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„Fusion“-Festival

„Fusion“-Festival: Die Polizei will ins Paradies

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Aber da machen die Paradies-Betreiber nicht mit: Die Veranstalter des „Fusion“-Festivals wehren sich gegen die Pläne einer dauerhaften Präsenz. Bei dem Streit geht es letztlich um viel mehr als bloß um ein paar Tage Party.

Niemand kann bezweifeln, dass Sicherheitskräfte und Polizei jederzeit unbegrenzt Zugang zum Festivalgelände haben müssen“, hatte der Neubrandenburger Polizeipräsident Nils Hoffmann-Ritterbusch bei einer Pressekonferenz am Dienstag gesagt. Es geht um die „Fusion“ und Hoffmann-Ritterbusch um das Sicherheitskonzept, das in diesem, dem 23. Jahr des Festivals, erstmals zum Streitpunkt geworden ist.

Gestartet als alternativer Rave am Flugplatz Lärz in Brandenburg nahe der Stadt Mirow, zeichnet sich die mehrtägige Veranstaltung durch ihren selbstorganisierten, unkommerziellen Ansatz aus: Von den Künstlern, die bis zur Veranstaltung geheim bleiben und ohne Headliner-Position auskommen, über Theater und Workshops, fleischfreie Fressbuden, Bio-Toiletten bis zum Sicherheitskonzept eben, werden alle Bereiche des Festivals durch einen Zusammenschluss verschiedener Organisationen und Initiativen gestaltet.

Anlage und Anmeldung verwaltet der Verein Kulturkosmos Müritz als Veranstalter. Das selbstgesteckte Ziel: einen Freiraum schaffen, einen Ausflug ermöglichen in eine Welt, wie sie sein könnte, eine Flucht aus dem Alltag. Keine Werbung, kein Kommerz, keine Polizei – bis jetzt.

Auch „keine Presse“ galt bislang, Interviews gaben die Veranstalter aus Prinzip nicht, arbeitende Fotografen und Journalisten hatten in diesem Paradies nichts zu suchen. Das änderte sich letzte Woche schlagartig, als der Polizeipräsident eine Genehmigung des Festivals mit der Begründung verweigerte, das vorgelegte Sicherheitskonzept entspreche nicht den Anforderungen.

Dass zu dieser Zeit – etwa sieben Wochen vor der Veranstaltung – noch Forderungen, etwa Fluchtwege betreffend, offen sind, sei nicht ungewöhnlich, erklärt Jonas Hänschel, Sprecher des Kulturkosmos. Grundsätzlich sei man bereit, alle formalen Anforderungen umzusetzen. „Eine Forderung werden wir niemals erfüllen, nämlich, dass die Polizei anlasslos rund um die Uhr unsere Gäste überwachen darf“, sagte er der FR.

Die Polizei möchte eine Station auf dem Gelände einrichten, Beamte sollen anlasslos „bestreifen“ dürfen, also Besucher beobachten und kontrollieren. Den Kompromissvorschlag einer Polizeiwache vor den Toren des Festivals lehnte Polizeipräsident Hoffmann-Ritterbusch bislang ab. „Wer die Probleme erkannt hat und nicht reagiert, der gehört im Unglücksfall zu Recht auf die Anklagebank“, mahnt er mit Verweis auf die tödliche Massenpanik bei der Loveparade 2010, die heftigen Unwetter bei Rock am Ring 2016 und die Terrorwarnungen dort im folgenden Jahr.

Reagieren, das heißt für ihn zuerst einmal präsent sein, obwohl er zugibt, dass auch die Polizei einen Terroranschlag nicht zwangsläufig verhindern kann. Trotzdem sehe er sich im Rahmen des Gefahrenabwehrauftrags der Polizei bei einer Massenveranstaltung wie dieser zuständig.

Mit 70 000 Karten, die bereits seit Dezember ausverkauft sind, ist das selbstdeklarierte „größte Ferienlager der Republik“ tatsächlich sehr groß geworden. Gewachsen sind während dieses Prozesses aber auch eigene Strukturen bei den Veranstaltern und in die Region hinein, betonte Bürgermeister von Mirow, Henry Tesch (CDU) in einer Pressekonferenz: „Mir reicht es, dass man immer wieder Kulturen und Strukturen kaputt macht und dann wieder etwas über den Osten schreibt.“

Er könne nur den Kopf schütteln, wenn er höre, dass der Polizeipräsident, der dieses Jahr erstmalig für die Genehmigung des Festivals zuständig ist, sich nun Videos auf Youtube anschaue und das Gelände mit einem Hubschrauber überfliege, um sich einen Eindruck von der Fusion zu verschaffen. Das Aufeinanderprallen dieser Sichtweisen ist mittlerweile zum Politikum geworden.

Nicht nur, weil die Forderung nach Polizeipräsenz zur generellen Überwachung der Veranstaltung Ungutes ahnen lässt – gerade im Hinblick auf das momentan verhandelte neue Polizeigesetz Mecklenburg-Vorpommerns. Die Veranstalter stellen mit ihrem Aufbegehren eine Grundsatzfrage: Ist freies Versammeln und Feiern ohne Beobachtung durch die Polizei noch möglich in diesem Land?

Mehr als 115 000 Bürger, Festivalgänger, Medienvertreter, Clubs und Künstler haben bereits die Petition des Kulturkosmos unterschrieben – gegen anlasslose Kontrollen auf der Fusion und für ein freies Feiern.

Das, das freie Mitfeiern, wollte in diesem Jahr auch Cem Özdemir (Grüne) tun. Er hoffe auf einen Kompromiss, verkündete er auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Diesen Wunsch teilen Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und David Wulff, der Generalsekretär der FDP im Land. Beide stellten die Bedeutung des Festivals als kulturelles Highlight für die Region heraus.

Sollte keine Einigung mit dem Polizeipräsidenten möglich sein, wollen die Veranstalter den juristischen Weg gehen. Sie hoffen, dass dann die Stimmen der Petition berücksichtigt würden. Denn klar ist: Sollten sie vor Gericht verlieren, wird diese Fusion die letzte sein.

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