: Morgens um halb acht bringt Elke Müller vom Aktionsbündnis „Keine A49“ den Beteiligten der Mahnwache am Waldrand einen Kofferraum voll Kaffee in Thermoskannen, abends um halb acht gibt sie ein letztes Interview, ehe sie einen Aktivisten zum nächsten Bahnhof fährt.

Sie spricht für die Initiativen, die dem hessischen Verkehrsminister Tarik als Wazir „Möglichkeiten geliefert haben, die er hätte wahrnehmen können“. Das Bündnis selbst sei bisher auf dem Rechtsweg gescheitert, sehe aber weiter Verstöße gegen das Bundesnaturschutzgesetz, die nicht letztlich geklärt seien. Vor allem aber sei das Vorhaben ein Verstoß gegen die Vernunft und ein Armutszeugnis der Demokratie. Insbesondere die schwarz-grüne Landesregierung steht bei dem Bündnis in der Kritik.

Protest und Polizei im Dannenröder Wald

Am Montag (21.09.) hat eine Räumung des Dannenröder Waldes durch die Polizei noch nicht begonnen. Aktivistinnen und Aktivisten haben jedoch eine Planierraupe besetzt und diese mit einer Sitzblockade von etwa 20–30 Menschen aufgehalten.

Drei Personen , die auf die Baumaschine geklettert waren, wurden von Beamten festgenommen. Gegen sie hat die Polizei ein Strafverfahren wegen Nötigung eingeleitet.

Grund für die Blockade ist laut einer Sprecherin der Initiative „Wald statt Asphalt“ die Errichtung eines Camps mit schweren Baugeräten über dem Trinkwasserschutzgebiet Rudolphswiese. Die Initiative hält dies für rechtswidrig und prüft juristische Mittel. Die Polizei dementiert den Vorwurf der Initiative, sich dort selbst ein Lager einzurichten. Es handele sich lediglich um vorläufige Arbeiten der Deutschen Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges). Laut der Baufirma werde die Fläche für die künftige Baustelle vorbereitet.

Das Bündnis rechnet derzeit mit einer Räumung der Waldbesetzung am Dienstag. Dies konnte eine Sprecherin der Deges nicht bestätigen. Jedoch könnten Barrikaden auf Waldwegen entfernt werden. (vale)

„Wir hoffen, hier durch öffentlichen Druck zu bewirken, dass die Politik, die sich auf 40 Jahre alte Entscheidungen beruft, sich positionieren muss. Politiker erzählen ständig vom Klimaschutz, tun aber genau das Gegenteil. Nach all der Zeit ist unser Mut noch einmal gewachsen, als die Waldbesetzer kamen. Sie machen uns Hoffnung, dass es werden kann wie im Hambi“, so Elke Müller.

Zu denen, die im Hambacher Wald geholfen haben, die Zerstörung des Waldes zu verhindern, bis ein Gericht den Rodungsstopp verhängte und sich die Kohlekommission für den Erhalt aussprach, gehört auch ein Aktivist, der sich hier Kompost nennt.

Während über ihm in den Wipfeln des Dorfes „Nirgendwo“ Menschen hämmern und sägen, um die Baumhäuser auf die erwartete Räumung vorzubereiten, vergleicht er die Situation zum September 2018: „Viele der Menschen hier bringen große Erfahrung aus dem Hambi mit, sowohl was den Baumhausbau angeht, als auch unsere Organisationsstrukturen und die Möglichkeit, andere zu mobilisieren. Wir sind vor einem Jahr quasi auf der Bugwelle des Hambi hier angekommen, haben den Hambi beerbt. Gleichzeitig hatten wir von Anfang an starke Unterstützung aus der Bürgerschaft, auch logistisch, von heißem Kaffee bis Baumaterial. Es gab sofort mit der Mahnwache einen geschützten, beheizten Raum. Die Menschen aus den Dörfern haben gemerkt, dass Widerstand Erfolg haben kann, und sind mit großem Mut und Willen dabei.“

Dannenröder Waldf

Menschen aus der ganzen Klimagerechtigkeitsbewegung – von den Anwohnern über die Initiative „Fridays for Future“ bis hin zur Gruppe „Ende Gelände“ – verwandeln den Wald in einen Lehr- und Lernort, organisieren Kletterworkshops oder Info-Veranstaltungen zu Versammlungsrecht und Polizeigesetz.

„Mit der Unbekümmertheit einer Besetzung, die noch nie geräumt wurde“, wie es ein Aktivist formuliert, blicken sie einer baldigen Räumung entgegen und bauen Häuser in 25 Metern Höhe.

Unterdessen hofft Kompost, dass die Polizei bei der Räumung weniger unbekümmert vorgehen wird, als bei ersten Vorstößen in der letzten Woche. „Bei der Räumung eines Tripods haben sie einfach nicht respektiert, wie raffiniert die Konstruktion war, und einen Menschen in Lebensgefahr gebracht. Sie verstehen anscheinend nicht, was ziviler Ungehorsam ist und wie gefährlich das für alle werden kann, wenn die Erfahrung fehlt. Ich hoffe für unsere Sicherheit, dass sie sich Unterstützung aus dem Rheinland holen werden, wenn es hier wirklich ernst wird.“ Die Polizei bestreitet, dass bei der Aktion Menschen in Gefahr gebracht worden seien.

Auf Unterstützung, allerdings von der anderen Seite, hofft auch ein Ehepaar, das aus dem Rothaargebirge angereist ist, wo ein ähnliches Autobahnprojekt ansteht und auf Unverständnis der Bürgerinnen und Bürger stößt. Sie bitten Kompost um Tipps, und noch während er den „Danni“ weiter sturmfest macht, schmiedet er bereits Ideen für eine Vernetzung ähnlicher Initiativen - und trägt damit die Saat aus dem „Hambi“ weiter .

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