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Einen Wunsch hat Gary Oldman: "Ich hoffe, dass ich nie an den Punkt komme, an dem ich wunschlos glücklich bin."

Gary Oldman

"Privat war Churchill verspielt, sogar kindisch"

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Schauspieler Gary Oldman über den schmalen Grad zwischen Imitation und Parodie - und warum genau das der Reiz an solchen Rollen ist.

Ob Sid Vicious, Dracula, Ludwig van Beethoven, George Smiley und Winston Churchill – sie alle hat Gary Oldman im Laufe seiner über 30-jährigen Karriere schon dargestellt. Der 59-jährige Brite gehört nicht nur zu den wandlungsfähigsten Schauspielern seiner Generation, sondern auch zu den besten. Kein Wunder also, dass ihn Regisseur Joe Wright („Abbitte“) für sein Weltkriegs-Drama „Die dunkelste Stunde“ (seit gestern in den Kinos) unbedingt als Winston Churchill haben wollte.

Es war die perfekte Wahl. Oldman trägt souverän den ganzen Film und wurde für sein Churchill-Porträt als bester Hauptdarsteller zum Golden Globe nominiert. Seine zweite Oscar-Nominierung scheint damit so gut wie sicher. Wir trafen Gary Oldman in London zum Interview. Und zwar im vornehmen Claridge’s – Churchills Lieblingshotel. In der Lobby hängt ein großes Schwarzweiß-Foto des charismatischen Politikers. Es zeigt ihn im Cut, mit Zylinder und natürlich: mit Zigarre. Als Oldman daran vorbeihuscht und im Aufzug verschwindet, würde man nie auf die Idee kommen, diesen schlanken, agilen Mann mit dem vollen Haar in der Rolle des eher trägen, übergewichtigen und fast glatzköpfigen Churchill zu besetzen.

Mr. Oldman, was haben Sie gedacht, als man Ihnen die Rolle des Winston Churchill angeboten hat?
Ich habe zuerst mal laut gelacht. Nicht, dass ich mir nicht zugetraut hätte, Winston Churchill zu spielen – aber der physische Unterschied zwischen uns beiden ist dann doch gewaltig. Erst als ich gesehen habe, wie man mich in monatelangen Tests mit den richtigen Prothesen, Fettpolstern, Perücken, passender Kleidung und kunstvoll aufgetragenem Make-up dann tatsächlich zu Churchill machte, war ich überzeugt, dass ich es doch versuchen sollte.

Sie sagten jüngst, Churchill sei Ihre bisher größte Herausforderung gewesen …
Damit meinte ich vor allem: Würde ich das Durchhaltevermögen haben, den ganzen Film zu tragen? Ich bin ja fast in jeder Szene. Das ist eine wahnsinnige Verantwortung für mich als Schauspieler. Und eine gigantische physische Belastung. Die Churchill-Rolle ist ja ganz klar der Motor, die Lokomotive, die den Film zieht. Deshalb musste ich mir schon ernsthaft überlegen, ob ich wirklich die Kraft dazu haben würde, das durchzustehen. Wie sich herausstellte, war das – Gott sei Dank – der Fall. Aber es war sehr hart.

Warum?
Schon vier Stunden vor Drehbeginn musste ich in die Maske kommen. Die Prothesen und Fettpolster wurden mir angelegt, mir wurden die Haare gemacht, ich wurde geschminkt und verwandelte mich ganz langsam in Churchill. Nach Drehschluss dann die ganze Prozedur wieder rückwärts … Meist kam ich auf einen 18-Stunden-Drehtag. Wenn ich dann endlich zu Hause war, habe ich versucht, mich etwas zu entspannen. Also duschen – und ab ins Bett. Aber kaum hatte ich meinen Kopf endlich aufs Kissen gelegt, klingelte schon wieder der Wecker.

Sie zeigen Churchill nicht als strahlenden Kriegshelden, sondern als zweifelnden Mann, der im Kampf gegen Hitler an seinen Aufgaben wächst.
Es war mir sehr wichtig, Churchill als Menschen, als Mann darzustellen. Mit all seinen Fehlern, Unzulänglichkeiten, Wutausbrüchen, depressiven Schüben und natürlich auch mit seinem beißenden Humor. Nicht etwa als Ikone oder den Retter Großbritanniens. Mich da durchzubeißen – sozusagen zum Churchill-Kern vorzudringen – war sehr schwierig. Ich wollte ihn frisch und vor allem so gut es geht frei von Klischees spielen. Das war mein Auftrag. Das war der Film, den wir machen wollten. Churchill mit einem „human touch“. Privat war er ja auch ganz anders, als er sich in der Öffentlichkeit präsentierte. Da war er verspielt, sogar kindisch. Wenn er zum Beispiel heimkam, bellte er schon mal zur Begrüßung wie ein Hund. Und seine Frau antwortete dann mit: „Miau, miau“.

Wie spielt man gegen Churchills doch sehr bekanntes Image an? Und ist man dann noch authentisch?
Das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm hat, war ja zum großen Teil von ihm selbst inszeniert. Churchill war sein eigener Promoter. Er wusste sehr genau, wie man ein Markenbewusstsein erschaffen konnte – lange bevor es so etwas wie Branding gab. Dieser kleine, dicke, witzige Mann kleidete sich noch immer nach der viktorianischen Mode. Immer mit Stehkragen, Fliege, den Homburg auf dem Kopf. Nicht zu vergessen sein Markenzeichen: die berühmte Zigarre, Marke Romeo y Julieta, von denen er am Tag bis zu acht Stück rauchte. Er hatte ein ausgeprägtes Gespür für Theatralik. Er kannte die Tricks, wie man einen wirkungsvollen Auftritt inszenierte. Ich fühlte mich beim Drehen oft wie in einer Operette (lacht). Und dann sein Timing beim Sprechen, diese Kadenzen, diese Betonung – und das nicht nur bei seinen Brandreden im Rundfunk. Das ist ja alles ausführlich dokumentiert. Da konnte ich als Schauspieler schon aus dem Vollen schöpfen. Trotzdem wollte ich natürlich auf keinen Fall eine Churchill-Imitation oder gar Parodie abliefern. Wenn man Personen der Zeitgeschichte spielt, ist der Grat immer gefährlich schmal. Aber dieses Wagnis einzugehen, macht mir natürlich auch sehr viel Spaß.

Sie gehen gerne ins Extrem?
Manchmal muss man den Bogen etwas überspannen, damit man sieht, wo man sich einpendeln kann. Ich habe dieses intensive und oft auch leicht übertriebene Schauspielern ja lange üben können. Es gab Zeiten, da hat man mir fast nur diese Borderline-Psychopathen-Rollen angeboten. Von denen habe ich mich aber in den letzten Jahren zunehmend entfernt – was mir persönlich sehr gut tut. Früher hat man mich auch oft mit meinen Filmfiguren gleichgesetzt. (Grinst) Das wird mir jetzt bei Churchill sicher nicht passieren.

Stimmt es, dass Sie wegen der vielen Zigarren Magenbeschwerden hatten?
(Lacht) Ich hatte eine schlimme Nikotinvergiftung! Wenn ich etwas mache, dann eben richtig.

Churchill hat in seiner wohl bekanntesten Rede von „Blut, Mühsal, Schweiß und Tränen“ gesprochen. Ist das eine Devise, nach der man leben sollte? Oder zeigt Ihr moralischer Kompass in eine andere Richtung?
(Denkt lange nach) Ich habe drei Söhne und einen Stiefsohn. Sie sind keine Genies, aber sie sind sehr nette Menschen. Wirklich liebenswert. Und wenn jemand zu mir sagt: „Ich habe gestern deinen Sohn Charlie getroffen, der ist ja so ein Sweetheart, ein echt toller Kerl“ – dann geht mir das Herz auf. Sie sind wirklich gute Menschen. Und dass sie so wurden, das ist meine größte Leistung im Leben. Darauf bin ich wirklich sehr stolz. Meiner Meinung nach könnte die Welt nämlich viel mehr nette und gute Menschen gebrauchen. Genies hat sie schon genug.

Ihre Söhne sind in einer Zeit aufgewachsen, die für Sie ziemlich turbulent war.
Das kann man so sagen. Aber für mich war Familie immer sehr wichtig. Ich hatte sehr wohl immer einen moralischen Kompass, bin allerdings des Öfteren da und dort vom Weg abgekommen. Doch meine Mitte habe ich zum Glück nie verloren. Ich habe immer versucht, ein guter Mensch zu sein; und das ist mir – bis zu einem gewissen Grad – auch gelungen. Ich gebe mir sehr viel Mühe, achtsam durchs Leben zu gehen und die Gefühle von anderen nicht zu verletzen. Denn ich weiß nur allzu gut, wie es sich anfühlt, wenn jemand auf einem herumtrampelt. Ich versuche einfach, ein anständiger Kerl zu sein.

Ihre Alkoholsucht haben Sie überwunden und vor kurzem zum fünften Mal geheiratet, beruflich sind Sie so erfolgreich wie nie – bleibt nicht mehr viel zu wünschen übrig, oder?
Wo denken Sie hin? Ich hoffe, dass ich nie an den Punkt komme, an dem ich wunschlos glücklich bin. Das wäre schrecklich! Aber es ist schon so, dass ich mich zurzeit sehr gut fühle – und natürlich hoffe, dass das noch eine Zeit lang so bleibt.

Was denken Sie, wenn Sie manchmal auf Ihr Werk blicken?
So etwas mache ich nicht! Ich habe überhaupt nichts übrig für diese Nabelschau oder Nostalgie-Show. Ich lebe im Hier und Jetzt. Und einige Filme, auf die ich nach all den vielen Jahren immer noch angesprochen werde, finde ich sogar schlicht schrecklich. „Sid and Nancy“ zum Beispiel habe ich komplett von meiner Festplatte gelöscht. Auch in Luc Bessons Film „Das fünfte Element“ finde ich mich schrecklich. Natürlich gibt es Filme, auf die ich stolz bin; dazu gehört die John-le-Carré-Verfilmung „Dame, König, As, Spion“, in der ich George Smiley spiele, oder Oliver Stones „JFK – Tatort Dallas“.

Was ist mit „Léon – Der Profi“?
Auch daran habe ich schöne Erinnerungen. Und natürlich gibt es noch andere Filme mit mir, die ich mag. Wogegen ich mich aber wehre, ist diese Glorifizierung des Schauspieler-Berufes. Wenn ihnen ein Schauspieler erzählt, dass er „ganz eins wurde mit der Rolle“, ist er entweder schizophren – oder er verarscht Sie. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe die Schauspielerei. Sie erfüllt mich und ermöglicht mir ein schönes Leben. Aber wie ich vor Jahren schon sagte: Sollte ich mal sehr reich sein, höre ich auf einen Schlag mit der Schauspielerei auf und spiele lieber an einem Karibik-Stand mit meinen Kindern Fußball. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Und solange es nicht so weit ist?
Bis dahin sage ich mir nach jedem Film: Okay, mach es noch einmal. Und wenn es geht, mach es besser!

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