1. Startseite
  2. Panorama

Populäre Patzereien

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Eckart Roloff

Kommentare

Hat eine Stadt einen Dom, werden deren Sportler ungefragt zu Domstädtern getauft.
Hat eine Stadt einen Dom, werden deren Sportler ungefragt zu Domstädtern getauft. © Imago

Nicht nur bei Olympischen Spielen verpassen Schützlinge Chancen aufs Podest. Die Kolumne.

Wie gut, dass es den Sport gibt, nicht wahr? Da werden mir viele Recht geben. Ebenso gut ist das mit den Sportreportagen. Die liefern – die Spiele in Peking haben es wieder gezeigt – auf Massen an Kanälen über Massen an Sportarten den begehrten Stoff zu Sieg und Niederlage, zu Medaillen und Meisterschaften. Doch sie haben ein Problem, und das mit ihrem entscheidenden Werkzeug: mit der Sprache. Ohne die geht gar nichts.

Nun gibt es dazu keine Gesetze, nur den nie ganz spielentscheidenden Duden mit allerlei Regeln. Die allerdings werden ja gern missachtet. Dazu kommen Moden und Geschmacksfragen. Im Journalismus etwa gilt die goldene Regel, dass man nicht allzu oft mit derselben Vokabel kommen sollte, schon gar nicht dicht hintereinander. Eine abwechslungsreiche Sprache macht Schluss mit „sie schießt“, „er stürzt“, „die Frankfurter“. Um die Wiederholung des Immergleichen zu vermeiden, gibt es eine Fülle von Synonymen, also gleichbedeutende oder zumindest sinnverwandte Worte. Die stehen in vielen Handbüchern.

Für Sportreportagen jedoch sind die nicht immer geeignet. Dafür müssten solche Wälzer wissen, dass man zum Beispiel für den SV Darmstadt 98 auch „die Lilien“ sagen kann, für den 1. FC Köln die „Geißbock-Elf“ und für Klopps FC Liverpool die „Reds“.

Hat eine Stadt einen Dom, werden deren Sportler ungefragt zu Domstädtern getauft. Dumm nur, wenn Köln etwa gegen Frankfurt oder Aachen antritt. Und Berlin hat auch einen Dom!

Und dann noch diese klangvolle Chance: Mozartstädter statt Salzburger. Beethovenstädter für Bonner Akteure wären noch zu haben. Aber lieber nicht. Besser Anleihen aus dem Reich der Tiere: die Löwen für 1860 München, die Fohlen für Borussia Mönchengladbach. Oder neue Kreationen für das, was auf dem Platz passiert – ob sie schön sind oder nicht, siehe „einnetzen“ statt „ein Tor schießen“.

Um den Namen eines Akteurs ja nicht zweimal hintereinander zu nennen, kennt die Sportsprache ganze Ketten von Vermeidungsstrategien. Parat stehen dafür unter anderem Heimatstadt und Nationalität, Ex-Verein und Alter, die Vertragsdauer samt der Spielweise von offensivem Linksfuß bis zum zurückfallenden Sechser. Wer das verfolgt, muss halt nur wissen, wie viele Leben ein Spieler mit aufs Feld bringt.

Doch dann gibt es noch das genaue Gegenteil des Sturms auf Synonyme. Nennen wir dieses Phänomen die P-Parade. Die reicht vom Patzen übers Verpassen bis hinauf zu Podium und Podest. Ohne Patzer geht in Reportagen gar nichts: Fehler, Schnitzer, Schwächen, Ausrutscher und Manko sind abgeschafft. Es wird gepatzt, gepatzt und nochmal gepatzt.

Und kein anständiger Bericht verpasst die Chance, das Verpassen zu zelebrieren. Es lässt sich ja auch fast alles verpassen: der erste Platz, der zweite und so weiter, die Qualifikation, die nächste Runde, ein neuer Rekord. Sport besteht demnach fast nur noch aus Verpasserei. Verpassen passt immer.

Wir gehen in die vorletzte Runde. Was da noch alles verpasst wird: das Podium und das Podest. Das ist das Treppchen für die ersten drei Plätze. Aber wer spricht schon von den Plätzen eins bis drei? Das geht gar nicht. Gefragt sind nur Podest und Podium, ob erreicht oder nicht.

Ab ins Finale: Dringend gesucht wird ein anderes Wort für jene Multimillionäre, die etwa im Tennis einen Trainer (oder auch mehrere) haben. Da kennen die Reporter und Reporterinnen nur einen Ersatz: den Schützling. Also, schlimmer geht’s nimmer.

Auch interessant

Kommentare