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Eine Näherin in Bangladesch: die meiste Kleidung wird unter schlechten Bedingungen produziert - und hat dann auch eine schlechte Qualität.

Billige Kleidung

Der Preis der Billigware

Haargenau das gleiche T-Shirt dutzendfach im Kleiderschrank? Kann passieren, wenn es so gut wie nichts kostet. Aber kaum jemand denkt über die Konsequenzen nach: Die kurzlebige Billigware zerstört das Berufsbild qualifizierter Designer und lässt Tonnen von Altkleidern entstehen.

Von Carmen Böker

Es ist eine erstaunliche Vorstellung, dass Frauen, die schon fünfzig T-Shirts im Schrank haben, sich in eine lange Schlange stellen, geduldig auf die Geschäftseröffnung warten und dann mit einem Baumwollleibchen von dannen ziehen, das haargenau jenen gleicht, die sich schon dutzendfach im Kleiderschrank stapeln. Doch man kann es beobachten, wann immer hierzulande eine Filiale von Primark eröffnet; ein Schild, auf dem „4,95“ als Kaufpreis steht, scheint unwiderstehlich zu sein. Der irische Konzern ist, nach Hennes & Mauritz, Zara und Mango der nächste, der auf den für Fast-Fashion-Ketten so wichtigen deutschen Markt drängt. Primark bietet, wie seine Konkurrenten, Basics, die man bekanntermaßen immer brauchen kann; viele davon, wie Strickjacken, Pullover und T-Shirts, darf man, wie man in der nächsten langen Schlange vor den Umkleidekabinen erfährt, nicht mal mehr anprobieren, sie sind gewissermaßen Mitnahmeartikel, deren Passform nur irgendwie hinkommen soll.

Tausende Tonnen Altkleider

Den auffälligeren Teil des Sortiments allerdings bildet bei all diesen Anbietern die sogenannte High Street Fashion, benannt nach der Haupteinkaufsstraße jeder beliebigen, mindestens mittelgroßen Stadt – oder aber nach der tatsächlichen High Street in London, wo alle, wirklich alle Massenmode-Konzerne mit kathedralengroßen Läden ansässig sind. High Street Fashion ist das, wodurch man Schritt hält mit dem, was bei den Modenschauen dieser Welt gezeigt wird – oft jedoch mit dem Ruch der dreisten Kopie.

Ist dieses Mango-Kleidchen mit dem Schwalbenmuster nicht jenem von Miu Miu recht ähnlich? Erinnert dieser digitale Blumenprint bei Primark nicht sehr an die Entwürfe der teuer gehandelten Mary Katrantzou? Den Kundinnen ist das ziemlich egal, so lange sie den Trend für einen Bruchteil jenes Preises mitnehmen können, mit dem er in den Boutiquen der Designer gehandelt wird.

„Dress For the Moment“ ist der Slogan einer anderen Kette, New Yorker. Man muss nicht warten, um sich ein akutes Ausstattungsbedürfnis zu erfüllen, man kann sofort im neuen Look glänzen, ohne lästig darauf sparen zu müssen. Das ist die hübsche Botschaft, die der US-Autorin Elizabeth L. Cline zufolge eine hässliche Kehrseite hat: „Billige Kleidung untergräbt die Leistung derjenigen, die nähen, verkaufen und designen, und sie bringt das traditionelle Handwerk zum Verschwinden.“ So erklärt sie es in ihrem soeben erschienenen Buch „Overdressed. The Shockingly High Cost of Cheap Fashion“. Es beginnt mit ihrem schlechten Gewissen angesichts des überquellenden Kleiderschranks. Und es führt sie zu der Erkenntnis, wie folgenreich die schnelle Mode für uns ist, einmal angefangen damit, dass Tausende Tonnen von Altkleidern anfallen, die kaum wiederverwendet werden können. Gerade jene Stücke, die auf den Glamour-Effekt hin konzipiert wurden, sind diejenigen, die nach der dritten Wäsche jegliche Fasson verloren haben. Mit dieser rasanten Verfallszeit wird die billige Mode dann doch ziemlich teuer, denn auch für ein Fünf-Euro-Shirt muss alsbald Nachschub her. Aber die kurze Lebenszeit passt natürlich wunderbar ins Fast-Fashion-Konzept, bei dem nicht zweimal jährlich neue Kollektionen in die Läden gebracht werden, sondern kontinuierlich neue Stücke eintreffen, um das Interesse der Kundschaft wachzuhalten. Bei H&M dauert die komplette Produktionsstrecke acht Wochen, Zara benötigt, von der Skizze bis zur Auslieferung, gerade einmal zwei Wochen. Normalerweise rechnet ein Designer mit neun Monaten, bevor sein Entwurf in den Läden angekommen ist.

Quantität statt Qualität

Beschleunigung und Preisverfall, schreibt Elizabeth L. Cline, haben gravierende Auswirkungen: Weil wir uns die Mode einfach so schnappen können, ist sie uns nicht mehr lieb und teuer. Man muss nicht darauf sparen, vieles ist nicht teurer als ein Mittagessen bei McDonald’s. Statt einer Vielfalt an Stoffen und Texturen, statt der herrlichen Heimlichkeit, mit der man im Geschäft über einen spinnwebzarten Stoff streichen konnte, gibt es allerdings auch bloß noch billigen Polyester – seidig, gekreppt, hauchdünn oder deckendick und, pardon, nur zusammen mit reichlich Deodorant zu ertragen, denn er schottet den Körper bei höheren Temperaturen doch unangenehm dicht ab.

Auf Youtube gibt es diverse Polyester-Räusche zu besichtigen, als Dokumente von Shopping Hauls in den USA, was sich am besten mit Schnäppchen-Beutezug übersetzen lässt. Es geht darum, zur Zerstreuung möglichst viel möglichst Billiges zu kaufen, die unbändige Freude über eine drastisch herabgesetzte Prada-Tasche, der man seit Monaten nachstellt, passt nicht in dieses Konzept. Sondern ganze Arme voller Sonderangebote. Sie würde, sagt Lee Councell, eine der Eifrigsten, prinzipiell keinen Blazer kaufen, der mehr als 45 Dollar kostet. Sie hat an die zwanzig davon, für manche musste sie nur acht Dollar bezahlen. In dem Video „My Blazer Collection“ führt sie, unter dem Namen mamichula8153, einen nach dem anderen vor. In Weiß, Schwarz, Grau, geschnürt, doppelt geknöpft, mit Reißverschluss, kurz, lang?… Das Dumme an diesem Video ist nur: Man sieht eine hübsche junge Frau, die ungelenk vor einer ziemlich scheußlichen Einbauküche posiert und gar nicht verstünde, warum man davon nicht beeindruckt ist. Von dieser Quantität, die an die Stelle der Qualität tritt.

Billige Materialien, billige Arbeitskräfte

Die Freude an den feinen Unterschieden ist lange schon verschwunden. Es wird nie wieder so sein, wie es Emile Zola 1884 – also zu jener Zeit, da Shopping sich als Freizeitbeschäftigung und Mittel der Zerstreuung etablierte – in seinem wunderbaren Kaufhaus-Roman „Das Paradies der Damen“ ausgeschmückt hat: „Hier war eine Ausstellung von Seiden-, Atlas- und Samtstoffen in den prächtigsten Farben gezeigt: ganz oben die Samte, vom tiefsten Schwarz bis zum zarten Milchweiß; weiter unten die Atlasstoffe in Rosa, in Blau, in weichen Farbtönen; noch tiefer schließlich die Seidenstoffe, eine ganze Skala des Regenbogens, da ein Stück zu einer Schleife aufgebauscht, dort ein anderes in Falten gelegt, wie zum Leben erwacht unter den geschickten Händen der Dekorateure.“

Es ist ein Roman aus einer Zeit, in der ein Kleid leicht einen kompletten Monatslohn kosten konnte – deswegen wollten die Kunden das Beste, was sie sich leisten konnten. Es sollte sie ein wenig über ihren gesellschaftlichen Stand erheben, es musste jahrelang halten und wurde rund um die Uhr getragen. Oder aber wegen Verschleiß geändert. Heute gibt es genug Menschen, die nicht mal einen Knopf an ein Hemd annähen können. Und die eine Hose wegwerfen, nur weil der Saum heruntergetreten ist. Für Kleidung werden wertvolle Ressourcen eingesetzt, doch wertgeschätzt wird sie nicht.

Die Schnitte und die Fertigung sind heute so simpel, dass die Stücke überall auf der Welt produziert werden können. Man braucht nicht länger qualifizierte Arbeiter für die paar mehr oder weniger geraden Nähte (von unsichtbar angenähten Säumen mal ganz zu schweigen), Ungelernte reichen völlig aus, und die sitzen dort, wo über Mindestlöhne nicht einmal laut nachgedacht wird; momentan verlagert sich vieles schon wieder von China nach Bangladesch. Als vor den Olympischen Spielen bekannt wurde, dass der – ziemlich teure – Designer Ralph Lauren die Parade-Uniformen für die Athleten in China hatte fertigen lassen, da war die Empörung groß. Doch nur zwei Prozent der Kleidung für die USA werden dort noch hergestellt, die heimische Industrie ist verschwunden und dadurch die Millionen mit ihr verbundenen Arbeitsplätze. Um billige Kleidung herzustellen, ist man auf billige Materialien angewiesen. Aber mehr noch auf billige Arbeitskräfte. Vielleicht ist es also doch nicht so clever, mit seinen Schnäppchen anzugeben.

Luxusmode immer teurer

Wobei das heute zum guten Ton gehört: zum Beispiel, darauf hinzuweisen, besser noch, zu prahlen, dass das Abendkleid von H&M stammt – mit dem Vermerk, dass teuer ja jeder könne. Was auch nur noch zu einem sehr kleinen Teil wahr ist. Denn mit der Geschwindigkeit, mit der Billigmode immer billiger geworden ist, ist auch Luxusmode immer teurer geworden. Zwischen 1998 und 2010, schreibt Elizabeth L. Cline, hätten sich die Preise für Kleider im High-End-Bereich mehr als verdoppelt, ähnlich heftig zogen die Preise für Schuhe von Manolo Blahnik an oder für Taschen von Hermès. Beides sind Lieblingslabel aus dem Kosmos der Ende der Neunzigerjahre gestarteten Serie „Sex And the City“, mit der es die Zuschauer spätestens lernten, Marken wie Reliquien zu verehren. Die Sonderangebotsetiketten am unteren Ende der Skala werden dadurch nur noch unwiderstehlicher.

Im Griechenland der Antike gab es schon Aufruhr, als Phidias die Statue der Athena im Parthenon statt aus Elfenbein billig aus Marmor meißeln wollte. Schnäppchentum war damals richtig unpopulär.

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