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Krachmachen: Die Grenzen zwischen Poser, Tuner und Raser sind oft fließend.

PS-Fetischisten

Poser, Tuner, Raser: „Das Auto ist eine Art Ersatzmaßnahme“

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Defizite in anderen Lebensbereichen gleichen manche Menschen mit einem heftig getunten Wagen aus, sagt der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss.

Karl-Friedrich Voss ist Vorsitzender des Bundesverbandes der Verkehrspsychologen.

In Hessen haben Diebe kürzlich einem Privatmann ein Auto mit 600 PS gestohlen. Wer fährt so einen Wagen überhaupt?
Da kann man sich verschiedene Fälle vorstellen. Es gibt die sogenannte Tuning-Szene, wo alle gern schnelle Autos haben möchten, mit viel PS, und diese künstlerisch weiterentwickeln zu aus ihrer Sicht schönen Objekten. Dann gibt es Leute, die einfach schnell vorankommen wollen und sich deswegen so ein Auto kaufen, das reichlich übermotorisiert ist. Und dann gibt es Leute, die so ein Auto als Statussymbol ansehen, das man sich mal ausleihen möchte oder das man stiehlt, um sich selbst anzueignen, was sie in so einem Auto sehen.

Zu Ihnen kommen Leute, die ihre Fahrerlaubnis verloren haben oder Punkte abbauen wollen. Was haben sie gemeinsam?
Das größte Problem haben Leute, die mit dem Auto Minderleistungen in anderen Bereichen kompensieren, hauptsächlich im beruflichen Bereich, aber auch im Bereich der Familie. Das Auto ist da eine Art Ersatzmaßnahme, die manche Leute sehr intensiv betreiben, in dem sie ihr Auto nicht nur angucken, sondern damit schnell fahren, und zwar auch dort, wo das wegen einer Geschwindigkeitsbegrenzung nicht zulässig ist.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Die Freiheit hat Grenzen

Wenn nun diese Fahrer vor Ihnen sitzen und ihr Verhalten ändern sollen, wie gehen Sie da vor?
Unterschiedlich. Die größere Gruppe sind die, die es erfahrungsgemäß mit den Vorschriften nicht so genau nehmen. Das bedeutet: Da macht sich beim Erkennen und Einhalten von zulässigen Höchstgeschwindigkeiten ein großzügiger Umgang breit, weil man das, was man selbst für wesentlich hält, in anderen Bereichen wiederfindet, etwa im beruflichen Bereich. Da wird dann auch Bußgeldbescheiden nicht die angemessene Bedeutung beigemessen. Das sind die leicht lösbaren Fälle.

Wieso leicht?
Ganz einfach, weil alle Menschen in bestimmten Bereichen im Laufe der Zeit anfangen, nachlässig zu werden. Wer zwanzig Mal durch eine Straße gefahren ist, hat ein Bild der Situation und fängt an, seine Erfahrung zum Maßstab für das Verhalten im Straßenverkehr zu machen. Das kann jedem passieren. Diese Leute bekommen ein Wahrnehmungstraining.

Karl-Friedrich Voss.

Und die schweren Fälle?
Das sind die, wo es in der Entwicklung einer Person nicht weitergeht. Da muss dann das Auto herhalten. Das betrifft die Wahl des Autos und auch die Fahrweise. Da ist eine sehr starke Identifikation mit dem, was ein Auto darstellt. Bei diesen Fahrern geht es dann darum, dass sie sich ihre Gesamtsituation vergegenwärtigen, sie überdenken und Korrekturen anbringen. Das ist eine langwierige Angelegenheit, aber bei manchen kommt man zu erstaunlichen Entdeckungen.

Zum Beispiel?
Ich hatte einen Kandidaten, der über den Führerscheinentzug beleidigt war, weil in der Verfügung stand, er sei „ungeeignet“. Das hat ihn so gekränkt, dass er sofort mit dem Auto zum Bäcker gefahren ist, um zu zeigen, wie gut er Auto fahren kann. Der hat sich so stark mit dem Auto identifiziert, dass er auch noch die Entziehung falsch verstanden hat. Bei diesem Mann ist während der Sitzungen einiges anderes im Leben in Gang gekommen, sodass das Auto gar nicht mehr wichtig war. Er hat den Test bestanden und alles war gut.

Gibt es Unbelehrbare, die überzeugt sind, dass sie besser als andere fahren und deswegen nicht auf Regeln achten müssen?
Das kann man ja so sehen, diese Leute sparen aber den Begriff „Fahreignung“ aus. Fahreignung bedeutet, Vorschriften einzuhalten. Wenn jemand sagt, ich brauche keine Vorschriften, kann man so jemanden im Straßenverkehr auf Dauer nicht gebrauchen. Es geht nicht ums Können, sondern darum, das eigene Fahrverhalten und das, was der Staat erwartet, unter einen Hut zu bringen. Wer die staatlichen Anforderungen nicht berücksichtigt, hat auf Dauer Probleme.

Sitzen in Ihren Kursen mehr Frauen oder mehr Männer?
Das sind alles nur Männer, Frauen sind ganz selten dabei. Das heißt aber nicht, dass Frauen besser sind, sie haben nur eine andere Herangehensweise. Das wird oft übersehen.

Interview: Tatjana Coerschulte

Spezialeinheit in Frankfurt

Die Polizei in Frankfurt hat auf sich häufende Beschwerden über Motorenlärm reagiert, indem sie die „Kontrolleinheit Autoposer, Raser und Tuner“ (Kart) gründete. Die acht Kart-Polizisten sind grundsätzlich in Zivilfahrzeugen unterwegs und nehmen Tüv-Gutachter mit auf Streife. „Die entsprechende Szene kennt die Kollegen inzwischen“, sagt Polizeisprecherin Chantal Emch.

Die Gutachter vom Tüv machen Beanstandungen gerichtsfest. Den Experten fallen zudem Veränderungen auf, die ein Laie nicht bemerken würde: „Sie haben ein sehr geschultes Auge“, sagt Emch. Manche Fahrer kleben mit Folien Scheinwerfer und Scheiben ab – das könne zu dunkel ausfallen. Andere legen das Fahrgestell so tief, dass Reifen platzen können, oder bohren ein Loch in die Auspuffanlage, damit das Auto lauter ist.

Die Testphase dauerte ein Jahr: Die Kart-Polizisten stellten 190 Fahrzeuge sicher und schrieben 347 Anzeigen wegen Lärms oder verkehrsunsicheren Fahrzeugen. Der Spitzenwert bei der Geräuschmessung von Pkw lag laut Emch bei 109 Dezibel – das entspricht einer Kettensäge. Ein Motorrad war mit 130 Dezibel unterwegs – 120 Dezibel verursacht ein Düsenjet.  

Mittlerweile wird auch in anderen hessischen Städten Jagd auf die Poser-Szene gemacht - bei Kontrollen in Wiesbaden etwa gab es Fahrverbote und Autos wurden stillgelegt

Hanau geht mit dem sogenannten „Actibump“-System gegen tiefergelegte Protzkarren vor.  

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