Protest, Wut und Tränen - Hamburgs Kulturkrise

"Ich bin jetzt Anwalt für Kultur!" Mit dieser Ankündigung übernahm Jurist Reinhard Stuth (CDU) vor sechs Wochen sein ...

Hamburg. "Ich bin jetzt Anwalt für Kultur!" Mit dieser Ankündigung übernahm Jurist Reinhard Stuth (CDU) vor sechs Wochen sein neues Amt als Hamburger Kultursenator.

Selten ist der Start für einen Politiker so unglücklich verlaufen. Seit den jüngsten Sparbeschlüssen des schwarz-grünen Senats, die etwa radikale Einschnitte für das Schauspielhaus und das Ende des Altonaer Museums vorsehen, hagelt es Kritik. Künstler gehen auf die Barrikaden und viele stellen die kulturelle Kompetenz des 54-jährigen Fliegenträgers infrage.

Hamburgs Erster Bürgermeister, Christoph Ahlhaus, warnt vor allzu polemischer Kritik und bittet um sachlichere Diskussion: "Man kann nicht einen Senator allein für die Gesamtentscheidung des Senats verantwortlich machen", sagt der CDU-Mann der Nachrichtenagentur dpa.

"Den Leuten platzt langsam der Kragen. Man staunt, wie fachfremd Stuth vorgeht", sagt hingegen Theater-Regisseur und Goldene-Zitronen- Sänger Schorsch Kamerun. Hamburg laufe Gefahr, seinen guten Ruf zu verlieren. "Ob bei "Stuttgart 21" oder hier, die Politiker regieren an den Bürgern vorbei." Wenn im bankrotten Oberhausen ein Theater schließt, sei das vielleicht noch nachvollziehbar. "Aber in Hamburg, der Stadt mit den meisten Millionären, ist das ein Skandal."

Auch Ex-Kultursenatorin Helga Schuchardt (1983-1987, parteilos) attackierte ihren Nachfolger bei einer Podiumsdiskussion: "Ich habe den Eindruck, Sie brennen nicht für die Kultur". Stuths Politik sei "so was von dilettantisch, das kann man gar nicht anders bezeichnen". Und Schauspielerin Susanne Lothar ("Der Vorleser", "Das weiße Band"), die unter Regisseur Peter Zadek am Schauspielhaus Erfolge feierte, sagt in einem Zeitungsinterview, "dass hier Menschen entscheiden, die grundlegend kulturell nicht genug gebildet sind". Es treibe ihr die Tränen in die Augen, wenn sie höre, dass hier ein Museum geschlossen werden soll.

Tränen der Wut und Enttäuschung könnte auch Torkild Hinrichsen vergießen. Der grauhaarige Museumsdirektor kämpft ohne Unterlass gegen das drohende Aus des 147 Jahre alten Traditionshauses in Altona, das erst 2009 für drei Millionen Euro saniert wurde. Und er ist nicht allein: 20 000 Bürger haben inzwischen per Unterschrift gegen die Schließung protestiert. Der Schritt fördert Hinrichsen zufolge "ein bundesweites Museums-Massensterben nach Hamburger Modell". Zudem gehe die Rechnung, 3,5 Millionen Euro zu sparen, nicht auf: 70 Mitarbeiter müssten weiter beschäftigt werden, und der Abtransport der 640 000 Exponate gehe sicher in die Millionen.

Paradox sei vor allem, dass die Sparmaßnahmen in der Kultur auch damit begründet würden, dass Geld in Bildung investiert werden müsse. "Wir haben in unserem Museum jährlich 250 000 Kinder, die sich auf kreative und spielerische Art und Weise bilden", sagt Hinrichsen. Die Argumentation der Politiker bringt wohl auch die Betreiber des Schauspielhauses auf die Palme: Denn Opfer des Sparpakets wird wohl ausgerechnet das erfolgreiche Kinder- und Jugendtheater.

1,2 Millionen Euro soll Deutschlands größte Sprechbühne im Jahr sparen, dafür blieben die anderen öffentlichen Theater verschont. Diese erklärten sich allerdings solidarisch: So wollte das Thalia Theater am Donnerstagabend (7.10.) eine überarbeitete Version von Elfriede Jelineks "Die Kontrakte des Kaufmanns" zeigen, bei dem auch Ensemblemitglieder des Schauspielhauses, der Staatsoper sowie Gängeviertel-Künstler und Mitarbeiter des Altonaer Museums auf der Bühne stehen.

Lauten Protest gab es bereits in den vergangenen beiden Wochen. Bei einer bunten Demonstration durch die Innenstadt, angeführt vom Studio-Braun-Trio Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger skandierten die Künstler ihre Version des "Rauch-Haus-Songs" von Ton Steine Scherben: "Das ist unser Haus, schmeißt doch erstmal Stuth und Ahlhaus raus."

Letzterer zeigte sich eher unbeeindruckt: "Ich stehe zum Schauspielhaus, aber auch dieses Theater muss sich der Frage stellen, wie es mit den ihm anvertrauten Steuermitteln umgeht", sagte Ahlhaus. Und was das Altonaer Museum betrifft: "Man kann doch nicht ernsthaft so tun, als ob die Schließung eines Museums, das in der Spitze 30 vollzahlende Besucher am Tag hat, den Untergang des kulturellen Abendlandes in dieser Stadt bedeutet." (dpa)

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