+
Ohne Nähe läuft hier fast nichts: die Herbertstraße im Rotlichtviertel an der Reeperbahn auf St. Pauli.

Prostitution und Feminismus

Salomé Balthus: „Wie kann man Feministin sein, ohne mit Huren zu sympathisieren?“

  • schließen

Klara Lakomy aka Salomé Balthus spricht mit der FR darüber, warum sie Roger Köppel und die „Weltwoche“ verklagt. Und was Prostitution mit Feminismus zu tun hat. 

Frau Balthus, Sie sind die Gründerin von Hetaera, einem Escortservice in Berlin. Was hat es mit dem Namen auf sich?

Wenn man die Geschichte der Prostitution betrachtet, die immerhin allein im Abendland einige Jahrtausende zurückreicht, so stößt man, je nach Höhe der Zivilisiertheit einer Kultur, auf sehr vielseitige Arten von dem, was sich sehr grob unter dem Begriff „Erotische Dienstleistungen gegen Entgelt“ fassen lässt. Wenn ich das, was ich tue, nun mit meinen historischen Vorbildern vergleiche, so ähnelt es wohl am ehesten dem, was im 19. Jahrhundert oder in der Renaissance die Kurtisanen taten. Nur leben wir aber nicht in einer aristokratischen Gesellschaft, der Hof, la court, fehlt. Also musste ich noch weiter in der Zeit zurückgehen und stieß auf die Luxusprostituierten der Antike, die Hetären - wie Lukian oder Platon sie beschreiben.Die Unterschiede überwiegen natürlich.

Hetaera: „Weltbild ohne christliche Körperfeindlichkeit“ 

Können Sie das konkretisieren?

Die klassische Antike war extrem misogyn und Hetären wie Aspasia, Phryne oder Thaïs die einzigen Frauen, die Zugang zu nennenswerter Bildung hatten - und zwar durch ihre Kunden. Dadurch unterschieden sie sich stark von ihren Geschlechtsgenossinnen, oder auch von den ärmeren Prostituierten, den Straßen- und Bordellhuren, die in der Regel Sklavinnen waren. Hetären hingegen hatten sich oft freikaufen können und besaßen als einzige Frauen ihrer Zeit eigene Häuser, in denen sie auch ihre Kunden empfingen und Feste feierten. Was nebenbei gesagt auch zutrifft auf Kurtisanen der Renaissance, wie Imperial Cognata, Giulia Ferrarese, Tullia D´Aragona oder Veronica Franco, ganz zu schweigen von den Luxuspalästen im Paris der Belle Époque von einer Valtesse oder Païva.

Woran liegt das?

Die Antike kannte nicht die durch das Christentum bis in die Moderne den Westen prägende Körper- und Lustfeindlichkeit. Der Grund, dass Prostitution in der westlichen Kultur immer noch der mit Abstand am meisten problematisierte Beruf ist. Man bedenke, dass das häufigste Schimpfwort für Frauen im Allgemeinen, nicht nur für Prostituierte, in allen westlichen und arabischen Sprachen, folgendes ist: Hure! Wenn ich mich eine Hetäre nenne, so will ich auch anknüpfen an ein Weltbild ohne christliche Körperfeindlichkeit.

In Corona-Zeiten Gespräche am Telefon

Wie laufen die Geschäfte in Zeiten von Corona?

Klara Lakomy aka Salomé Balthus im Interview mit der FR. 

Die Antwort ist kurz: gar nicht. Aus sehr guten Gründen. Was wir verkaufen, ist körperliche Nähe zu Menschen außerhalb des eigenen Haushalts, meist mit weniger als 1,5 Meter Abstand. Höchstens Gutscheine für die Zeit nach Corona kann man erwerben. Ein Zeichen für Hoffnung und etwas, um sich darauf zu freuen. Und falls die Kunden bis dahin pleite sind, haben sie zumindest noch diesen Gutschein aus den guten Zeiten! Aber wir versuchen natürlich auch kreativ zu sein, und aus gegebenem Anlass unser Geschäftsfeld ein wenig zu erweitern. Wir verkaufen ja nicht nur körperliche, sondern auch menschliche, geistige Zuwendung. Und darum bieten wir jetzt auch Hetärengespräche am Telefon an. Erotische Unterhaltung - nicht zu verwechseln mit schnödem Telefonsex.

Sie schreiben, Hetaera sei ein exklusiver Club. Was darf ich mir darunter vorstellen? Wir sprechen schon von Prostitution.

Wo ist da der Widerspruch?

Oder, anders, was ist an Ihrem Club exklusiv?

Klara Johanna Lakomy aka Salomé Balthus ist in Berlin geboren. Lakomy studierte Literatur und Philosophie und fing bereits vor zehn Jahren an, im Escort zu arbeiten. 2016 gründete sie ihren eigenen Service, der erste, der ohne Provision arbeitet. Demnächst erscheint ihr erster Roman.

Ich erhalte sehr viele Bewerbungen, teilweise mehrere pro Woche. Da muss ich natürliche eine Auswahl treffen. Meine Grundentscheidung war von Anfang an, nur Frauen mit künstlerischen oder kreativen Berufen aufzunehmen. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Es liegt nicht nur daran, dass ich mich mit Künstlerinnen besser verstehe, sondern dass ich ihnen zutraue, sich auf die besonderen menschlichen Anforderungen unserer Arbeit am besten zu verstehen. Ein extrem hohes Maß an Eigenständigkeit und kreativer Intelligenz ist gefragt. Jedes Date ist anders, es gibt keine Regeln, oder man muss sie sich selbst erschaffen. Künstler sind keine Angestelltenseelen, sie geben viel aus sich heraus und machen nicht „Dienst nach Vorschrift“. Und sie kommen damit zurecht, Außenseiter zu sein. 

Verkaufen Bauarbeiter ihren Körper?

Sie sind studierte Philosophin und bezeichnen sich selbst als Feministin. Wie geht das mit Prostitution zusammen?

Ich frage mich eher, wie man heute, als aufgeklärte, nicht von Dogmen oder einem gewalttätigen Hintergrund beherrschte Frau, Feministin sein kann, ohne (unter anderem) Hure sein zu wollen. Oder zumindest mit Huren zu sympathisieren.

Das Gegenargument könnte sein, dass eine emanzipierte Frau Ihren Körper nicht verkauft.

Wie kommen Sie denn darauf, dass wir unsere Körper verkaufen? Ich habe alle meine Organe noch. Wir verkaufen einen Service. Mit körperlicher und vor allem geistiger Arbeit. Oder finden Sie, dass ein Bergarbeiter oder eine Ballerina auch ihre „Körper verkaufen“?

Alice Schwarzer hat mal eine Studie zitiert, die angeblich belegt, dass die meisten Prostituierten Opfer von Missbrauch seien. Was würden Sie ihr darauf antworten?

Sexueller Missbrauch von Kindern - nicht nur von Mädchen - ist ein gesamtgesellschaftliches Problem mit nahezu monströsem Ausmaß. Angeblich hat jede zweite Frau weltweit schon mal sexuelle Übergriffe erlebt, auch als Erwachsene. Und jedes vierte Kind in Deutschland seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist Opfer von sexuellem Missbrauch.  Aber werden diese Kinder alle Prostituierte? Offensichtlich nicht. Es gibt Prostituierte, die Missbrauchserfahrungen haben. Es gibt auch Journalistinnen, Unternehmensberaterinnen und Hausfrauen, die Missbrauchserfahrungen haben.

Ob eine Prostituierte ihr Trauma mit der Tätigkeit verschlimmert, oder ob es im Gegenteil der Weg für sie ist, sich wieder ihren Körper und die Kontrolle darüber anzueignen, sollte dem jeweiligen Individuum überlassen bleiben. Denn eins ist mir wichtig: Nur weil ein Mensch Traumata hat, missbraucht wurde, heißt das noch lange nicht, dass er ab sofort unfähig ist, eigene Entscheidungen zu treffen und selbstbestimmt zu handeln. Wenn man Missbrauchsopfern das Recht abspricht, über ihren Körper zu bestimmen, missbraucht man sie ein zweites Mal.

In einem Schweizer TV-Format wurden Sie von Roger Schawinski mit dieser Frage konfrontiert. Was macht das mit Ihnen? Solch eine Frage würde man mir vermutlich nicht stellen.

Es hat mich vor allem geschockt, dass damit nicht ich angegriffen wurde, sondern andere - meine Angehörigen nämlich mein prominenter Vater Reinhard Lakomy, von dem kurz davor in der Sendung ausführlich die Rede gewesen war. Mein Vater ist tot und kann sich nicht verteidigen. Das fand ich perfide. Mit allem anderen kann ich umgehen, ich bin ständig mit solchen Vorwürfen konfrontiert, wenn Prostitutionsgegner nicht akzeptieren können, dass jemand wie ich gerne Hure ist und stolz darauf. Menschen, die anders sind als die Allgemeinheit, die man nicht verstehen kann, werden oft pathologisiert. Dass so etwas gefährlich ist, weil faschistisch, faschistisches Denken, wollte ich bei dieser Gelegenheit zeigen. Und darüber schrieb ich eine Kolumne.  

Klage gegen die Schweizer „Weltwoche“ von Roger Köppel

Seit dieser Sendung schreiben Sie keine Kolumnen mehr für die „Welt“. Was ist der Hintergrund? 

Offenbar fühlte sich der Moderator Roger Schawinski durch meine Kritik an seiner Fragestellung beleidigt und konfrontierte seinen alten Bekannten Ulf Poschardt. Der daraufhin meine Kolumne beendete. Die „Welt“ begründete das damit, dass ich falsch zitiert hätte. Ich habe ihn in der Tat nur sinngemäß zitiert, jedenfalls sieht es in der ausgestrahlten und digital abrufbaren Sendung so aus. Schade finde ich, dass ein Medienmann wie Schawinski so gar nicht professionell damit umgehen konnte, dass ich, genau wie er, ein Thema bediene, das mir sachlich wichtig ist, und es gar nicht persönlich meine. Es ist ihm schlecht bekommen. In der Schweiz löste die Causa einen kleinen Medien-Skandal aus, so dass sich am Ende sogar der Ombudsmann des SRF1 einschalten musste, der zu dem Schluss kam, Schawinski hätte meine Menschenwürde beleidigt. Schawinski hat wenige Monate später seine Talkshow verloren.

Bleiben wir in der Schweiz. Sie verklagen gerade das rechte Blatt „Weltwoche“. Worum geht es hier?

Die Weltwoche wollte mich in ihrer Zeitung - so wie Sie gerade auch. Aber ich gebe nicht jeder Zeitung ein Interview, schon gar keiner, deren Chefredakteur und Herausgeber in einer rechtsradikalen Partei im Nationalrat ist, und die rassistischen und frauenfeindlichen Journalismus macht. So etwas möchte ich nicht durch mein Clickbait-Potential unterstützen. Sex sells, aber ich will mitbestimmen, was. Und so reagierte ich nie, oder lehnte ab. Als am Ende der junge Journalist Roman Zeller sogar an das Kontaktformular meiner Website schrieb, teilte ich ihm kühl mit, dass dies ein Escortservice sei, und er bitte von journalistischen Anfragen Abstand nehmen sollte. Wenn er oder seine Kollegen ein Escortdate wollten, könnten sie natürlich jederzeit buchen, und würden behandelt wie alle anderen seriösen Kunden auch. Und ich dachte, damit wäre die Sache erledigt.

War sie aber nicht.

Am nächsten Tag buchte er mich. Er sei eh in Berlin und würde mich trotzdem gern zum Essen einladen, einfach zum Kennenlernen. Und ich gab nach - um mir nicht nachsagen lassen zu müssen, ich würde Kunden unfair behandeln. Und auch, weil ich ihm glaubte, dass es nur um ein Dinnerdate ginge und er einfach neugierig sei. Er ist so jung. Ich dachte, vielleicht kann ich ihm erklären, warum ich mit der Weltwoche nichts zu tun haben will, und was das für eine Zeitung ist, für die er arbeitet, er, der Sohn des renommierten Schweizer „NZZ“-Journalisten René Zeller. Als ich vierzehn Tage später einen GoogleAlert mit dem Artikel bekam, staunte ich nicht schlecht. Auch, als ich am Tag danach die Print-Ausgabe im Briefkasten fand, mit einem Brief von ihm, wo er mir persönlich schrieb, er hätte einfach nicht widerstehen können und hoffe, ich sei ihm nicht böse! Wo er also selbst zugibt, dass es nicht abgesprochen war. Da wusste ich, er und seine Redaktion sind nicht nur dreist, sondern auch dumm. 

Aber Sie wussten, dass er Journalist war.

Einige meiner Kunden sind Journalisten. Sie hören aber auf es zu sein für die Zeit des Dates. Und kein Journalist darf einfach private Gespräche oder Begebenheiten zu einem vierseitigen Porträt verarbeiten, ohne die betreffende Person zu fragen - gerade wenn es Personen öffentlichen Lebens sind. Übrigens enthält das Porträt zahlreiche angebliche O-Töne, die ich nie autorisieren konnte. Mein Anwalt kümmert sich darum, wir werden pünktlich die Klage einreichen. Den in der Schweiz obligatorischen Rechtskostenvorschuss von 15.000 CHF habe ich per Crowdfunding gesammelt. Es gibt sehr viele Menschen, die wollen, dass ich Roger Köppel vor Gericht bringe.

„Die Liebe zu einer intelligenten Frau ist ein Päderastenvergnügen“, Zitat von Baudelaire steht so auf Ihrer Seite. Was wollen Sie mir damit sagen?

Das ist ein weites Feld. Ein zu weites.

Eine Performance gegen sexuelle Gewalt wird von Frauen weltweit aufgeführt. Die Initiatorinnen kommen aus Chile. Der Feminismus ist in dem südamerikanischen Land auch eine treibende Kraft im Kampf gegen soziale Ungleichheit.

Die Kabarettistin und Schauspielerin Maren Kroymann spricht im Interview über die Forderungen von Film- und Fernsehfrauen in der Corona-Krise – und zur Frage, warum Frauen härter von den Einschnitten betroffen sind.

Kann die Corona-Krise die Stunde der Frauen einläuten? Elf Frauen des öffentlichen Lebens wurden nach ihrer Empfehlung zur Krise gefragt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare