Polizist erschießt 17-Jährigen: Gewaltsame Proteste in Frankreich – Mehrere Festnahmen
Ein Polizist erschießt einen 17-Jährigen bei einer Verkehrskontrolle. Kurz darauf entbrennen schwere Proteste in den Vororten von Paris.
Update vom 29. Juni, 07.15 Uhr: Nachdem ein 17-Jähriger bei einem tödlichen Polizeieinsatz in Paris erschossen wurde, setzen sich die gewaltsamen Proteste fort. In der Nacht zum Donnerstag (29. Juni) wurden in Nanterre, einem Vorort der französischen Hauptstadt, mindestens drei Fahrzeuge in Brand gesteckt und Straßensperren errichtet. Die Demonstrierenden hinterließen Botschaften wie „Gerechtigkeit für Nahel“ und „Polizei tötet“ an den Hausfassaden. Auch in Lille, Nantes, Toulouse und Lyon versammelten sich Menschen, um zu protestieren, wie Le Figaro und BFMTV berichteten.
Um erneute Krawalle zu verhindern, wurden allein in Nanterre 2000 Polizeibeamte mobilisiert. Berichten zufolge wurden bei den Protesten in Frankreich in der vergangenen Nacht mindestens 77 Personen festgenommen. Eine Grundschule ging in Flammen auf. Zudem wurde ein Gefängnis in Fresnes bei Paris mit Feuerwerkskörpern angegriffen.

In Nizza wurden zwei Polizeiwachen und Streifenwagen mit Feuerwerkskörpern attackiert. In Mons-en-Baroeul, einem Vorort von Lille in Nordfrankreich, griffen vermummte Protestierende ein Bürgermeisteramt an, während in der nahegelegenen Stadt Roubaix eine Polizeiwache Ziel der Angriffe war.
Menschen in Frankreich gehen auf die Barrikaden – Banlieus brennen
Erstmeldung vom 28. Juni, 14.09 Uhr: Nanterre – In der Nacht auf Mittwoch (28. Juni) kam es zu schweren Krawallen in Vororten von Paris. Auslöser war der Tod eines 17-Jährigen, der bei einer Polizeikontrolle von einem Beamten erschossen wurde. Ein verifiziertes Video von dem Vorfall am Dienstagabend (27. Juni) liegt dem Sender France Info vor.
Das Video zeigt, wie eine Motorradstreife ein Auto stoppt, darin sitzen drei Personen, der 17-Jährige am Steuer. Ein Polizist hält seine Waffe bei der Kontrolle auf Höhe der Fahrertür. Als der 17-Jährige unvermittelt losfährt, fällt ein Schuss. Der Beamte feuert ihm offenbar aus nächster Nähe in die Brust. Danach rollt der Wagen noch einige Meter und rammt in eine Straßenabsperrung.
Polizist nach tödlicher Verkehrskontrolle festgenommen – Beamte ändern offenbar ihre Aussage
Nach dem Vorfall nahm die Polizei einen ebenfalls minderjährigen Mitfahrer fest und ließ ihn später wieder frei, der dritte ergriff laut Staatsanwaltschaft die Flucht.
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Beide Streifenpolizisten sagten laut France Info zunächst aus, der 17-Jährige habe sie überfahren wollen. Später rückten die Polizeibeamten von dieser Version aber ab und erklärten, der Jugendliche haben ihren Anweisungen nicht Folge geleistet und sei plötzlich losgefahren. Die angebliche Tötungsabsicht des Fahrers bemerkten sie demnach nicht mehr.
Der Beamte, der den tödlichen Schuss abgefeuert hatte, wurde von der Polizei in Gewahrsam genommen, gegen ihn wird wegen Totschlags ermittelt. Seinem 38-jährigen Kollegen droht eine Suspendierung. Am Morgen nach dem Vorfall versprach französische Regierungssprecher Olivier Véran lückenlose Aufklärung. Er sagt: „Die Familie und Frankreich werden Antworten bekommen.“
Krawalle nach tödlichem Schuss von Polizisten auf 17-Jährigen: Rathaus in Pariser Vorort brennt
In der Zwischenzeit ist viel passiert. Am Dienstagabend begannen die Unruhen mit einer Demonstration vor der Polizeiwache von Nanterre. Die Krawalle schwappten dann auf anliegende Banlieus über.

Unbekannte setzten das Rathaus von Mantes-la-Jolie in Brand. Auch Mülltonnen, Autos und eine Grundschule brannten. Protestierende errichteten Barrikaden zwischen den Hochhaussiedlungen und beschossen Einsatzkräfte mit explodierenden Feuerwerkskörpern. 31 Personen wurden festgenommen.
1200 Polizisten und Polizistinnen waren über die Nacht im Einsatz, teilte Innenminister Gérald Daramanin am Dienstagmorgen mit, 24 von ihnen wurden leicht verletzt. Um die Lage unter Kontrolle zu halten, sollen am Mittwoch 2000 Beamte anrücken.
Immer wieder Tote bei Verkehrskontrollen in Frankreich
Den Tod des 17-Jährigen bezeichnet Innenminister Daramanin als „Drama“, betont aber, es gebe viele Fälle, in denen Polizisten oder Polizistinnen nach zivilem Ungehorsam ums Leben kamen. In Frankreich geschehen immer wieder tödliche Zwischenfälle bei scheinbar banalen Zivilkontrollen. 2022 starben 13 Menschen, die sich bei einer Verkehrskontrolle der Polizei widersetzten oder davonfahren wollten, berichtet die Zeitung L‘Obs.
Die Empörung nach dem neuerlichen Vorfall ist in ganz Frankreich spürbar. Der Vorwurf von Polizeigewalt steht im Raum. Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon twitterte: „Die Todesstrafe gibt es in Frankreich nicht mehr. Kein Polizist hat das Recht zu töten, es sei denn, es handelt sich um Notwehr.“ Die Unruhen in den Vorstädten werden mit Sicherheit noch Tage andauern.
Schwere Ausschreitung gab es in Frankreich zuvor am 1. Mai. Menschen protestierten gegen die Rentenreform von Präsident Emmanuel Macron. (moe/dpa)