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Die Schlucht: Tansanias größter Fluss zwängt sich durch die steinernen Engpässe.

Tansania

Tiere sollen Staudamm weichen

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Tansanias Präsident Magufuli will seinem Land den Weg in die Zukunft ebnen. Dass für einen Staudamm ein Nationalpark teils zerstört wird, gehört für den Politiker dazu.

Ben zieht seine Cessna noch ein wenig tiefer. Jetzt sind am Rufidschi-Fluss sogar die offenen Mäuler der Krokodile zu sehen. In weiten Bögen fliegt der Pilot mit seiner einmotorigen Maschine jede Biegung des malerisch in die Savanne gefrästen Flussbetts ab. Giraffen suchen schlaksig galoppierend das Weite, Elefanten wedeln missmutig mit den Ohren, sanft wanken die Blätter der Palmen im Wind. Wer das Paradies sucht, hat es im Nordosten des tansanischen Selous-Parks gefunden. Hier können selbst gequälteste Seelen zur Ruhe kommen – oder besser: sie konnten.

Denn inzwischen brechen sich Planierraupen einen Weg durch das unendlich erscheinende Buschland. Den von ihnen hinterlassenen „Abraum“ karren polternde Lastwagen weg. Die in die Natur gebrochene Straße führt von der Parkgrenze ans Ufer des Rufidschi-Stroms, wo bereits ein fußballfeldgroßes Areal abgeholzt ist. Hier entsteht eine Container-Siedlung für Arbeiter, die sich an die Verwirklichung eines der ehrgeizigsten Projekte des afrikanischen Kontinents machen sollen – den Bau eines 131 Meter hohen Staudamms, dessen Kraftwerk einmal doppelt so viel Strom herstellen soll, wie das gesamte Land heute verbraucht. Kommt es wirklich soweit, werden die eleganten Kurven des Rufidschi-Flusses von einem 1200 Quadratkilometer großen See überschwemmt sein – das entspricht der doppelten Fläche des Bodensees.

Der Park: Wildhüter konnten die Elefanten zuletzt erfolgreich schützen.

Das Megaprojekt ist das Steckenpferd des tansanischen Präsidenten John Magufuli, der sich bereits als Verkehrsminister den Spitznamen „die Planierraupe“ verdiente. Damals, vor zehn Jahren, wollte Magufuli eine Straße durch die Serengeti bauen lassen. Nur der Aufschrei von Naturschützern aus aller Welt und die Einwände westlicher Geberländer, denen Tansania einen Großteil seines Staatsbudgets verdankt, verhinderten die Schneise durch den beliebtesten Wildpark der Welt noch in letzter Minute. Später ließ Magufuli im Selous-Park nach Uran und Öl fahnden sowie Tierparks, die zu wenig Bäume oder wilde Tiere aufwiesen, zu Farmland umwandeln.

Mit 30 Prozent der gesamten Landesfläche räumt Tansania Naturreservaten derzeit noch soviel Raum wie kein anderer Staat Afrikas ein. Doch die rapide wachsende Bevölkerung braucht Platz für ihre Viehherden, Felder und Städte – und ihre Wirtschaft braucht Strom. Wer könnte es der Planierraupe also verübeln, nach Wegen für die Entwicklung der mehr als 55 Millionen Tansanier zu suchen?

Im animierten Präsentationsfilm der beiden ägyptischen Baufirmen sieht das Vorhaben denn auch beeindruckend aus: Eine schicke Staumauer sperrt die Stieglers Schlucht ab, durch die sich Tansanias größter Fluss zwängt. Die über einen Kilometer lange Betonwand soll einmal 35 Milliarden Liter Wasser aufstauen – und so den viertgrößten Stausee Afrikas schaffen. Unterhalb des zumindest in der Filmanimation schmucken Kraftwerks wird der Rufidschi dann angeblich ungestört wie schon immer weiter fließen. Lediglich 3,5 Prozent der Fläche des Naturparks von der Größe der Schweiz seien von dem Eingriff überhaupt betroffen, hält Magufuli seinen Kritikern entgegen: „Außerdem werden die wilden Tiere am See in Zukunft immer ausreichend zu trinken haben.“

Der Fluss: Kommt es zum Bau, werden die eleganten Kurven des Rufidschi von einem großen Stausee überschwemmt.

Ökologen muss das wie ein schlechter Scherz vorkommen. Selbst stromabwärts werde der Damm weitreichende Folgen für die Umwelt haben, schreibt Stausee-Experte Jörg Hartmann in einer Studie für die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD): Die Staumauer halte fruchtbare Sedimente zurück und unterbreche die Wanderungsbewegungen der Fische. Außerdem werde der Flussverlauf auch unterhalb des Damms verändert, das Rufidschi-Delta am Indischen Ozean gefährdet und ökologisch wichtige Überschwemmungsflächen ausgetrocknet. In aller Welt wird derzeit über die verheerenden Auswirkungen riesiger Staudammprojekte geklagt: „Die sieben Todsünden des Dammbaus“, lautet der Titel einer sechs Jahre alte Analyse des World Wide Funds for Nature (WWF). Die Auffassung, dass es sich bei der Wasserkraft um eine saubere Art der Energiegewinnung handele, sei ein längst widerlegter Mythos, meint Dammexperte Hartmann.

Keiner bestreitet, dass Tansanias Regierung die Bevölkerung besser mit Strom versorgen muss – bislang sind lediglich ein Drittel aller Haushalte ans Elektrizitätsnetz angeschlossen. Überall in Afrika setzt sich jedoch die Überzeugung durch, dass dies wesentlich ökonomischer und schonender als mit Großprojekten durch die dezentrale Nutzung erneuerbarer Energien wie Wind- und Solarkraft erreicht werden kann. Angesichts der purzelnden Preise in der Photovoltaik-Technologie ist die Sonnenenergie im sonnenverwöhnten Kontinent kaum noch zu schlagen.

Tansanias Regierung geht davon aus, dass das Megaprojekt „lediglich“ drei Milliarden US-Dollar kosten wird: Zumindest haben die beiden ägyptischen Baufirmen El Sewedy Electric Co und Arab Contractors soviel bei der Ausschreibung veranschlagt. Darin seien jedoch weder die indirekten Kosten – Entschädigungen und Maßnahmen zur ökologischen Schadensbegrenzung – noch die übliche Kosteneskalation eingeschlossen, wendet Staudammexperte Hartmann ein. Er geht von der dreifachen Summe, von fast zehn Milliarden US-Dollar aus.

Ob drei oder fast zehn Milliarden Dollar: Klar ist, dass der tansanische Staat solche Summen niemals alleine stemmen kann – zur Finanzierung wird er auf ausländische Unterstützung angewiesen sein. Internationale Kreditgeber wie die Weltbank oder die Afrikanische Entwicklungsbank haben bereits abgewinkt. Erstere legte wegen des zunehmend autokratischen Führungsstils der „Planierraupe“ auch schon geplante Zuwendungen im Bildungsbereich auf Eis – Magufuli hatte angeordnet, dass Mädchen, die während ihrer Schulzeit schwanger werden, aus den Bildungseinrichtungen geworfen werden. Ebenso wenig wird der Präsident mit der Unterstützung westlicher Gebernationen rechnen können. Der Deutsche Bundestag forderte die tansanische Regierung bereits auf, „Alternativen zum geplanten Bau des Megastaudamms“ zu suchen. Die Bundesrepublik ist eine der wichtigsten Sponsoren der einstigen deutschen Kolonie.

Doch Magufuli würde seinen Spitznamen zu Unrecht tragen, ließe er sich von solchen Hürden beeindrucken. Der 59-jährige Präsident hat schon ganz andere Hindernisse seiner Macht aus dem Weg geräumt: Oppositionspolitiker landen regelmäßig im Gefängnis oder verschwinden ganz, wer den Präsidenten „beleidigt“, wird vor Gericht gestellt. Kürzlich verabschiedete das Parlament in Dodoma ein Gesetz, das auch die Infragestellung staatlicher Statistiken unter Strafe stellt. Tansania droht zu einem Autokratenstaat zu werden.

Womöglich könnte Magufuli die Finanzierung seines Steckenpferds doch noch mit Geldern aus China oder den Golfstaaten sichern – doch Peking hat schon genug Sorgen mit anderen afrikanischen Staaten wie Sambia oder Dschibuti, die ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen können. Trotzdem wies Magufuli den staatlichen Stromkonzern Tanesco bereits an, schon mal 300 Millionen US-Dollar für Vorarbeiten zur Verfügung zu stellen, damit Mitte dieses Jahres mit der eigentlichen Damm-Konstruktion begonnen werden kann. Der Pferdefuß dieser Vorgehensweise: Selbst wenn das Megaprojekt schließlich aus finanziellen Gründen nicht realisiert wird, ist bereits erheblicher Schaden angerichtet.

Zu diesen Kollateralschäden könnte bald auch der Entzug des Titels „Weltnaturerbe“ für den Selous-Park durch die Unesco zählen. Wegen den Uran- und Erdölexplorationen hatte die Kulturorganisation der Vereinten Nationen das 1896 von der deutschen Kolonialmacht geschaffene Naturschutzgebiet bereits vor fünf Jahren auf die rote Liste gesetzt. Ein Verlust des Weltnaturerbe-Titels würde sich zweifellos auf die Zahl der Touristen niederschlagen, die mit über zwei Milliarden US-Dollar im Jahr fast 14 Prozent zur Wirtschaftskraft des Landes beisteuern.

Dabei hatten Naturschützer wie der WWF und die Frankfurter Zoologische Gesellschaft in den vergangenen Jahren im Selous-Park erfreuliche Erfolge zu verzeichnen: Nachdem international vernetzte Wilderer die einst 110 000 Elefanten des Reservats auf knapp 15 000 Exemplare dezimiert hatten, gelang es den rund 700 Wildhütern der afrikanischen „Killing Fields“ dem großen Elefantenschlachten Einhalt zu gebieten. In jüngster Zeit seien in dem Schutzgebiet kaum noch von Wilderern hinterlassene Kadaver der Dickhäuter aufgefunden worden, berichtet Johannes Kirchgatter vom WWF.

Auch davon zeigt sich die Planierraupe nicht wirklich beeindruckt. „Was auch immer geschehen wird“, insistiert Magufuli in der tansanischen Presse: „Der Staudamm wird gebaut.“ WWF-Experten, die seit Jahren damit beschäftigt sind, auch die Bevölkerung am Rand des Reservats von dessen Potenzial profitieren zu lassen, bleibt derzeit nur die Hoffnung, dass der Bau des Stausees aus finanziellen Gründen scheitern wird. Dabei suchen die Ökologen auch in der Geschichte Trost: Schon einmal wollte ein Schweizer Ingenieur namens Stiegler, dem die Schlucht ihren Namen verdankt, den Rufidschi vor fast 120 Jahren für ein Wasserkraftwerk aufstauen. Noch bevor es dazu kam, wurde Herr Stiegler von einem Elefanten tot getrampelt.

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