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„Du sitzt erst mal wie ein spielendes Kind auf den Unterschenkeln.“

Porno-Industrie

Das Spiel mit dem Trieb

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In Japan sind Pornofilme, in denen Frauen kleine Mädchen spielen, ein populärer Fetisch. Zu Besuch in einer Welt zwischen Lolita-Fantasie und Pädophilie. 

An freien Tagen trägt sie Lippenstift und Lidschatten, aber wenn gedreht wird, kommt Hikaru Minatsuki ohne Makeup. „Welche Grundschülerin schminkt sich denn schon?“, sagt sie in einem Ton, als wäre nichts offensichtlicher. Wenn sie am Set nicht in die typische Schuluniform im Matrosenstil schlüpft, trägt sie matte Farben, weil japanische Mütter beim Shopping für ihre jungen Töchter meist solche Töne auswählen. Und bevor es losgeht, rasiert sich Hikaru Minatsuki noch schnell im Schritt. Ein paar Handgriffe, die aus einer jungen Frau ein Mädchen machen.

Hikaru Minatsuki muss es wissen, auf diesem Gebiet gehört sie zu den Expertinnen. Es ist Nachmittag im westlichen Zentrum von Tokio, Minatsuki bereitet sich auf eine Fesselszene vor. Für sie, einen aufstrebenden Stern am japanischen Pornohimmel, hat die Bar Arcadia im Rotlichtviertel Kabukicho heute extra früher aufgemacht. Normalerweise lässt das Sadomaso-Etablissement erst abends Besucher zu, aber für ein Drehteam des Genres Lolicon, eine Abkürzung für Lolitakomplex, also die männliche Zuneigung zu Frauen mit stark kindlichen Zügen, lohne sich eine Ausnahme. Und ein an die Wand gekettetes Kind? Das sei mal was Besonderes.

Die Darstellerin: Hikaru Minatsuki. 

Der Regisseur, ein fülliger Typ mittleren Alters mit Brille und Stoppelbart, und der Promoter, ein hagerer junger Mann in Anzughose, sind überpünktlich am Drehort angekommen. Der ebenfalls stilecht gekleidete Barbesitzer, dessen Aufmerksamkeit wegen seiner abgedunkelten Brillengläser schwer vom Gesicht abzulesen ist, inhaliert den Rauch einer filterlosen Zigarette. Der 1,50 Meter kleine Star des Tages trinkt Malztee mit Eiswürfeln. Am Set geht es locker zu. „Viele Menschen lieben es, junge Mädchen beim Sex zu sehen“, sagt Shisui Usuba, der Regisseur, als er die verschiedenen Seile an der Wand inspiziert.

So ein Satz geht dem Filmemacher leicht über die Lippen. Barbesitzer, Promoter und Darstellerin quittieren ihn mit nüchternem Nicken, unangenehm berührt wirkt hier niemand. Usuba wendet sich seinem gewünscht ungeschminkten Star zu: „Hikaru-san, ich würde dich dann gerne auf der Bank da vorne haben. Du sitzt erst mal wie ein spielendes Kind auf den Unterschenkeln da, und dann sehen wir weiter, was passiert. Ganz natürlich. Okay?“ – „Okay!“, entgegnet sie mit hoher Stimme. „Super. Mit den nächsten Filmen will ich dich nämlich ein bisschen pushen, weißt du?“ – „Echt? Danke!“

Bisher hat Hikaru Minatsuki schwerpunktmäßig Streifen gedreht, in denen sie als ungefähr Zehnjährige von einem erwachsenen Mann verfolgt und dann vergewaltigt wird. Solche Szenen mit „muriyari“, also Zwang, fühlten sich für sie nicht seltsam an. „Von allen Genres ist das mein liebstes“, sagt sie auf der Bank sitzend, mit einem fröhlichen Blick, und fuchtelt mit den Händen, als wollte sie ein Kind mimen, das gerade Geburtstagsgeschenke auspackt. „Vor allem als Grundschülerin macht mir das Spaß. Dann bin ich so schön naiv.“

Der Barbesitzer: Doyama Tessin.

Meint sie das ernst? Im wahren Leben ist Hikaru Minatsuki 20 Jahre alt, wurde nie vergewaltigt und hat die Schule längst abgeschlossen. Aber wenn sie, vor ihren Eltern verheimlicht, als Pornodarstellerin in die Rolle einer Minderjährigen schlüpft, sei eben einiges anders. Vor der Kamera könne sie wilde Fantasien ausleben, zugleich jene der Zuschauer befriedigen. Wie echt das Gefilmte wirklich sei, findet sie zweitrangig. „Ich will möglichst jung wirken. Das ist auch mein Sellingpoint bei den Zuschauern.“ Für Hikaru Minatsuki, die durch westliche Augen aussieht wie eine 13-Jährige, ist es ein Kompliment, wenn bei ihrem Anblick die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion sehr schwerfällt.

Gegenüber, auf einer hartgepolsterten Bank sitzend, steckt sich auch Kazuya Mitsui, der Promoter von Hikaru Minatsuki, eine Zigarette in den Mund. Gleichzeitig beantwortet er einen Anruf, bei dem es um eine andere Darstellerin geht, die vor der Kamera ebenfalls noch jünger wirken soll als in der Realität ohnehin schon. „Ja, können wir wohl machen“, sagt Mitsui mit hektischen Gesten, „lass uns das später besprechen, okay?“ Von den gut 300 Darstellerinnen, die Mitsuis Arbeitgeber „Bambi Promotion“ vertritt, ordnet sich die Hälfte dem Lolicon-Genre zu. Für den Vertreter ist das offensichtlich: „Die Modelle werden schon sehr gut nachgefragt.“

Was in westlichen Ländern eines der strengsten Tabus überhaupt ist und das Ansehen populärer Persönlichkeiten sofort und für immer ruinieren kann, stößt in Japan auf ein gewisses Verständnis. Pädophilie ist auch hier illegal, Kinderpornografie darf weder vertrieben noch besessen werden. Aber ein Derivat davon, wie zum Beispiel Sexvideos mit als kindlich aufgemachten Darstellern, das gilt gesellschaftlich als halbwegs akzeptabel.

Auch in anderen Ländern wird mit Kindlichkeit gespielt, doch in Japan ist der Beliebtheitsgrad auffallend hoch. Sexshops werben mit Schulkostümfilmchen und vermeintlichen Mädchen im Schwimmunterricht, zahlreiche Mangas handeln von Sex zwischen Kindern. Ein weiteres Geschäftsmodell bietet Zeit mit Schülerinnen an, die Kunden in Form von Spaziergängen oder Nickerchen auf dem Schoß der Dienstleisterinnen verbringen können.

Diese Szene, die legal ist, weil entweder kein Sex gekauft oder der Sex nicht von echten Kindern gemacht wird, gehört als fester Bestandteil zum erotischen Mainstream. Wilde Mädchen sind in Japan, hinter dem Motiv der untreuen Hausfrau, das erfolgreichste Pornogenre. Von den 50 bis 70 Filmen, für die Bambi Promotion jede Woche Darstellerinnen vermittelt, macht ungefähr ein Drittel solche Pseudokinderpornografie aus.

Der Promoter: Kazuya Mitsui

Shisui Usuba, der Direktor für die Produktion des Nachmittags, erklärt sich zu einem Gegner von Pädophilie. Gleichzeitig versteht er die Aufregung nicht, wenn es um Lolicon geht. Er macht den Job seit Jahren, Pseudokinderporno gehört auch zu seinen Lieblingsgenres. Und Usuba findet nicht, dass man sich dafür schämen müsste. „Natürlich gibt es Leute, die pädophil sind. Diese Neigung werden sie nicht aus dem Kopf bekommen. Aber vielleicht können wir mit diesen Filmen deren Verlangen stillen.“ Bei seinem letzten Prüfgang durch diese dunkle, enge Bar voller Folterutensilien sieht sich Usuba ein paar schwarze Handschellen und Masken genauer an. Danach setzt er sich an den Tresen, über dem ein Gerüst für Fesselspiele an der Decke hängt. Usuba atmet tief aus: „Ich glaube, wir tun mit unserer Arbeit Gutes.“

Noch so ein Satz, der in westlichen Ohren, mit dem Bild eines Kindes vorm inneren und ja irgendwie auch dem äußeren Auge, unvorstellbar klingt. Pseudopädophilie als Heilung von Pädophilie? Reflexartig verortet man darin eine Verharmlosung von Triebtätern, womöglich auch, statt der Befriedigung eines dunklen Verlangens, Inspiration für künftige Kriminalfälle. Denn wird Pädophilie nicht eher trivial und akzeptabel gemacht, indem man sie einfach so im Laden kaufen kann? Provoziert die Erotisierung solcher Neigungen nicht die Übersetzung vom Fiktiven ins Reale?

Missbrauch im Netz
Die in Großbritannien ansässige „Internet Watch Foundation“ berichtet, täglich alle sieben Minuten die Inhalte einer Website als sexuellen Kindes- missbrauch einzustufen. Die meisten Domains mit offiziell als kinderporno- grafisch klassifiziertem Material stammen laut der Organisation aus Europa. Die fünf Länder mit den meisten Domains sind demnach: Niederlande, USA, Kanada, Frankreich, Russland. Allerdings stiegen in Japan zuletzt auch die Fälle konfiszierter (klassifizierter und daher illegaler) Kinderpornografie an.

Auch Hikaru Minatsuki, die von sich sagt, der Gedanke an Vergewaltigung inspiriere sie als Darstellerin, versteht die Aufregung nicht, umso mehr aber die Erregung. Als sie vor zwei Jahren in der ländlichen Präfektur Akita im Norden des Landes die Schule abschloss, zog sie nach Tokio, weil sie sich für Mode interessierte. Zuerst arbeitete sie in einem Kleidungsgeschäft, habe sich heimlich aber schon früh für Pornografie interessiert. Als sie auf der Straße angesprochen wurde, habe sie es nach anfänglichen Bedenken ausprobiert. „Heute weiß ich, dass wir sicher und sauber produzieren. Deswegen sehe ich kein Problem damit.“

Eine ernste Sache seien für sie nur die Produktionsbedingungen, das Endprodukt aber habe mit der Realität nicht zwingend viel zu tun, das sei schließlich Kunst. In dem halben Jahr, das Hikaru Minatsuki nun in der Branche arbeitet, hat sie an die 40 Filme à 120 Minuten gedreht. „Herrn Usuba fallen ja immer wieder neue Dinge ein.“ Der gibt gleich Beispiele: „Mal wird sie während der Rushhour in der U-Bahn angegrabscht, mal hat sie als Schülerin eine Affäre mit ihrem Lehrer. Wir machen ganz unterschiedliche Storys.“ Die wiederkehrende Logik: Der Zuschauer soll in Minatsuki ein Kind sehen.

Usuba habe sich vom ersten Moment in Minatsuki verliebt. Auf professionelle Weise, wie er betont. Und die umgarnte Darstellerin kichert, als sie seine Beschreibungen hört: „Ihre kindliche Art ist sehr natürlich. Wenn sie Tee trinkt, hebt sie das Glas mit beiden Händen. Wenn sie sitzt, stellt man sich gleich vor, wie sie mit Bauklötzen spielen könnte. Körperlich passt sie auch ins Bild, ihre Brüste sind klein.“ Kazuya Mitsui, dem Promoter, fällt auch noch was ein: „Hikaru-san spricht ja auch wie ein kleines Mädchen.“ Da fuchtelt diese wieder lächelnd mit den Armen. „Danke!“

Natürlich wandelt dieses Spiel mit Kindlichkeit auf einem schmalen Grat. Wer diese Gesten von Hikaru Minatsuki nicht nur niedlich findet, sondern anziehend, gibt das auch in Japan nicht öffentlich zu. Eher verhält es sich wie mit jedem anderen Fetisch: Eine private Angelegenheit, die sich ausleben lässt, ohne dass man sich auf moralische Weise schuldig fühlen müsste. Schmutzig? Ja. Verwerflich? Nicht so richtig.

Und der Gedanke, wie ihn Shisui Usuba formuliert, ist durchaus attraktiv: Wenn pädophile Menschen Kinderpornografie konsumieren können, die eigentlich gar keine ist, kam beim Dreh niemand durch Kindesmissbrauch zu Schaden. Wenn diese Filme dann auch noch pädophilen Übergriffe vorbeugen, können sich die Hersteller dieser Streifen fast als Kinderschützer feiern. Ist das Wunsch oder Wirklichkeit?

Forschungen dazu sind bisher mehrdeutig. Eine Untersuchung US-amerikanischer Gefängnisinsassen kam 2009 zum Ergebnis, dass 98 Prozent der dortigen Kinderpornokonsumenten auch schon Kinder real missbraucht hatten. Dagegen zeigte eine Studie aus demselben Jahr an Schweizer Straftätern, dass der Konsum von Kinderpornografie allein noch kein Risikofaktor für Handgreiflichkeit ist. Mit Bezug auf Japan, wo sexuelle Darstellungen von Kindern leichter erhältlich sind als in den USA, aber zumindest die Zahl registrierter Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs deutlich niedriger liegt, schrieb der Japanologe Patrick Galbraith in einem Aufsatz: „Der Drang, Bilder von sexualisierten Mädchen zu sehen, reflektiert nicht notwendigerweise einen Drang der Zuschauer oder beeinflusst diese, Mädchen zu missbrauchen.“

Der Regisseur: Shisui Usuba.

Womöglich seien verschiedene Kulturen unterschiedlich gut darin, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Ein übliches Beispiel dafür sind die Folgen von Gewalt in der Popkultur. In den USA, wo durch Videospiele und Filme die Darstellung von Gewalt omnipräsent ist, werden vergleichsweise viele Menschen durch Amokläufe getötet. In der Schweiz, wo ähnlich wie in den USA viele Familien Schusswaffen führen und Gewaltdarstellungen ebenso allgegenwärtig sind, kommt dies viel seltener vor. Ein möglicher Grund ist, dass Schweizer weniger als US-Amerikaner dazu neigen, sich von Schießereien auf dem Bildschirm zu wahren Taten angestachelt zu fühlen.

Und so könne es schließlich auch mit Pornografie sein. In der Bar Arcadia sieht man das jedenfalls so. Der Besitzer, Doyama Tessin, sieht in Lolicon sogar einen Fetisch im besten psychoanalytischen Sinn. „Es ist wie mit meinen Kunden jeden Abend“, nuschelt er, während er mit seiner Hand voller Klunker an den Fingern die nächste Filterlose über dem Tresen abascht. „Die Leute kommen abends zu mir, um sich auspeitschen zu lassen oder jemanden auszupeitschen. Die sind nicht mehr oder weniger gewalttätig als andere Menschen. Aber die Tracht Prügel hilft ihnen, um durch den Alltag zu kommen. Das befreit sie.“ Dass Kinderporno eine ähnliche Funktion ausfüllt, kann Tessin nicht beweisen, seine jahrzehntelange Erfahrung als Fesselmeister lehre es ihn aber.

Die Crew muss den Dreh vorbereiten. Kazuya Mitsui klemmt seine Aktentasche unter den Arm und verbeugt sich, Hikaru Minatsuki winkt mit beiden Händen und lächelt, Shisui Usuba streckt die Rechte zum Handshake aus, Doyama Tessin nickt und atmet weiter Rauch aus. Draußen wird der Himmel dunkler, die Laternen und Reklamen von Kabukicho leuchten schon heller als die Sonne. Hier und da strahlen kindliche Gesichter von den Wänden. Sind das Kinder, oder tun die nur so?

Ein schneller Besuch im nordöstlich gelegenen Akihabara, am anderen Ende des Stadtzentrums. Dort ragt der siebenstöckige „M’s Pop Life Adult Department Store“ in den dunklen Himmel, Tokios größter Sexshop. Zur Feierabendzeit herrscht hier Gedränge. Das Angebot reicht von Dildos in allen Größen, Farben und Funktionen über Kostüme, SM-Ausrüstung, Taschenvaginas und Gummipuppen. Immer wieder aber zu finden: Videos mit pädophilem Anstrich. Auf den Covers: junge Darstellerin mit vermeintlich noch nicht gewachsener Oberweite in Schuluniformen, Pünktchen- und Rüschenunterwäsche.

Vor einem Regal hantiert ein durch seine blaue Schürze als Mitarbeiter erkennbarer Mann mit DVDs. Er sortiert nach Genres. Herr Fujiyoshi, wie dessen Namensschild erklärt, lächelt die Besucher mit einem erwartungsvollen Blick an, als würde er sich über jeden fachsimpelnden Austausch freuen: „Kann ich helfen?“ Auf die Frage, wie alt die jüngsten Darsteller in den Filmen hier seien, antwortet er souverän: „Früher hatten wir noch echte Mädchen, die im Badeanzug posierten. Sex hatten sie natürlich keinen, nackt waren sie auch nicht, sie waren einfach nur sexy. Das gibt’s hier aber leider nicht mehr.“

Die Regulierungen seien strenger geworden, wahrscheinlich wegen der anstehenden Olympischen Spiele im Sommer 2020, vermutet Herr Fujiyoshi. Wenn die Welt zu Gast in Tokio sei, wolle die Regierung wohl nicht den Eindruck erwecken, Pädophilie sei hier okay. Wie alt die jüngsten Darstellerinnen denn nun seien? „Jetzt müssen alle Personen mindestens 18 sein.“ Die Videos echter, knapp gekleideter Mädchen gebe es zwar noch zu kaufen, aber nicht mehr hier, nicht in den Regalen von Sexshops zwischen echter Pornografie.

Und diese Filme, in denen Grundschülerinnen Sex haben, wie werden die denn gemacht? Fujiyoshi muss lächeln. „Sie meinen Lolicon? Sie sehen aber schon, dass die Darstellerinnen in Wahrheit Erwachsene sind? Wenn Sie ein paar solcher Filme ansehen, werden Sie das schon erkennen.“ Wer wirklich auf Kinder stehe, für den sei Lolicon nach kurzer Zeit schon nicht mehr ganz so spannend.

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