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Privatjets: Exklusiver Transport mit öffentlichen Kosten

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Von: Stefan Brändle

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Anonyme Twitter-Accounts werfen den Privatjets Sand ins Getriebe - im übertragenen Sinne, versteht sich. Getty Images / AFP
Anonyme Twitter-Accounts werfen den Privatjets Sand ins Getriebe - im übertragenen Sinne, versteht sich. © afp

Die französische Regierung will sich aus Klimagründen Privatjet-Flüge vorknöpfen - und drängt auf eine europäische Lösung.

Die brandneuen Twitterkonten heißen „I Fly Bernard“ oder „L’avion de Bernard“ und werden von Zehntausenden verfolgt. Ihr unfreiwilliger Star ist Bernard Arnault, Gründer und Vorsteher des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH (zu welchem Marken wie Louis Vuitton, Kenzo, Dior oder Tiffany gehören). Denn diese Accounts betätigen sich nach amerikanischem Vorbild als „flight trackers“: Sie versuchen. die Flugbewegungen von Arnaults Privatjet und mittlerweile auch von anderen französischen Unternehmern aufzuspüren.

Ihr Ziel ist es, den CO2-Verbrauch der Düsenmaschinen namens Falcon oder Global Express (Listenpreis 40 Millionen Dollar) anzuprangern. Arnaults Jet soll zum Beispiel im Monat Mai auf 18 Flügen 176 Tonnen Kohlendioxid ausgestoßen haben. Das wäre etwa so viel CO2, wie durchschnittliche EU-Bürgerinnen und Bürger in knapp zwanzig Jahren verbrauchen. Die Flüge führten etwa von Paris über Nizza nach Palermo; ein anderer dauerte nur zehn Minuten von West- nach Ostlondon.

Zwischen Paris und Brüssel flog die Maschine seit 2020 fünfzehn Mal. Dabei zirkuliert auf dieser Strecke ein blitzschneller und bequemer TGV in 80 Minuten. Generell stößt die Eisenbahn pro Passagier 50-mal weniger CO2 aus als ein Privatjet. Selbst ein Linienflug belastet das Klima pro Kopf zehnmal weniger als ein kleiner Businessflieger.

Diese Zahlen entnehmen die Twitterkonten offiziellen Angaben der französischen „Aviation civile“ (Zivilluftfahrt) und der privaten europäischen Umweltorganisation „Transport & Environment“. Sie treten damit auch dem Vorwurf entgegen, sie missachteten die Privatsphäre der Jeteigentümer. „Wir folgen dem Flugzeug, nicht Bernard“, hält eines der Konten fest.

Ein anderer Account publiziert aber auch Flugnummern von Jets anderer Industrieller wie Martin Bouygues oder Vincent Bolloré und ruft dazu auf, weitere öffentlich zugängliche Angaben mitzuteilen.

Der Digitaljurist Guillaume Champeau warnt derartige Twitterseiten vor Rechtsfolgen: „Nur weil man über Privatdaten verfügt, gibt das noch nicht das Recht, sie weiterzuverbreiten.“ In den USA haben Rapper wie Drake oder die Influencerin Kylie Jenner die Löschung solcher „flight tracker“ verlangt; der Unternehmer Elon Musk hat „seinem“ Verfolger dafür dem Vernehmen nach 5000 Dollar geboten.

In Frankreich läuft die Debatte anders – nämlich politisch. Grünenchef Julien Bayou erklärte, es sei „an der Zeit, Privatjets zu unterbinden“. Im Herbst werde er in der Nationalversammlung in Paris einen entsprechenden Vorstoß einbringen. Auch Manon Aubry von der Linkspartei der „insoumis“ (Unbeugsame) twitterte: „Natürlich müssen wir die Privatjets verbieten. Wir haben einen Sommer des Klimachaos‘ mit Dürre, Waldbränden und Überschwemmungen. Allen Franzosen werden Anstrengungen abverlangt – doch eine Minderheit von Ultrareichen soll weiterhin straflos verschmutzen dürfen?“

Die Bilanz der Privatjets

Fliegen gilt aufgrund des hohen CO2-Verbrauchs generell als Umweltsünde. Bei Privatflügen sieht diese Bilanz mit einem verhältnismäßig hohen Pro-Kopf-Ausstoß noch schlechter aus.

Rund 7500 Tonnen CO2 stößt der private Flugverkehr jährlich aus - so die Erkenntnis einer Studie von den Tourismusforschern Stefan Gössling und Andreas Humpe.

Die häufigsten Fliegerinnen und Flieger sollen demnach rund die Hälfte der gesamten Flugverkehrs-Emissionen veursachen. Doch dabei handele es sich laut den Forschern nur um höchstens ein Prozent der Bevölkerung.

Privatjets sind vom EU-Emissionshandel ausgenommen und werden daher von einigen europäischen Staaten nicht besteuert. Die Organisation „Transport & Environment“ berechnet, dass man bei einer angewandten Kerosinsteuer für die EU und Großbritannien rund 325 Millionen Euro durch Besteuerung von Privat- flügen einnehmen könnte. vale

Eine Aktivistin aus dem Umfeld der gleichen Partei, Rym Khadhraoui, geht noch weiter und kommentiert sarkastisch: „Das Privatjet-Verbot schockiert viele, dabei ist es doch ein guter Kompromiss zur Guillotine!“

Aus den Internetforen kommt das Echo, die Attacken auf die „Milliardäre“ und „Superreichen“ seien „populistisch“ und schürten eine Neiddebatte. Der Unbeugsamen-Chef Jean-Luc Mélenchon habe offenbar auch keine Flugskrupel, nachdem er sich im Juli auf einer Südamerikatournee gebrüstet habe, er fliege nur Business Class.

In die hitzige Debatte schaltet sich nun auch der zuständige Vertreter der französischen Regierung ein. Transportminister Clément Beaune erklärte, alle Bürgerinnen und Bürger müssten proportionelle Anstrengungen erbringen, und fügte an: „Ich denke, wir müssen handeln und die Privatjet-Flüge regulieren.“

Sein Team präzisierte, am wirksamsten sei zweifellos ein neues Regelwerk auf europäischer Ebene. Es gehe nicht um ein Verbot der Geschäftsflugzeuge; denkbar seien aber Selbstbeschränkungen oder neue Abgaben auf solche Flüge.

Auch Regierungssprecher Olivier Véran lädt die europäischen Transportverantwortlichen ein, sich bei ihrer nächsten Tagung im Oktober des Themas anzunehmen. Immerhin gab er zu bedenken, dass viele Privatjet-Flüge dank ihrer „großen Reaktivität“ eine wichtige Funktion erfüllten.

Das Twitterkonto „I Fly Bernard“ kontert mit einem Privatjet-Hüpfer der französischen Konzerngründerfamilie Pinault zwischen den Karibikinseln Martinique und Saint-Vincent – wohl kaum ein Geschäftsflug. Der Jet der Hauptzielscheibe Bernard Arnault verzeichnete jedoch diesen Sommer keine Bewegung.

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